Prozessauftakt: Geschädigter wohnte in Grassau

"Bin in keiner Verhandlung, sondern in schlechtem Film"

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Grassau - Viele Anlageschummeleien und mögliche Betrugs- und Geldwäsche-Aktionen gingen einer versuchten räuberischen Erpressung voraus, die dann im Sommer 2012 seinen Höhepunkt nahm. Vor dem Landgericht Traunstein begann am Montag ein aufwendiger Prozess.

Angeklagt ist ein gebürtiger Schweizer, der zunächst wegen der vorausgegangenen Fälle und Verurteilungen der Polizei als Zeuge diente. Kurz vor seiner Ausreise in die USA - dort wollte er sich weiteren Geschäften widmen - nahm ihn die Polizei am Flughafen fest. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Die Aktenberge türmten sich im Gerichtssaal. Der Prozess dauert bis in den Juni hinein, viele Zeugen sollen gehört werden, wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht. Doch weil sich etliche Personen, die vor Gericht befragt werden sollen, im Ausland aufhalten, scheint es fraglich, ob alle in den Zeugenstand treten werden. "Einige Absagen haben wir bereits erhalten", hieß es am Montag von der Kammer.

Der Fall und seine Vergangenheit

In aufwendigen Ermittlungen wurden die Zusammenhänge zwischen dem Angeklagten und seinen damaligen Mitstreitern erörtert. Zahlreiche Anlagengeschäfte und - wie sich der vorsitzende Richter - Erich Fuchs öfters fragte, möglicherweise auch Geldwäsche - gingen der eigentlichen Tat - voraus.

Der Angeklagte übernahm eine völlig verschuldete Firma, möglicherweise zu Abschreibungszwecken, zahlte Unmengen an Provisionen, auch an das spätere Opfer und war eventuell auch in Anlagenbetrug verwickelt. Beim Verlesen der Anklageschrift fehlte es der Staatsanwaltschaft jedoch an einem wichtigen Detail: Den Tatvorwurf. Dieser erschließe sich aus den Erläuterungen des Vorgangs, fand der Staatsanwalt. Die Verteidigung rügte den Sachverhalt und die beiden Richter samt Schöffen zogen sich zur Beratung zurück.

Beratungen nach Rüge durch Anwalt

Die Klage wurde zugelassen, der vorsitzende Richter gab zu Protokoll, dass während der Verhandlungspause Staatsanwalt und Verteidiger ein Gespräch hatten, in dem darauf hingewiesen wurde, dass bei einem Geständnis durch den Angeklagten eine Verkürzung des Prozesses sowie eine Bewährungsstrafe einhergehen könnte. Das Geständnis kam nicht, wohl aber eine Erklärung zu den persönlichen Verhältnissen.

Was wird dem Schweizer vorgeworfen?

Der Angeklagte soll im Sommer 2012 entweder andere, teils bereits verurteilte Mitstreiter dazu angestiftet haben, einen Geschäftspartner zu erpressen, geschuldetes Geld einzutreiben. Zunächst soll der Geschädigte durch Mitteilungen aufgefordert worden sein, 15 Millionen Euro auf ein Konto, das dem Angeklagten gehört haben soll, zu überweisen. Aus diesem Grund sei erkennbar, dass der Angeklagte mit der versuchten Erpressung etwas zu tun haben musste, zeigte sich die Staatsanwaltschaft überzeugt.

Das Opfer reagierte auf die Nachrichten zunächst nicht, wurde dann an der Haustüre des eigenen Wohnhauses von zwei Männern im Gesicht verletzt (Schnittwunde an der Backe und Einsatz von Pfefferspray) - außerdem kam es wenige Zeit später zu erheblichen Verschmutzungen der Hauswand, in dem das Opfer gewohnt hatte. Die Täter warfen Fleisch und Tierblut an die Hausmauer und zündeten eine Kugelbombe. "Es war wohl glücklicherweise mehr eine bessere Silvesterrakete", betonte der vorsitzende Richter, Erich Fuchs nach Prüfung der Akten. Die Verunreinigungen am Haus in Grassau wurden zu dem Zeitpunkt getätigt, an dem der Geschädigte bereits ausgezogen war. Dies wussten die Täter damals nicht. Einzelne Personen wurden wegen der Vorfälle bereits verurteilt.

Zeugen holten weit aus

Die geladenen Zeugen am ersten Prozesstag waren Polizeibeamte, die weitreichende Ermittlungen führten. Eine Polizeibeamtin, die als Sachbearbeiterin fungierte, erklärte im Zeugenstand, dass es sich bei den Anlagegeschäften des Angeklagten und seinen Geschäftspartner um ein Schneeballsystem gehandelt haben muss. Ausschüttungen seien gegeben worden, es handelte sich jedoch um Geld, das andere Anleger einbezahlt hatten. Jonglierereien mit Millionenbeträgen kamen ins Spiel.

Komplizierte Strukturen

In wie weit es um Geldwäscheaktionen gehandelt haben mag, wurde am ersten Verhandlungstag nicht klar. Der Angeklagte soll wissend in Kauf genommen haben, dass der Geschädigte Mann aus Grassau Schaden der eigenen Gesundheit erleide durch die Angriffe an der Haustüre.

Der vorsitzende Richter zeigte sich überzeugt davon, dass bei den Aussagen weiterer Zeugen, die durch die Polizei vernommen wurden, nicht die ganze Wahrheit gesagt wurde.

Unklar sei auch, ob der Vater des Angeklagten in die Geschäfte möglicherweise mitinvolviert gewesen sei.

"Ich bin hier in keiner Gerichtsverhandlung, sondern in einem schlechten Film", bemerkte der vorsitzende Richter, Erich Fuchs. Zwei Männer sollen erpresst worden sein, bei dem Prozess, der bis Juni andauern wird, sollen noch viele Fragen geklärt werden. Mit einem Urteil ist Anfang Juni zu rechnen. Ob der Angeklagte tatsächlich Mitwisser oder Beteiligter, möglicherweise sogar Auftraggeber der Erpressungsversuche und Körperverletzungen war, ist noch unklar. Dies gilt jedoch als Tateinheit.

Rubriklistenbild: © Mittermair

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