Der Papst entschuldigt sich persönlich

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Als junger Mann (rechts oben) ist Alois Reichgruber aus Unterwössen von seinem Dorfpfarrer sexuell missbraucht worden.

Unterwössen/Konstanz - Das ist die Geschichte von Alois Reichgruber. Er wurde als Jugendlicher in Unterwössen vom Dorfpfarrer missbraucht. Die Begegnung mit Papst Benedikt XVI. war für ihn ein Schlusspunkt nach 52 Jahren.

Die Geschichte begann vor über 50 Jahren, doch Alois Reichgruber schüttelt es noch heute. 15 Jahre war er alt, als ihn sein Dorfpfarrer sexuell missbrauchte. Justiz, Kirche und viele Menschen im Dorf hatten nur Ungerechtigkeiten für ihn übrig. Jetzt hat Reichgruber, der seit 1979 in Konstanz lebt, eine Art von Schlusspunkt finden können. In Erfurt gehörte er zu jenen fünf Missbrauchsopfern, bei denen Papst Benedikt XVI. stellvertretend Abbitte leistete. Die Entschuldigung hat ihm gut getan.

1959, bei einem Skiausflug in Südtirol, passiert es. Der Pfarrer ist mit der Dorfjugend unterwegs und nimmt den jungen Alois zur Seite, wird zudringlich. Reichgruber muss den Geistlichen befriedigen. Und er erinnert sich bis heute ganz genau daran, wie ihn der Gottesmann unter Druck setzt. "Bei dir regt sich ja nichts. Die Mädchen lachen dich ja aus", lästert der Geistliche. Halb Kind, halb Mann, muss sich Alois auch noch Lügen anhören. Es sei "zwischen Männern normal und nichts dabei."

Es bleibt nicht beim Übergriff im Skilager. Im darauffolgenden Sommer muss der junge Fotografenlehrling für seinen Meister Dias an den damals 50 Jahre alten Pfarrer liefern. Alois wird zum Mittagessen eingeladen, eine Absage wäre undenkbar gewesen im Unterwössen des Jahres 1959. Der junge Gast lehnt den angebotenen Alkohol ab und wird doch genötigt, einen Kräuterlikör mitzutrinken, er spürt einen leichten Rausch. Wenig später zwingt der Pfarrer ihn zu ähnlichen sexuellen Handlungen wie im Winter. Es wiederholt sich noch einige Male in den folgenden Wochen und Monaten.

Alois erlebt noch etwas anderes: die Macht des Schweigens, der Unsicherheit, der Angst. "Mein Lehrherr verstand nicht, warum ich mich weigerte, fertiggestellte Dias an den Pfarrer zu liefern." Dabei ist er nicht allein: "Wir waren so an die zehn Jungs im gleichen Alter, die vom Pfarrer gezwungen wurden." Sie sprechen untereinander über das, was im Pfarrhaus läuft. Aber: Nicht seinen Eltern, nicht seinen Lehrern, niemandem kann Alois sich wirklich anvertrauen. Denn der Pfarrer gilt als unangreifbare Autorität, ist im Ort mehr beliebt als gefürchtet: Schützenkönig, Segelflieger. Er baut das örtliche Laientheater wieder auf und erweitert die Kirche. Davon spricht man im Dorf.

Aus dem Opfer wird ein Täter

Dass der Gottesmann nicht freiwillig da ist, ist kein Thema. Erst viel später erfährt Alois, dass der Geistliche zwangsversetzt ist, weil er sich wohl an Buben vergangen hatte. Die Kirche verschweigt die Vorgänge und warnt niemanden vor der Gefahr.

Die Übergriffe haben irgendwann ein Ende, doch es dauert Jahre, bis Reichgruber nochmals darüber redet. Da ist er 19, mit einem Kumpel im Urlaub, die Vorkommnisse gelangen an die Öffentlichkeit. Denn der Kumpel hat nichts Besseres zu tun, als gemeinsam mit einem Freund den Pfarrer um Geld zu erpressen. Das lässt sich dieser nicht gefallen, geht zur Polizei. Und muss sein sexuelles Fehlverhalten eingestehen.

