Rede vor der "Heimatgemeinde Chiemgau"

Polizist Schreyer: Das Bindeglied zu den "Reichsdeutschen"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Rund 45 Minuten sprach Erster Polizeihauptkommissar Schreyer am Dienstag vor der "Heimatgemeinde Chiemgau".

Bad Endorf - Erst am Dienstag sprach ein hochrangiger Polizist vor den "Reichsdeutschen" der Heimatgemeinde Chiemgau. Die Sache könnte nun ein Nachspiel für ihn haben.

"Ihr wisst doch selber, wie die BRD funktioniert. Muss ich dazu noch was sagen?" Normalerweise spricht Harald Schreyer vor Nachwuchsbeamten in der Polizeischule. Doch dieser Satz - und die rhetorische Frage - fiel am Dienstag in ganz anderer Runde: Vor rund 80 Anhängern der "Heimatgemeinde Chiemgau", selbsternannten "Reichsdeutschen". Sie akzeptieren die Bundesrepublik nicht als Staat und basteln sich ihr Weltbild aus Verschwörungstheorien, rechter Ideologie und Esoterik zusammen.

Als Seminarleiter auf der Polizeischule in Ainring

Er wolle ein "Bindeglied" sein zwischen der "Heimatgemeinde" und der Polizei, so Schreyer im Gespräch mit chiemgau24.de nach der Veranstaltung. 40 Jahre ist er bereits im Dienst bei der Bayerischen Polizei, sein Rang: Erster Polizeihauptkommissar. Der höchste Dienstgrad bei Polizeivollzugsbeamten im gehobenen Dienst. Hauptsächlich ist er im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring als Seminarleiter tätig.

"Man muss sich überlegen, wo der Feind steht: vor dem Grenzschild oder dahinter" - Harald Schreyer.

Als Harald Schreyer am Dienstagabend in der Nähe von Bad Endorf vor den "Reichsdeutschen" stand war das eine Begegnung auf Augenhöhe: "Ich sage Euch, wie dieses System funktioniert", kündigte er gleich zu Beginn an. Es folgten Tipps zum Umgang mit Polizisten und er verriet andererseits, dass es bei den Beamten bereits "Handlungsanweisungen im Umgang mit Reichsbürgern" gäbe. Als ihn eine Anhängerin der "Heimatgemeinde" nach einer "Lösung" fragte, meinte Schreyer selbstbewusst: "Wenn solche Netzwerke (Anm. der Redaktion: wie die Heimatgemeinde) größer werden, dann zerbröselt das System irgendwann."

Verschwörungstheoretiker als Informationsquellen

Was ist das für ein Mann, der morgens in der Polizeischule steht und abends wie selbstverständlich zum Stelldichein mit "Reichsdeutschen" zusammenkommt? Er sei "auf der Suche nach der Wahrheit und da kommt man auf Widersprüche", meint Schreyer im Gespräch. Seit rund zehn Jahren lese er Internet-Seiten wie quer-denken.tv oder kopp-Verlag.de. Bei einem kurzen Blick über die Seiten weht einem die volle Dröhnung an Esoterik und rechten Verschwörungstheorien entgegen: Antisemiten kommen genauso zu Wort wie "Geistheiler" oder Geschichtsrevisionisten.

Einmal wurde ihm sein öffentliches Auftreten bereits zum Verhängnis: Im August 2015 gab Harald Schreyer dem Verschwörungstheoretiker Jo Conrad ein einstündiges Video-Interview (siehe unten). Der Polizeibeamte schwadronierte dort vom Deutschen Reich, das in den Grenzen von 1937 noch Bestand hätte, verbreitete Gerüchte über Asylbewerber und sprach von "Möglichkeiten" und "Spielräumen", die man als Polizist in der Praxis habe: "Wenn ich was nicht sehe, dann sehe ich was nicht." Außerdem behauptet Schreyer dort, ein Ausweis des "Deutschen Reiches" habe unter bestimmten Voraussetzungen Gültigkeit.

Schreyer bekam schon einmal Probleme

Schreyer bei einem Interview im August 2015. Danach gab es "ermahnende Gespräche".

"Dieses Interview wurde damals disziplinarrechtlich und beamtenrechtlich geprüft, aber es hatte keine Konsequenzen", so Schreyer im Gespräch. So ganz stimmt das nicht. Eine Nachfrage beim Präsidialbüro der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Bamberg ergibt: "Nach der dienstaufsichtlichen Überprüfung folgte ein Gespräch mit belehrendem und ermahnendem Charakter", so der dortige Pressesprecher Holger Baumbach. Schreyer solle künftig seine berufliche Funktion und seine private Meinung strikt trennen.

Nun suchte Schreyer wieder die Bühne: "Ich stehe als Polizist hier", sagte er am Dienstag vor der "Heimatgemeinde Chiemgau" - und ruderte später im persönlichen Gespräch mit chiemgau24.de wieder zurück: Als Privatperson sei er heute hier gewesen. Auf seiner "Suche nach der Wahrheit" stelle er ja nur Fragen, ob es das Deutsche Reich oder das Kaiserreich noch gäbe, so Harald Schreyer. Und weiter: "Gilt das Grundgesetz überhaupt noch? Sind die Richter am Bundesverfassungsgericht noch frei und unabhängig? Ich weiß es nicht."

"Aktuelle Vorgänge werden wieder überprüft"

Auch das Thema Einwanderung und das Verhalten der Polizei sprach er an. In Hinblick auf die vielen Flüchtlinge an der Grenze meinte Schreyer vor den "Reichsdeutschen": "Da muss man sich überlegen, wo der Feind steht: vor dem Grenzschild oder dahinter." Den ersten Artikel über das Treffen der "Heimatgemeinde Chiemgau" und Schreyers Auftritt hat man auch bei den Beamten genau gelesen. Pressesprecher Holger Baumbach verrät: "Diese aktuellen Vorgänge werden wir nun auch wieder prüfen."

Das Interview von Harald Schreyer mit Jo Conrad vom August 2015

xe

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bad Endorf

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser