"Stellt euch hin, ihr seid wer!"

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Prien - In einer Zehntelsekunde kann sich die berufliche Zukunft entscheiden. Nur einen Wimpernschlag dauert es, bis ein Mensch sein Gegenüber wahrnimmt und sich (unbewusst) ein erstes Urteil bildet.

Damit das bei Bewerbungsgesprächen gut ausfällt, gab eine Fachfrau den Neunt- und Zehntklasslern der Franziska-Hager-Mittelschule Tipps, welche Farben und Kleidungsstücke zu ihnen passen.

"Ihr könnt so viel erreichen. Stellt euch hin, ihr seid wer!" Mit diesem Mutmacher-Satz entließ Theresia Berger die knapp 20 jungen Damen und Herren der 9d in die Pause. Zuvor hatte die Typ- und Imageberaterin aus Rimsting ihnen zwei Schulstunden lang die textilen Leviten gelesen - bis ins kleinste Detail. Zwei Wochen nach der Theoriestunde stand nun die praktische Umsetzung auf dem Stundenplan.

"Das Hemd soll an der Daumenwurzel enden", "Du bist eher klein. Trag spitze Schuhe, die strecken Dich", "Pass auf, dass Dir die Haare nicht ins Gesicht fallen. Das signalisiert, dass Du nichts zu verbergen hast", "Die Hose sollte nur einen Knick machen zum Schuh" - solche Tipps gab die Betriebswirtin den Schülern für die Vorstellungsgespräche.

Die meisten hatten sich für den Test im Klassenzimmer in Schale geworfen, so gut sie konnten. Aber es war keine und keiner dabei, an dessen Erscheinungsbild Berger nicht noch Verbesserungsmöglichkeiten entdeckte und erklärte. Auch für sie war es eine Premiere, normalerweise berät sie keine Schüler, sondern Politiker oder Manager. Viele Jahre arbeitete Berger in einer Bank, fing vor zehn Jahren an, nebenberuflich Typ- und Imageberatung anzubieten und tut dies seit zwei Jahren nun hauptberuflich.

"Wenn ich mich wohlfühle in meiner Haut, fühle ich mich auch selbstbewusster", erläuterte sie den tieferen Sinn der Übung. Und tatsächlich: Je nach Typ veränderte sich auch der Gesichtsausdruck, wenn Berger den Mittelschülern verschiedene Farbmuster vor die Brust hielt. Je passender sie waren, desto stärker das Lächeln.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Die Kleidung muss zum Typ ebenso passen wie zum angestrebten Ausbildungsberuf. Während der angehende Physiotherapeut eher sportlich daher kommen kann, muss der Verwaltungsfachangestellte in spe seriös wirken, was ihm durch "klassische" Bekleidung, also Hemd, Krawatte und Bundfaltenhose sowie Lederschuhen am besten gelingt. Wer für eine Stelle im Handwerk vorspricht, bei dem kann es auch eine gute Jeans tun, "aber die Gesäßtaschen müssen da sein, wo sie hingehören", schränkt Berger ein.

Auch für die Wahl der Farben gibt es keine Faustregeln, zu individuell sind die Persönlichkeiten. Berger konnte denn auch nur grundsätzliche Tipps geben. Rot ist aggressiv und deshalb eher nicht geeignet, um einen Job zu bekommen. Blau dagegen suggeriert Vertrauen.

Für den idealen Schnitt ist der jeweilige Körperbau maßgeblich, verriet Berger. Es gibt fünf verschiedene Typen. Unterteilt werden sie von der Fachfrau nach der Form der Buchstaben: A (breites Becken, schmale Schultern), X (breite Schultern und Hüfte, aber schmale Taille), H (wie X, aber mit wenig Taille), V (groß gewachsen, weiblich, breite Schultern, viele Mannequins fallen in diese Kategorie) und Y (Männer mit breiten Schultern und schmalen Hüften).

Oft ist es gut, wen die Farbe der Kleidungsstücke von unten nach oben heller wird, weil das die Aufmerksamkeit des Betrachters nach oben lenkt und so ins Gesicht. Das sollte bei jungen Damen nicht überschminkt und das Make-up nicht zu dunkel sein. Großer Modeschmuck kann ablenken, ungepflegte Hände und auffällig (zum Beispiel schwarz oder blau) lackierte Fingernägel Minuspunkte bedeuten.

Sie ist überzeugt, dass sich die Investition in Textilien für die Bewerbungsgespräche auszahlt, denn welcher Jugendliche hat schon den feinen Zwirn im Schrank, der Jahre nach der Firmung noch passt? "Man kann sich die passenden Schuhe ja auch von einem Kumpel leihen."

Am Ende demonstrierte Berger, wie man es nicht macht, wenn man ins Büro vom Firmen- oder Personalchef kommt: Sie ging aus dem Klassenzimmer und kam wieder herein ohne anzuklopfen, mit gesenktem Blick, hängenden Schultern und schlurfendem Gang - vier Fehler in fünf Sekunden.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Rubriklistenbild: © pa

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