Badevergnügen bald vorbei?

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Ist dieses Badevergnügen in den Chiemgau Thermen bald vorbei? Mit der geforderten Drohverlustrückstellung von 13,3 Millionen Euro gerät das Unternehmen in Schieflage.

Bad Endorf - Der Gesundheitswelt Chiemgau droht aufgrund einer finanziellen Schieflage das Aus: Bis 2013 ist eine Drohverlustrückstellung von 13,3 Millionen Euro nötig.

"Nach jedem Regen kommt wieder die Sonne", sagt ein Sprichwort. Ob das allerdings für die Gesundheitswelt Chiemgau (GWC) AG in Bad Endorf auch so zutrifft, darauf kann der Konzernvorstand nur hoffen. Derzeit fährt das Unternehmen nämlich in schwerer See: Bis Ende 2013 müssen 13,3 Millionen Euro als sogenannte "Drohverlustrückstellung" buchhalterisch eingestellt werden. Das könnte das Aus für das Unternehmen bedeuten.

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Noch seien die Zahlen für das Geschäftsjahr 2011 nur vorläufig, weil sie nicht offiziell geprüft wurden. Bis zur Hauptversammlung am 10. August werde das aber der Fall sein. Doch Vorstandssprecher Dietolf Hämel jun. und sein Finanzvorstand Roland Zeh wollen als Doppelspitze so ohne weiteres nicht die Segel streichen. "Wir kämpfen für das Unternehmen. Dabei wollen wir transparent sein", sagten die beiden jetzt in einer Pressekonferenz. Eigentlich sei das eine Überschuldung und somit ein Konkursgrund" erklärt Hämel. Allerdings sei der Konkurs wegen eines aktuellen Gesetzes bis zum 31. Dezember 2013 ausgesetzt. Hämel betont aber, dass das Unternehmen bis zu jenem Tag X, also dem 1. Januar 2014, liquide und handlungsfähig ist, nicht zuletzt wegen der Gesamtliquidität der GWC AG von 616000 Euro.

In diese buchhalterische Schieflage, die im jahresabschluss 2011 ausgewiesen und in rund 18 Monaten behoben sein muss, damit nicht möglicherweise die Lichter in den Thermen und sogar im ganzen Unternehmen ausgehen, geriet die AG auf Grund von Paragraph 249 HBG (Bilanzrecht). Dieser Paragraph besagt, dass "eine Rückstellung für drohende Verluste zu bilden ist, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit Verluste zu erwarten sind. Insbesondere ist diese Rückstellung zu berücksichtigen, wenn auf Grund eines Pachtvertrages eine Leistung zu erbringen ist".

Im konkreten Fall in Bad Endorf errechnet sich diese Rückstellung von 13,3 Millionen Euro aus den zu erwartenden Verlusten von 2012 bis einschließlich 2032. Dieser Verlust komme nicht, so betont die Vorstands-Doppelspitze, aus dem aktuellen, operativen Geschäft, sondern aus "jetzt notwendigen Großinvestitionen in die betagte technische Ausstattung für den Betrieb der Chiemgau Thermen". Hier seien besonders die Bohrung II, die derzeit in rund 4800 Meter Tiefe nach Thermalwasser schürfe, und technisch immer wieder Rückschläge bereite, sowie die enormen Aufwendungen für den Brandschutz von rund drei Millionen Euro in den kommenden Jahren und eine aufwändige Lüftungstechnik zu nennen. Die Zinskosten von rund 800000 Euro sowie Marketingaufwendungen oder optische Verschönerungen in den Thermen seien da fast zweitrangig.

780000 Euro Pacht an Marktgemeinde

Der andere große Posten in dieser "Drohverlustrückstellung" sind die Pachtzahlungen an die Marktgemeinde Bad Endorf, die aus einem laufend fortgeschriebenen Pachtvertrag von 1983 herrühren. Jährlich überweisen wir 780000 Euro", sagt Zeh. Knackpunkt des Pachtvertrages: Er verpflichtet die GWC AG zu dieser Zahlung unabhängig vom Zustand und der Nutzbarkeit der Anlage. "Das bedeutet, dass wir auch bei Stillegung der Thermen bis 2032 zahlen müssen", so der Finanzvorstand. Außerdem ist die GWC AG zur Kostenübernahme aller Instandhaltungsmaßnahmen der Thermen verpflichtet.

Operative Verluste sind laut diesem Vertrag kein Grund, die Pacht zu mindern oder auszusetzen. Hämel: "Natürlich haben wir ihn überprüfen lassen, doch er verstößt nicht gegen die guten Sitten. Diese Bindung von GWC AG und Marktgemeinde war nach unserem Verständnis zum Zeitpunkt des Vetragsabschlusses 1983 so gewollt", bedauert er.

Heute - unter den veränderten Bedingungen im Gesundheitssystem - könnte das die AG in den Abgrund reißen.

Bisher konnte dank der guten operativen Zahlen die GWC AG stets ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen und sogar ihr "Sorgenkind", die verlustreichen Chiemgau Thermen, in der Vergangenheit immer über Wasser halten und die jährlichen Defizite von rund 700000 Euro aus dem Gesamthaushalt ausgleichen. Und auch der Abschluss für das Geschäftsjahr 2011 sei "operativ deutlich positiv", so der Vorstandsprecher. "Das ungeprüfte vorläufige operative Konzernergebnis ist für 2011 wieder mit rund 2,4 Millionen Euro deutlich positiv ausgefallen." Das Plus in die Kassen des Konzerns spülen die Simssee Klinik, die Klinik St. Irmingard und das Thermenhotel Ströbinger Hof durch ihre "überdurchschnittliche Auslastung".

Insgesamt sei die Gesundheitswelt Chiemgau mit den Wachstumsmärkten "Gesundheit", "Rehabilitation" und "Tourismus" nach wie vor gut aufgestellt. Das Unternehmen mit 970 Mitarbeitern ist einer der großen Arbeitgeber in der Region. "Wir werden in alle Richtungen denken und Verhandlungen führen, damit wir aus dieser Schieflage wieder herauskommen und das Gesamtunternehmen retten", zeigten sich Zeh und Hämel engagiert. An Stellenabbau werde derzeit nicht gedacht. Und mit deutlichen Einsparungen und Finanzspritzen vom bayerischen Staat allein werde es wohl nicht gehen. "Wir sind am Beginn von Gesprächen mit der Marktgemeinde, die ja Mehrheitsaktionärin der AG und gleichzeitig Verpächterin ist", machen Hämel und Zeh das Dilemma klar. Sie wissen, dass sie sich hier auf vermintem Gebiet bewegen.

Als letzten Ausweg sieht das Vorstandsduo die Suche nach einem Investor. "Allerdings hoffen wir, dass der Markt nicht leergefegt und ein ernsthafter Interessent für die Therme zu finden ist." Beide wissen aber, wie unkalkulierbar alles ist und dass gerade stürmischer Wind Heuschreckenschwärme herwehen kann: Nämlich Investorengruppen, die günstig ein angeschlagenes Unternehmen kaufen und es dann in die einzelnen Unternehmensteile zerschlagen nach dem Motto: Die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen.

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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