"Leben mit Handicap" beginnt mit Bau

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Prien - Nach langen Vorbereitungen mit Diskussionen über Standort und Gestaltung und vielen bürokratischen Hürden wird es ernst: Der Verein "Leben mit Handicap" beginnt mit dem Bau.

Der Bau für die Wohnanlage für junge Erwachsene mit Behinderung beginnt am Dienstag, den 30. August. In einem Jahr sollen 30 Bewohner einziehen können.

Vereinsvorsitzender Günther Bauer und seine Mitstreiter haben einen langen und schwierigen Weg hinter sich. Vor Jahren waren sie mit dem Ziel angetreten, jungen Erwachsenen ein eigenständiges Leben zu ermöglichen, soweit es deren Einschränkungen erlauben.

Schon die Grundstückssuche war sehr zeitraubend. Mehrere Flächen in der Marktgemeinde kamen in die engere Wahl, schieden aber der Reihe nach aus - zu teuer oder unverkäuflich. Übrig blieb ein rund 2000 Quadratmeter großes Wiesenstück nördlich des großen Kursaals auf Höhe der Einmündung des Tannenwegs.

Dann dauerte es wiederum Monate, bis der Marktgemeinderat nach Diskussionen über Bauart und -ausmaß die Pläne für das Wohnheim selbst absegnete. Zwischenzeitlich waren auch die Öffentlichkeit und speziell die Nachbarn bei einem Informationsabend des Vereins und der Gemeinde in den Entscheidungsfindungsprozess eingebunden worden.

Ziel des Vereins war es, eine möglichst breite Akzeptanz für sein Vorhaben zu schaffen. Bauer sieht beim Blick in die Zukunft eine "Zweibahnstraße": Nicht nur das Heim und seine Bewohner sollen im Ort auf- und angenommen werden, auch die jungen Erwachsenen sollen ihren Teil dazu beitragen. Sie dabei zu unterstützen, vielleicht sogar in örtlichen Vereinen oder Organisationen aktiv zu werden, wird eine zentrale Aufgabe eines Sozialpädagogen sein, den der Verein im Frühjahr 2012 einstellen will. Diese Fachkraft soll vor Inbetriebnahme auch den künftigen Bewohnern und deren Angehörigen bei den komplexen Antragsstellungen zur finanziellen Unterstützung zur Hand gehen.

Gut 1,5 Millionen Euro, ein Drittel der Gesamtkosten, bringen die Familien der späteren Bewohner durch Einlagen von jeweils 52000 Euro in die eigens gegründete GmbH & Co KG selbst ein. 2,5 Millionen Euro hat die Regierung von Oberbayern dieser Tage endgültig als sehr zinsgünstiges Darlehen zugesagt. Weitere 400.000 Euro kommen aus zwei Großspenden: aus der Weihnachtsspendenaktion 2009 von Lesern des Oberbayerischen Volksblatts und seiner Heimatzeitungen sowie von der Sparkassen-Stiftung.

Schwierig war es für "Leben mit Handicap", eine Betriebsform zu finden, ohne die staatliche Unterstützung zu gefährden. In Bayern gibt es Bauer zufolge bisher keine vergleichbare Einrichtung. Zwischenzeitlich war die Arbeiterwohlfahrt als Betreiber eines stationären Heims im Gespräch. Dieses Konstrukt kam dann doch nicht zustande.

Nun wird das Heim als "ambulant betreutes Wohnen" betrieben. Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes Mayer & Reif, der in der Umgebung Priens auch einige Seniorenheime betreibt, werden die Bewohner individuell nach deren Bedürfnissen betreuen. In der Praxis bedeutet dies Bauer zufolge, dass morgens und gegen Abend jeweils sechs bis acht Mitarbeiter dieses Dienstes im Haus sein werden. Tagsüber arbeiten die Bewohner in den Wendelstein-Werkstätten in Raubling oder in der Förderstätte Attl. Kleinbusse werden sie dorthin und wieder nachhause bringen. Nachts wird immer eine Betreuungsperson im Haus sein.

28 der 30 Plätze sind laut Bauer bereits vergeben, die meisten künftigen Bewohner sind zwischen 18 und 25 Jahre jung. Die Zimmer mit Nasszellen sind nahezu baugleich, jeweils zehn pro Etage.

Einige Plätze werden zum Teil zeitlich befristet vergeben. Manche Eltern haben sich zwar mit ihrer Einlage ein Nutzungsrecht erworben, werden aber erst später davon Gebrauch machen, wenn ihr Kind die Schule beendet hat. Bis dahin werden die Plätze für zwei Jahre oder länger anderweitig vergeben.

Die Nutzer beziehungsweise deren Angehörige zahlen eine Miete von 4,25 Euro pro Quadratmeter, jeder für 48 Quadratmeter. Die Miethöhe ist im sozialen Wohnungsbau, über den das Darlehen der Regierung läuft, auf diesen Quadratmeterpreis begrenzt. Die Einnahmen werden Bauer zufolge aber ausreichen, die Betriebskosten des Heims zu decken.

Im Mietpreis ist neben den eigenen vier Wänden ein Anteil an den Gemeinschaftsräumen eingerechnet. In jeder Etage wird eine gemeinsame Küche entstehen, im Erdgeschoss und zweiten Stock zusätzlich kleinere Gemeinschaftsräume, damit sich die Bewohner auch in kleineren Gruppen zusammensetzen können. In der ersten Etage sollen Bauer zufolge die schwer Pflegebedürftigen zusammengefasst werden. Deshalb wird dort ein spezielles Pflegebad eingebaut.

Das L-förmige Gebäude mit etwa 660 Quadratmetern Grundfläche wird voll unterkellert. Der ursprünglich vorgesehene, erdgeschossige Anbau an der Nord-Ostseite wird -- zumindest vorerst - nicht entstehen, weil sich die Verhandlungen mit potenziellen Mietern für eine therapeutische Praxis nach Bauers Angaben zerschlagen haben. Dafür wird ein zusätzlicher Stellplatz geschaffen.

Im obersten Stockwerk, einem zurückgesetzten Terrassengeschoss, wird ein großer Gemeinschaftsraum entstehen, der eine Art Begegnungsstätte von Bewohnern und Bevölkerung sein soll. Allerdings ist er nicht als regelmäßiger Veranstaltungssaal vorgesehen, betont Bauer. Dort könnten beispielsweise Volkshochschulkurse abgehalten werden, die auch für Bewohner des Heims geeignet sind.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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