200 km in elf Tagen

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Zur Wallfahrtskirche nach Urschalling bringt die Förderschüler am Montag ein Bus - danach liegen 200 Kilometer Fußweg vor ihnen.

Prien - Sieben Mädchen und 15 Buben zwischen elf und 13 Jahren hat Georg Weber unter seinen Fittichen. Am Montag geht es für den Förderschullehrer und seine Schützlinge auf große Tour.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus der Chiemgau-Zeitung:

Junge Pilger vor dem Start

Sieben Mädchen und 15 Buben zwischen elf und 13 Jahren hat Georg Weber unter seinen Fittichen. Am Montag feiert der Förderschullehrer mit seinen Schützlingen einen Gottesdienst in Urschalling - um sich danach mit ihnen auf eine 200 Kilometer lange Pilgerwanderung in elf Tagesetappen bis zur Wieskirche zu machen.

Die neuen Bergschuhe (der Lehrer war als erfahrener Alpinist beim Kauf dabei) sind eingelaufen, die Rucksäcke abgewogen, damit keines der Kinder mehr als fünf Kilo mit sich trägt. Das übrige Gepäck transportiert ein Begleitfahrzeug. Etwa die Hälfte der Kosten für Ausrüstung, Verpflegung und Übernachtungen bringen die Eltern auf, die andere Hälfte zahlen Sponsoren, die von dem Projekt begeistert sind und es unterstützen.

Eine Mischung aus Spannung, Ängstlichkeit und Abenteuerlust liegt im Klassenzimmer unterm Dach des Jugendhauses in der heißen Luft. Spannung, obwohl Weber seine Schüler seit Monaten körperlich und geistig auf das Aufsehen erregende Unternehmen vorbereitet. Ängstlichkeit, weil viele der Mädchen und Buben noch nie lange von zuhause weg waren. Und Abenteuerlust, weil trotz aller Vorbereitung keines der Kinder - und auch kein Betreuer - genau abschätzen kann, wie die Pilgerreise verlaufen wird.

Das beginnt schon beim Wetter. Wenn es tagsüber zu heiß ist, wird die 28-köpfige Gruppe hauptsächlich morgens und abends marschieren - "von Wasserloch zu Wasserloch", lacht der Lehrer.

Das Wetter hat ihm bei der Vorbereitung auch schon in die Karten gespielt. Seit Monaten arbeiten die Kinder mit ihm bei immer ausgedehnteren Wanderungen an ihrer Kondition, zuletzt zum Beispiel bei einer Tour von Gschwendt auf die Steinlingalm an der Kampenwand und hinunter nach Aschau - 600 Höhenmeter rauf und 900 runter. Bei einer anderen Trainingsetappe suchte die Klasse wegen eines Gewitters in der Abendmahlskapelle in Bernau Unterschlupf. Die Kinder entdeckten Rosenkränze und sind dabei "dem Wesen der Wallfahrt nahegekommen", berichtet ihr Lehrer im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

Er fordert sie nicht nur körperlich heraus, sondern möchte ihnen auch zu spirituellen Erfahrungen verhelfen, die nach Dafürhalten des gläubigen Katholiken im Unterricht zu kurz kommen. Pastoralreferentin Annemarie Kneissl-Metz wird die Gruppe mit einem Aussendungsgottesdienst in Urschalling auf die erste, 22 Kilometer lange Etappe zur Kolpinghütte auf dem Samerberg schicken. Ein Religionslehrer wird die Klasse in Fischbachau durch die Kirche führen, Fresken erklären und mit ihnen eine Andacht feiern. Ein Pilgerbegleiter der evangelischen Akademie München wird einen Tag mitwandern und von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg erzählen. Auf dem Seekarkreuz bei Lenggries (1600 Meter) möchte Weber mit seinen Schützlingen bei Sonnenaufgang eine Gipfelmesse feiern. Und am Ziel, am 29. Juli in der Wieskirche, wartet Pfarrer Georg Lindl, der frühere Kaplan in Prien, um mit der Gruppe einen Abschlussgottesdienst zu feiern.

Seine Kolleginnen Irene Eiselt und Veronika Haberlander, zwei Studenten und ein pensionierter Hauptschullehrer, unterstützen Weber unterwegs und haben ein wachsames Auge auf seine Klasse. Sollte jemand zum Beispiel auf dem Anstieg zum Wendelsteingipfel die Puste ausgehen, ist immer mindestens ein Begleitfahrzeug oder eine Bergbahn in der Nähe. Übernachtet wird meist in Hütten, wo der Tross gesundes, kalorienreiches Essen bekommt.

Vor zwei Jahren, als Weber mit seiner damaligen Klasse 150 Kilometer und 7000 Höhenmeter zu Fuß über die Alpen ging (wir berichteten ausführlich), hat er schon die Erfahrung gemacht, dass nach solchen Tagesetappen der Hunger groß ist und Elfjährige Erwachsenenportionen in Nullkommanix verputzen.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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