Ein Bauer kämpft um seine Zukunft

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Manuela und Ulrich Scheck vor dem Grundstück neben ihrem Hof am Altweg in Piesenhausen, wo sie gerne einen Neubau für die Brennerei errichten würden.

Marquartstein - "Wollt`s ihr unsere Landwirtschaft kaputt machen?" Der 73-jährige Ulrich Scheck ist Landwirt und kämpft um seine Zukunft. Deutlich machte er das auf der Bürgerversammlung in Marquartstein.

Unterstützt von seinem Sohn Ulrich Scheck, Landwirt auf dem Bauernschmidgütl im Ortsteil Piesenhausen, Marquartstein, Altweg 35, schilderten sie ihre verzweifelte Situation in einem vergleichsweise kleinen Gebiet im Dorf, für das im Jahr 2000 der bereits 1995 vom Gemeinderat beschlossene "Negativbebauungsplan" Piesenhausen rechtskräftig wurde.

Bürgerversammlung: Eklat um Ehrenamt-Bemerkung

Der damals gefasste Grundsatzbeschluss legt fest, dass eine Bebauung außerhalb der bisher festgesetzten Grenzen nicht mög-lich ist. "Private Grünflächen mit besonderer Bedeutung für das Ortsbild sind von jeglicher Bebauung sowie von Lagerflächen freizuhalten und als Obstwiesen oder landwirtschaftlich genutzte Wiesen zu nutzen", heißt es in einem Schreiben der Gemeinde Marquartstein im Juli diesen Jahres an Ulrich Scheck. Zuvor hatte der Gemeinderat mit sechs zu sechs Stimmen eine Änderung des Bebauungsplans abgelehnt und damit seinen für die Landwirtschaft dringend benötigten Neubau verhindert.

Familie Scheck mit den Eltern, Manuela und Ulrich Scheck, und vier Kindern, die in die umliegenden Schulen beziehungsweise den Kindergarten gehen, müssen von ihrer Landwirtschaft leben. Sie gaben ihr Vorhaben nicht auf.

Sie schilderten ihre Situation in Schreiben an viele Politiker, wie Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, Ilse Aigner, Alois Glück oder Peter Ramsauer, um nur einige zu nennen.

So stellt sich die Situation der Schecks dar: Mitten im dicht bebauten Ortsteil Piesenhausen bewirtschaftet die Familie einen kleinen Hof mit 16 Milchkühen und dem zugehörigen Nachwuchs. Dazu haben sie drei Gästezimmer und eine Schnapsbrennerei, wo pro Jahr 300 Liter Schnaps gebrannt werden dürfen. "Ohne Zimmervermietung und Schnapsbrennerei würde unser Einkommen durch die Milchwirtschaft nicht ausreichen", schildert Uli Scheck seine Situation im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Da die Schnapsbrennerei inzwischen veraltet und in einer winzigen Kammer untergebracht ist, wollten die Schecks sie durch einen Neubau so gestalten, dass der Jungbauer, dem bisher sein Vater noch tatkräftig hilft, diese Arbeit in der Zukunft auch allein ausüben kann. Die großen Fässer für die Maische sind entfernt von der Brennerei notdürftig in einer Garage untergebracht, die der Bauer dringend für Fahrzeuge bräuchte.

Das notwendige Geld für den geplanten Neubau besitzt Scheck inzwischen, da er ein verpachtetes Grundstück im Ortsteil Grafing, Grassau, verkaufte, um Geld in die Renovierung des Hofes stecken zu können. Das Geld wurde im Dezember 2008 ausgezahlt und muss aus steuerlichen Gründen innerhalb von vier Jahren in die Landwirtschaft investiert werden. "Uns läuft die Zeit davon", sagt der Schnapsbrenner und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Gemeinde.

Bevor der Bebauungsplan rechtskräftig wurde, habe er ein Baurecht für die kleine Obstwiese direkt neben seinem Hof eintragen lassen wollen. Damals sei ihm von Bürgermeister und Gemeindebeamten glaubhaft versichert worden, dass das "kein Problem" sei. Direkt an der Straße könne er immer bauen, habe es geheißen. "Jetzt kann sich niemand mehr daran erinnern", sagt Scheck. Er habe daran geglaubt, dass "auch das Wort was gilt, so wie es früher war". Natürlich wandte er sich auch an Kreisbaumeisterin Mechtild Hermann. Wie Landwirtschaftsminister Brunner habe sie ihn indirekt wieder an die Gemeinde verwiesen, denn die "Planungshoheit liegt bei der Gemeinde". Grundsätzlich aber sei eine Änderung von den Festsetzungen des Bebauungsplanes möglich.

Wie von Architekt Helmut Birner gezeichnet, ist ein 15 Meter langes und elf Meter breites Gebäude fünf Meter vom Altweg entfernt mit einer Höhe von 7,40 Metern geplant. Hier sollen ein großer Raum für Brennerei und Fässer entstehen, drei Garagen sowie im Obergeschoss zwei Wohnungen, die als Zuverdienst fest vermietet werden sollen. Auf dem Grundstück stehen bisher ein paar jahrzehntealte Apfel- und Zwetschgenbäume sowie ein großer Holzstoß - von einem erhaltenswerten "Obstanger" kann sicher nicht die Rede sein.

"Das ist die Entscheidung des Gemeinderats, wie sich das Dorf entwickeln soll", sagt der Geschäftsleiter der Gemeinde, Florian Stephan, zu den Vorwürfen. "Wenn wir mal anfangen nachzugeben, müssen wir das überall tun. Gleiches Recht für alle", erklärt er. Bürgermeister Andreas Dögerl sagte in der Bürgerversammlung, Alois Glück habe ihn deshalb angerufen. Dieser habe den Fall inzwischen ins Innenministerium zur Prüfung gegeben. Er versprach, dass der Fall auf die Tagesordnung der nächsten Gemeindratssitzung stehen werde.

In der Bürgerversammlung meldete sich auch Hans Aigner, Naderbauer von Piesenhausen, ebenfalls zum Negativbebauungsplan Piesenhausen zu Wort. Schon lange wolle er ein Gebäude für eine Hackschnitzelheizung bauen. Es reiche aber acht Meter in den Negativbebauungsplan hinein. Der Gemeinderat könne jederzeit Befreiungen von den Festsetzungen des Bebauungsplans aussprechen, habe es aber nicht getan. Wie Ulrich Scheck kritisierte er heftig, dass der Gemeinderat keine Ortseinsichtnahme vorgenommen habe. "Schaut`s es euch wenigstens an", so Aigner.

Christiane Giesen (Chiemgau-Zeitung)

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