Die "Reichsdeutschen" der Heimatgemeinde Chiemgau

Das sind die "Verrückten" mit den Fantasiekennzeichen

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Beim Treffen der Heimatgemeinde Chiemgau in Hemhof: Anton von Peckelsheim (links) und Rafael von Hohenlimburg (rechts) mit den umstrittenen Autokennzeichen.

Bad Endorf - Wer steckt hinter den grünen "MENS:CH"-Kennzeichen an den Autos? Wir haben die "Heimatgemeinde Chiemgau" besucht - unter ihnen auch ein hoher Polizeibeamter. 

Seinen Personalausweis hat er zerschnitten und an das Einwohnermeldeamt zurückgeschickt. Seit 16. Juni 2015 sieht sich Anton Tewes nicht mehr als Staatsangehöriger der Bundesrepublik: Er ist nun "Zugehöriger der Heimatgemeinde Chiemgau". Mit dem Personalausweis hat er auch gleich seinen Nachnamen ad acta gelegt. Nun sitzt "Anton von Peckelsheim", wie er nun genannt werden will, mit rund 80 weiteren Mitstreitern beim Brandlwirt in Hemhof, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Bad Endorf. Alle zwei Wochen trifft sich dort die Heimatgemeinde Chiemgau.

So sieht ein Ausweis der Heimatgemeinde Chiemgau aus.

Die Leute von der Heimatgemeinde bezeichnen sich selbst als "Reichsdeutsche". Die Bundesrepublik Deutschland erkennen sie als Staat nicht an, sie sei nur eine "eingetragene Firma". Anders das Deutsche Kaiserreich von 1871: "Es wurde offiziell nie aufgelöst, nach dieser Definition sind wir alle Reichsdeutsche", so Anton Tewes. Gruppen wie seine gibt es viele im deutschsprachigen Raum. Manche werden vom Verfassungsschutz dem rechtsextremen Milieu zugerechnet, bei vielen anderen handelt es sich "nur" um Verschwörungstheoretiker und Esoteriker.

"Man kann uns ruhig als verrückt bezeichnen"

Es ist laut im Obergeschoss des Brandlwirts. An der Wand Schützenscheiben und die Reste der Faschingsdekoration. Es wird diskutiert und gelacht. Dann beginnt das eigentliche Programm: "Johannes von Aschau" steht vor versammelter Mannschaft und bringt die "Heimatgemeinde" in Stimmung. "Wenn wir erst merken, welche Urkräfte wir haben, gibt es keine unheilbaren Krankheiten mehr", ist so ein Satz. Oder auch: "Man kann uns ruhig als verrückt bezeichnen - aus der Mitte gerückt, weil wir in ein falsches System hineingeboren wurden." Etwa 50 Jahre alt dürfte er sein, wirkt engagiert und freundlich. Er ist hier der Chef, sein offizieller Titel bei der Heimatgemeinde: Oberamtsrat.

"Personalausweis, Reisepass, Führerschein - alles ungültig", so Rafael von Hohenlimburg.

Auch vom nächsten Redner weiß niemand so genau den richtigen Namen. "Rafael von Hohenlimburg" wird gleich einen einstündigen Vortrag halten. Thema: Die grünen "MENS:CH"-Nummernschilder - und warum es eigentlich doch rechtens sei, sie gegen die amtlichen Kennzeichen einzutauschen. Genau durch diese Schilder sind die Anhänger der Heimatgemeinde Chiemgau in den vergangenen Monaten öfters der Polizei aufgefallen: Für die Halter hagelte es jeweils Anzeigen und Bußgelder. Man will damit ausdrücken, dass man ein "Mensch" sei und keine juristische Person.

Die BRD: Kein Staat, sondern eine Firma?

Auch ihm nahm die Polizei im Dezember 2015 die Kennzeichen vom Auto: Nun hat dieser Zugehörige der Heimatgemeinde Chiemgau zwei neue Schilder.

