Die Chiemsee-Fischerin

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Irmi Wallner mit ihrem Vater auf dem Bayerischen Meer. Für die 39-Jährige gibt es nichts Schöneres als den Sonnenaufgang über dem Chiemsee.

Chieming - Am Chiemsee-Ostufer hat sich eine junge Frau für ein altes Handwerk entschieden - und damit für einen ungewöhnlichen Arbeitsalltag. Irmi Wallner ist Fischerin am Chiemsee.

Irmi Wallner taucht eine Renke nach der anderen in das blutrote Wasser im Spülbecken und kratzt die blauen Nieren aus den aufgeschlitzten Bäuchen. Hinter ihr fliegen die silbrigen Schuppen der Brachse mit lautem Krachen durch die Luft, als ob ihr Onkel mit dem elektrischen Hobel über Stahl fahren würde. Die Muskeln der toten Tiere zucken so stark, dass manche fast von der Arbeitsplatte springen. Dazwischen steht Irmi Wallners Vater, Wolfgang Kirchmeier, und schmeißt mit vollen Händen Gedärme in Plastikeimer.

"Du wirst mal der Fischer", sagten Wolfgang und Maria Kirchmeier früher zu ihrer zweitältesten Tochter. Irgendwann hat sie es geglaubt. Ihre Eltern haben sie nach Irmingard von Chiemsee benannt, die als Äbtissin auf der Fraueninsel lebte. Der Stammbaum der Familie Kirchmeier geht fast 500 Jahre zurück - alle waren Fischer. "Mein Vater sagt: Die Jüngeren sollen erhalten, was die Alten bewahrt haben. Ich denke, er hat schon recht", sagt die Thomafischerin, die nicht viel redet. Wenn es sein muss, gibt sie kurze, leise Anweisungen. Sie sagt, es freut sie, etwas herzustellen, das den Leuten schmeckt. Dafür führt sie ein Leben, das sie von vielen unterscheidet.

Vor Sonnenaufgang hinaus auf den See

Irmi Wallners Tag beginnt meist vor Sonnenaufgang. Manchmal begleitet sie den Vater in dem schmalen Edelstahlboot. Zusammen ziehen sie dann die Nylonnetze gerade so weit aus dem Wasser, dass sie die Fische herausholen können. Ein kurzer Genickschlag gegen die Kante der Bootswand und der Fisch landet in den Plastikkörben hinter ihnen. Einige zappeln weiter, öffnen ihre Münder, als würden sie nach Luft schnappen und klatschen mit den Flossen nass auf ihren Artgenossen herum. Wallner ist eine der wenigen Berufsfischerinnen am Chiemsee. "Es darf einem nicht leicht vor was grausen", sagt sie. Ihre Kleidung ist zweckmäßig: dunkelgrüne Gummistiefel und Fischerschürze. Die schulterlangen, braunen Haare sind unter einer roten Mütze versteckt. Ihre schlanke Gestalt, die ebenmäßigen Gesichtszüge und die gebräunte Haut lassen die 39-Jährige jugendlich aussehen. Lächelnd zeigt sie zum Ufer, wo hinter Baumreihen rotglühend die Sonne aufgeht. Der See ist still, es ist kalt, die Möwen kreisen über dem Boot. Die Kampenwand und die Fraueninsel sind in der diesigen Morgenluft kaum zu erkennen.

Irmi Wallner liebt die Ruhe morgens am See. Auch das ein Grund, warum sie nach dem Realschulabschluss drei Jahre beim Vater in die Lehre ging und weiter machte bis zum Meister. Sie heiratete, zog in eine nahegelegene Gemeinde und bekam einen Sohn. Doch jeden Tag fuhr sie heim nach Chieming und half dem Vater beim Fischen oder Schlachten. Irgendwann - so der Plan - würde sie ins Elternhaus zurückkehren, sich nach und nach einarbeiten in alle Bereiche: die Buchhaltung, die Vermietung der Ferienwohnungen, die Haus- und Gartenarbeit.

Mit 28 der Sprung ins kalte Wasser

Aber es kam anders. Die Mutter erkrankte schwer an Krebs und starb mit 50 Jahren. So bat der Vater seine damals 28-jährige Tochter, den Betrieb zu übernehmen. Die sprang ins kalte Wasser; doch ihrem Mann war das zu viel. Ihre Ehe scheiterte.

Heute übernimmt Irmi Wallner meist andere Aufgaben, während ihr Vater zum Fischen fährt. Denn inzwischen hat die Fischerin drei Söhne. Manchmal kommt einer von ihnen die Mutter frühmorgens besuchen, wenn sie im weißen Häuschen in der Mitte des Gartens sitzt und räuchert. Dort vernebelt der Qualm die Luft; das offene Feuer und der alte elektrische Kronleuchter bringen nur wenig Licht; im Radio läuft Volksmusik. Stunde um Stunde sitzt Irmi Wallner im abgewetzten Holzsessel vor dem Räucherkamin, legt kleine Scheite vom Erlenholz, das der See anschwemmt, in die vier offenen Feuerstellen. Die Flammen müssen gleichmäßig und maßvoll sein, damit die Fische, die darüber hängen, nicht verbrennen.

Wenn es hell wird, kommt Irmi Wallners zweiter Ehemann, Heinz Wallner, zu ihr ins Räucherhaus und bringt Frühstück. Das Paar hat zwei gemeinsame Söhne. Der Jüngere ist sechs Jahre alt. Er habe viel mit dem Opa gemeinsam, so die Thomafischerin.

Allein geht hier gar nichts

Heinz Wallner hilft überall: im Haus, wo die Spielsachen der Kinder verstreut liegen, im Garten, wo die Fischernetze trocknen, und in der Fischschlachterei. Er hat vor, die Gesellenprüfung zum Fischer zu machen. Sein Recycling-Unternehmen verkaufte er und das Gasthaus, das er zeitweise selbst geführt hat, wird verpachtet.

"Allein geht hier gar nichts", sagt Irmi Wallner. Sie hofft, dass ihr 70-jähriger Vater möglichst lange mithelfen kann - wenigstens bis die Kinder sie morgens nicht mehr brauchen. Beim Fischverkauf im Laden hilft einmal in der Woche ihre jüngere Schwester. Die ältere Schwester lebt in Tirol, sie ist Harfenistin. Auch Irmi Wallner macht Musik: Im Trachtenverein spielt sie Gitarre und Ziehharmonika. Um im Blasmusikorchester mitspielen zu können, lernte sie nach der Schule Posaune.

Das war ihre Rebellion: ein Blasinstrument spielen. Aber sie weiß zu schätzen, was sie hat: die Familie, die Eigenheiten der Jahreszeiten, die Apfelbäume im Garten und vor allem den Sonnenaufgang am Chiemsee.

Nadja Wolf (Oberbayerisches Volksblatt)

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