"ProJu" endgültig Geschichte

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Prien - Die "ProJu" war in Prien fest verwurzelt. Im Herbst musste die AWO das Aus ihrer Einrichtung verkünden. In diesen Tagen mussten deshalb Mitarbeiter Abschied nehmen.

13 Jahre lang hat die Arbeiterwohlfahrt in Siggenham Jugendliche mit schwierigen Vorgeschichten geschult, damit sie den Sprung ins Berufsleben schaffen. Die "ProJu" war in Prien fest verwurzelt. Im Herbst musste die AWO das Aus ihrer Einrichtung verkünden. In diesen Tagen mussten deshalb Mitarbeiter und junge Leute Abschied nehmen von der "ProJu" - viele mit ungewissem Ziel.

Viele Priener und Bürger aus Nachbargemeinden waren im Laufe der 13 Jahre Stammkunden der "ProJu" geworden. Während es vor allem Ältere waren, die dankbar die Dienste der Einrichtung bei Gartenarbeiten in Anspruch nahmen, die sie selbst nicht mehr schafften, war das Möbellager in der Lujo-Brentano-Straße ein Fundus für Menschen aller Generationen, die bei der Einrichtung der eigenen vier Wände auf den Geldbeutel schauen müssen.

Deshalb die gute Nachricht zuerst: Das Möbellager wird wohl im Mai oder Juni wieder aufmachen. Matthias Deichsel, neben Leiterin Hannelore Streithoff schon seit dem Start 1999 bei der "ProJu", will sich dort selbstständig machen. Deichsel hat durch unzählige Wohnungsauflösungen und Entrümpelungen mit seinen jungen Schützlingen viele Kontake aufgebaut, auf die der Schreinermeister bauen kann.

Als der AWO-Kreisverband den Beschluss fasste, aus wirtschaftlichen Gründen seine "Beschäftigungs- und Qualifizierungseinrichtung" dicht zu machen, waren 15 der 16 Plätze belegt. Die Auslastung war in den vergangenen Jahren nicht immer so gut. Siggenham lag für viele der jungen Leute - die allermeisten ohne fahrbaren Untersatz - weit ab vom Schuss. Rosenheim war aber bei der Gründung der "ProJu" bewusst nicht als Standort gewählt worden, weil es dort bereits vergleichbare Angebote gab. Deshalb musste das "ProJu"-Personal seine Schützlinge jeden Morgen am Bahnhof abholen und abends wieder hinbringen.

Überhaupt gehörten klare Strukturen zum Erfolgsrezept der Einrichtung. Sie trugen dazu bei, Tugenden wie Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit ebenso zu vermitteln wie Teamfähigkeit. Diese wurde zusätzlich jeden Freitag bei Gruppensitzungen gefördert, in deren Rahmen viele mit der Zeit anfingen, über Probleme zu reden, über die sie bis dahin geschwiegen hatten.

"Das sind Leute mit einer Vergangenheit und Geschichte, da braucht es Zeit, sie in die Spur zu bringen", weiß Streithoff nur zu gut. Nicht wenige der jungen Erwachsenen, die seit 1999 in Siggenham waren, hat das Schicksal ohne viel eigenes Zutun dorthin geweht, schwierigste Familienverhältnisse kennen die "ProJu"-Mitarbeiter ebenso gut wie körperliche Defizite oder aber akute Krisensituationen bei ihren Schützlingen.

233 junge Leute haben auf Vermittlung der Agentur für Arbeit und des Jobcenters seit 1999 das einjährige AWO-Angebot durchlaufen. Nach deren Angaben konnten mehr als zwei Drittel danach in Lehr- oder Arbeitsstellen oder andere Programme weitervermittelt werden.

Die hohe Erfolgsquote spricht für die Qualität der Arbeit von Streithoff, Deichsel, Werkstattleiter Michael Remus (seit vier Jahren dabei) und Diplompädagogin Andrea Herzog (seit 18 Monaten). Letztere hat eine neue Stelle in Traunreut gefunden, Tischlermeister Remus wird nun zunächst eine Fortbildung absolvieren und Streithoff bleibt der AWO wohl in anderer Funktion erhalten.

Für die jungen Leute, die in den letzten "ProJu"-Wochen anpacken mussten, Möbel zu zerlegen, die alten Computer, an denen sie geübt hatten, Bewerbungen zu schreiben, zu entsorgen und Räume zu weißeln, sind die Perspektiven zumeist weit unsicherer. Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung an einem der letzten Arbeitstage konnten nur einzelne konkrete Angaben machen. Einig waren sich die acht bis zum letzten Tag verbliebenen jungen Leute aber in ihrer Trauer über die Schließung und ihrem Lob über den Teamgeist, der in Siggenham gepflegt wurde.

Durch die Arbeit in der Werkstatt bei Remus, wo Möbel gebaut oder restauriert wurden, durch Wohnungsauflösungen oder Gartenarbeiten bekamen sie vielleicht erstmals in ihrem Leben das Gefühl, gebraucht zu werden. "Wir waren angesehen", blickte Alexander bei der letzten Brotzeitpause in der fast schon komplett zerlegten Küche wehmütig zurück - und alle anderen nickten.

Dankbar ist auch das Quartett, in dessen Obhut sich die jungen Erwachsenen begaben - über die Unterstützung, die sie in den 13 Jahren erfahren haben. "Herzlichen Dank an alle, die uns freundschaftlich und immer wieder sehr hilfreich zur Seite standen", sagte Streithoff auch im Namen ihrer Kollegin und Kollegen.

Dirk Breitfuss/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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