Rafael von Hohenlimburg holt dabei zum großen Schlag aus, beruft sich auf Grundgesetz, Straßenverkehrsordnung und Pflichtversicherungsgesetz: "Dort ist nur von Wegen und Plätzen die Rede, nicht aber von Straßen. Das worauf wir fahren, ist eine Fiktion. Wir müssen unsere Autos deshalb eigentlich gar nicht versichern." Egal ob es um amtliche Dokumente, Versicherungen oder Gerichte geht: Im Weltbild der Reichsdeutschen hat all das keine Gültigkeit - eben weil der Staat BRD für sie keine Gültigkeit hat. So einfach geht's.

Die kleinsten Details werden herangezogen, wenn es darum geht, der Bundesrepublik die Rechtmäßigkeit abzusprechen: "Es ist ja nicht mal sicher, welches Staatssymbol in der BRD eigentlich gilt", so Rafael von Hohenlimburg - mal habe der Bundesadler fünf Schwingen, mal sechs, mal sieben. Vom "Firmenlogo der BRD" spricht er dabei und fügt selbstsicher hinzu: "Daher ist der Personalausweis auch gar kein gültiges Dokument." Bei der Heimatgemeinde Chiemgau dreht man den Spieß einfach um und stellt eigene Ausweise her.

Von Indigenen, Pressezensur und Wahlmanipulation

Ob es sich dabei einfach nur um "Verrückte" und Verschwörungstheoretiker handelt, oder um Rechtsextreme - man kann es nicht sagen. "Wir sind die Nativen und Indigenen in diesem Land", heißt es und Asylbewerber würde Anton von Peckelsheim lieber nicht in der Heimatgemeinde aufnehmen wollen. Während der Vorträge platzt es immer wieder aus Anhängern der Heimatgemeinde heraus: "Bei Straftaten wird doch nur gegen Deutsche ermittelt" oder "Wir Deutschen sollen vernichtet werden." Mit Nazis solle man sie aber bloß nicht verwechseln und auch in der Parteienlandschaft fühlt man sich nirgendwo zuhause.

Gegen fünf Euro gab's die "Rechtaufklärung" zum Mitnehmen.

Im Obergeschoss des Brandlwirts herrscht Skepsis wohin man blickt: "Du wirst ja auch zensiert, wahrscheinlich hast Du das noch gar nicht gewusst", schallt es einem entgegen. Anton von Peckelsheim zeigt dagegen auf eine Ausgabe des "Magazin 2000plus" - die einzige Zeitschrift, die in Deutschland nicht zensiert wäre: "Die USA haben bis 2099 die Medienhoheit, die Anweisungen kommen von der CIA", raunt er.

Auch dass die Wahlergebnisse bereits vier Wochen im Voraus feststehen weiß Anton von Peckelsheim. Die Mandatsverteilung im Bundestag würde ein Bilderberger-Treffen bestimmen. Das ist aber noch nicht alles: Die BRD zahle Steuern zum einen an den Papst und die Rothschild-Familie, zum anderen an die britische Queen. Da ist sich Anton von Peckelsheim sicher. Doch ob im Verhältnis 40 zu 60 oder 60 zu 40 - das weiß er nicht so genau.

Ein Polizeihauptkommissar gibt gut gemeinte Tipps

Harald Schreyer, Erster Polizeihauptkommissar.

Als Rafael von Hohenlimburg mit seinem Vortrag zu den "MENS:CH"-Kennzeichen fertig ist, tritt der nächste und letzte Redner des Abends vor die Heimatgemeinde. Er hat keinen Fantasienamen, dafür aber einen hochrangigen Beruf: Harald Schreyer ist Erster Polizeihauptkommissar und lehrt im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring. Wer glaubt, er wäre eine Art Gastredner, täuscht sich: "Ihr wisst doch selber, wie die BRD funktioniert. Muss ich dazu noch was sagen?" Es herrscht Einigkeit.

Schreyer gibt den 80 Leuten im Brandlwirt Ratschläge im Umgang mit den Beamten. "Aber was ist unsere Lösung?", will eine Frau im Publikum wissen: "Wenn solche Netzwerke größer werden, dann zerbröselt das System irgendwann", meint Schreyer. Dass er unter "Netzwerk" eine Gruppe wie die Heimatgemeinde Chiemgau meint, ist jedem klar.

Ein weiterer Artikel über Polizeihauptkommissar Schreyer folgt.

xe

Quelle: rosenheim24.de

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