Ein "echter Generationenvertrag"

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Der Reit im Winkler Revierförster Klaus Wieser, Sven Bussemer vom Schutzwaldmanagement Marquartstein und Bürgermeister Josef Heigenhauser (von links) am Dienstag zwischen den Flugböcken am Walmberg, die Setzlinge vor Schneedruck schützen sollen. Das rechte Bild zeigt Auswirkungen des Hochwassers von 2005.

Reit im Winkl - Tief ins Gedächtnis eingegraben haben sich in Reit im Winkl die Bilder, die sich im Sommer 2005 vielen Hausbesitzern und Rettungskräften boten.

Nach einem kurzen, ungewohnt heftigen Starkregen schwoll der Hausbach am nördlichen Ortsrand zu einem reißenden Sturzbach an, bald schon konnte die Kanalisation die Wassermassen nicht mehr aufnehmen.

Durch von der Wassergewalt mitgerissenes Material wie Steine oder Äste verklausten die vorgesehenen Abflusswege, Gullydeckel wurden auf die Straße gedrückt, das Wasser suchte sich mitten im Dorf eigene Wege und sammelte sich in Kellern von Wohn- und Geschäftshäusern, selbst das damals frisch renovierte Untergeschoss des Feuerwehrhauses an der Tiroler Straße stand fast zwei Meter unter Wasser.

Seitens des Wasserwirtschaftsamtes, des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), der Lawinenkommission und lokalen und überregionalen Politikern wurden intensive Analysen betrieben, wie der 2600 Seelen zählende Ort künftig von solch schwerwiegenden Naturkatastrophen verschont bleiben könne. Seither ist Einiges passiert: So wurde das Rückhaltebecken des Hausbachs am Grünbühel erheblich erweitert, wurden der Simonbauer-Graben in Unterbichl und der Pötsch-Graben in Entfelden deutlich verbreitert, der Abfluss am Klapfweiher vergrößert, wodurch dieser hoch über Reit im Winkl gelegene Wasserspeicher nach längerem Regen nicht mehr über die Ufer treten kann.

Seit 2005 wird zudem an der Schutzwaldsanierung am Walmberg gearbeitet. Auf einer Gesamtfläche von zehn Hektar werden dort in teils sehr steilem Gelände über 12000 Jungbäume gepflanzt, damit künftig das Oberflächenwasser langsamer und gezielter abfließen kann, aber auch Wanderwege, insbesondere unterliegende Wohnbebauung vor Muren oder Schneelawinen besser zu schützen. Um sich vom Fortgang dieser Schutzwaldsanierung ein Bild zu machen, trafen sich in dieser Woche vor Ort Sven Bussemer vom Schutzwaldmanagement, Revierförster Klaus Wieser und Bürgermeister Josef Heigenhauser.

Drei Männer sind seit Mitte Juli in den Hängen des Walmbergs damit beschäftigt, insgesamt 180 Anker im Boden zu fixieren. Dabei wird bis zu einen Meter tief in den "gewachsenen Fels" gebohrt, um die massiven Eisenstangen anschließend einzubetonieren. An diese Anker werden schließlich über drei Zentner schwere "Flugböcke" gehängt, diese sollen die Setzlinge vor Schneedruck schützen und den Bäumen im Laufe von 30 bis 40 Jahren ein ungefährdetes Aufwachsen ermöglichen. Über 620 solcher Flugböcke, die ihren Namen der Tatsache verdanken, dass sie per Hubschrauber eingeflogen werden müssen, wurden in den vergangenen Jahren bereits verbaut, jeder kostet etwa 500 Euro.

Bei den Jungbäumen werde auf Vielfalt Wert gelegt, wie dies Förster Bussemer erörtert, insgesamt sieben verschiedene Baumarten werden gepflanzt, vorwiegend Nadelbäume. Für dieses Jahr sind 1800 Bäumchen vorgesehen, in den kommenden beiden Jahren noch weitere 1500 und 150 Flugböcke. Dann wird diese Sanierung abgeschlossen sein, die Bussemer aufgrund der langen Wachstumszeit der Bäume im Bergwald als "echten Generationenvertrag" bezeichnet.

550000 Euro kosten die Pflanzungen und die Böcke, 90 Prozent davon trägt das AELF, letztlich also der Freistaat Bayern. Zehn Prozent verbleiben beim Betrieb, wie Revierförster Klaus Wieser ergänzt, also bei den Bayerischen Staatsforsten. Nicht nur deshalb, weil die verschuldete Gemeinde hier finanziell nicht belastet wird, begrüßt Bürgermeister Josef Heigenhauser diese Aufforstung nachhaltig: "Wir sind heilfroh, dass das AELF hier die Initiative ergriffen hat."

Erst in Jahrzehnten wird sich also zeigen, welchen Wert diese über acht Jahre währende Sanierung am Walmberg haben wird, ob die Bäume tatsächlich ihre Größe erreichen, den Hangboden vor Abrutschen sichern und positiv regulierend auf größere Wassermengen reagieren können. Auch wenn Reit im Winkl vor Jahrhundertregen wie 2005 künftig nicht verschon werden sollte, so wurde am Ort doch Vieles unternommen, um künftig Schaden an Hab und Gut abzuwenden.

ost/Chiemgau-Zeitung

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