Für Alois beginnt keine Aufarbeitung, sondern die bitterste Episode in einer ohnehin traurigen Geschichte. Die Polizei ermittelt. Reichgruber ist 19 und noch minderjährig. Er wird vernommen - wie ein einziger Freund, der sich ebenfalls traut, die Wahrheit zu sagen. Alois wird es bitter bereuen, denn am Ende wird er selbst angeklagt. Aus dem Opfer macht die Justiz einen Täter: "Unzucht zwischen Männern" lautet der Vorwurf. Alois und sein Freund werden laut Anklageschrift der Handlung bezichtigt, "sich fortgesetzt von einem Mann zur Unzucht missbraucht haben zu lassen." Man muss den Satz zweimal lesen, um seine Wucht zu verstehen.

Termine werden verschoben, zu einer Verhandlung kommt es nie. Am 14. März 1964 steht dann plötzlich die Polizei vor dem Elternhaus und führt den jungen Mann ab. In Übersee wird er in eine Zelle gesperrt, muss auf dem blanken Boden schlafen, erhält eine Rossdecke, Malzkaffee und trockenes Brot. Nach drei Tagen und zwei Nächten kann er gehen. Warum sie ihn einsperren, sagen die Polizisten Alois nicht. Er kommt zu einer bestürzenden Erkenntnis: "Justiz und Klerus haben damals zusammengeschirrt."

Das Leiden ist damit nicht zu Ende. Alois und seine Eltern werden von vielen im Dorf geschnitten. In den Läden werden sie nicht mehr bedient, der Vater geht nicht mehr ins Wirtshaus. Leute rufen ihm zu: "Dein Bub hat unsern Pfarrer verführt". Irgendwann muss der Dorfpfarrer Unterwössen verlassen. Sein Interimsnachfolger, wird Alois berichtet, habe von der Kanzel gepredigt, dass ein junger Mann den Pfarrer aus dem Ort vertrieben habe. Wieder wird eine Tatsache verdreht. Alois zieht weg. Als er zwei Jahre später zurückkehrt und seinen Onkel besucht, begrüßt ihn der Onkel mit den Worten: "Der Verbrecher kehrt an den Tatort zurück." Der ganze Stammtisch hört mit. Irgendwann schreibt ihm der Pfarrer. Eineinhalb Seiten, Schreibmaschine. Ein Mann, der jeden Samstag die Beichte abnimmt, zeigt keine Reue.

51 Jahre später die Eindladung zum Papst

Ein ungestörtes Leben findet Reichgruber schließlich in München und wenig später im Allgäu. Seine spätere Frau lernt er 1967 im Urlaub kennen; sie stammt ebenfalls aus dem Chiemgau. Sie, eine Evangelische, kennt die Geschichten, die sich um Alois ranken, stört sich aber nicht daran. 1970 heiraten die beiden - kirchlich. In Unterwössen; längst ist dort ein neuer Pfarrer, der auch die beiden Söhne des Paars tauft. Bis heute ist Reichgruber mit dem Geistlichen befreundet.

1979 zieht Alois Reichgruber mit seiner Familie nach Kopnstanz. Viele kennen ihn auch als Chef eines ehemaligen Fotolabors in Allensbach.

Als 2010 das Schweigen bricht und Deutschland endlich über die Missbrauchsfälle redet, wendet er sich an seine Kirche. Irgendwann findet er den richtigen Ansprechpartner. Er hat Belege für alles, der Fall ist fast lückenlos nachvollziehbar. Ein Missbrauch, ein Versagen der Kirche, ein Justizskandal. Schließlich nimmt die Deutsche Bischofskonferenz Kontakt zu Reichgruber auf und lädt den 67-Jährigen nach Erfurt ein, zum Papst.

Zusammen mit vier weiteren Missbrauchsopfern - zwei Frauen und zwei Männer, zwei davon schwer traumatisiert - trifft er das Oberhaupt der katholischen Kirche. Die Begegnung empfindet er 52 Jahre nach dem ersten Missbrauch als beeindruckend. Einige von ihnen seien in Tränen ausgebrochen, als sie von ihrer Vergangenheit erzählten. "Bestimmt eine Minute lang hat mir der Heilige Vater die Hand gehalten und sich für das Vergehen des Pfarrers entschuldigt", erzählt Reichgruber. Der Papst sei sehr bewegt gewesen und habe um Verzeihung gebeten: Die Geschehnisse täten ihm in der Seele weh.

Für Alois Reichgruber ist im Priesterseminar von Erfurt eine Geschichte zu Ende gegangen. Papst Benedikt XVI. entschuldigte sich in aller Form, Reichgruber nahm die Entschuldigung an. Das Opfer, das zum Täter gemacht wurde, sagt: "Ich trage jetzt viel leichter daran."

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