3600 Euro Geldstrafe wegen Beleidigung: Angeklagter provoziert Richter

Gericht: "Karl-Valentin-Kopie" missglückt

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Karl Valentin.

Rosenheim/Prien - Ein 50-jähriger Priener lieferte jetzt einen filmreifen Auftritt vor Gericht ab. Doch bei den Rechtsvertretern fand die "Karl-Valentin-Kopie" keinen Anklang.

Der 50-jährige Priener stand nicht zum ersten Mal vor Gericht. Gerne verblüfft er die Amtsträger durch Über- und Untertreibungen. Unklar ist, ob er dabei satirisch oder nur dumm-dreist agiert.

Im November 2010 war er angeklagt, das Eigentum eines Rechtsanwaltes mutwillig zerstört zu haben. Es ging damals um Geschirr aus dem "Führerhauptquartier", das in der Vitrine eines Priener Rechtsanwaltes aufbewahrt war. Der Angeklagte, der auf einem eigenen Kreuzzug gegen jedwedes "Nationalsozialistisches Gut" ist, hatte dieses Geschirr und die Vitrine mit einem Gehstock zertrümmert.

Bei dem darauffolgenden Verfahren wegen Sachbeschädigung bot er einen bühnenreifen Auftritt. Als er allerdings den Vorsitzenden Richter Alex Jacobi mit Roland Freisler, dem berüchtigten Präsidenten des Berliner Volksgerichtshofes in der Zeit des Nationalsozialismus, gleichsetzte, war Schluss mit lustig: Jacobi setzte das Verfahren aus und erstattete gleichzeitig Anzeige wegen Beleidigung. Welcher bundesdeutsche Richter würde sich auch mit Freisler vergleichen lassen?

Es scheint das Problem des Prieners zu sein, die Grenzen zwischen Parodie und Persiflage einerseits und unzumutbarer Beleidigung andererseits richtig einzuordnen. Wie aus seinem Umfeld zu vernehmen war, habe der Mann niemals gelernt, seine Fähigkeiten und Möglichkeiten realistisch einzusetzen. Das führte unter anderem dazu, dass er über zwei Jahre lang entmündigt war. Obwohl er über Grundstücksbesitz in enormem Umfang verfügen kann, stellte er vergeblich einen Antrag auf Hartz-IV-Arbeitslosengeld. Als er schließlich in einem Brief an das Amtsgericht wörtlich behauptete, die Richter seien Neonazis und würden die abendländische Geisteshaltung durch den "Hitler-braunen Dreck" ziehen, konnte die bayerische Justiz das nicht mehr durchgehen lassen.

Die Rosenheimer Amtsrichterin Simone Marquart sah souverän über die provokanten Verhaltensweisen des Angeklagten hinweg, um das Verfahren schließlich zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Als der Mann erklärte, er würde sein Schlusswort abrupt beenden, sofern die Richterin ihm signalisiere, sie würde ihn freisprechen, nahm diese das ungerührt zur Kenntnis. Dreieinhalb Stunden mindestens, so kündigte er an, würde er für sein Schlusswort benötigen. Sein juristisches Halbwissen ließ ihn immer noch Anträge stellen, obwohl die Beweisaufnahme und damit die Gelegenheit dafür längst verstrichen war.

Er gab ein Sammelsurium an Kuriositäten von sich. So bat er im Falle der Verurteilung um eine Haftstrafe, da er unter "manischem Geiz" leide. "Bitte sperren sie mich ein", wandte er sich an die Richterin, "weil mein Haus jetzt im Winter schlecht geheizt ist." Des Weiteren beantragte er eine Wiederaufnahme des Verfahrens, da er in "schwere seelische Abhängigkeit" geraten sei: "Ich habe mich in eine Verfahrensbeteiligte verliebt!" Wer die Glückliche ist, verriet er dabei allerdings nicht.

Und überhaupt würde das Verfahren - sofern es keinen Freispruch gäbe - an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verwiesen. Recht optimistisch erwartete er auch, dass der Staat die Kosten für seine Anwälte übernähme. Allerdings traute er der Zukunft doch nicht so recht: In einem letzten Bemühen um Wohlwollen bot er allen verfahrensbeteiligten Damen - Staatsanwältin, Richterin, Verteidigerin und Schriftführerin - gestiefelt und gespornt, wie er war, seinen mitgebrachten "magenschonenden Tee" an.

Am Ende half aber alle Galanterie nichts: Das Gericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe, die angesichts seiner Vermögenssituation doch recht moderat ausgefiel. Oder war es wegen des Unterhaltungswerts? Im Kittchen ist jedenfalls derzeit für ihn kein Zimmer frei.

au/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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