"Wie totales Fischsterben"

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Kormoran in Aktion: Lebensraumverbesserungen an den heimischen Flüssen erscheinen wegen des Fischräubers nahezu sinnlos.

Frasdorf/Wildenwart - Der Kormoran, Zankapfel der Region! Eine Untersuchung der Fischerei-Fachberater der Regierung hat jetzt erschütternde Ergebnisse zu Tage gebracht.

"Die vielen Millionen Euro Steuergelder, die in den vergangenen Jahren in die Renaturierung der Fließgewässer investiert worden sind, werden zur Farce, wenn sich durch den Kormoran in den heimischen Gewässern keine Fische und damit kein Leben mehr findet." Das betonte jetzt Fischereioberrat Dr. Ulrich Wunner von der Fachberatung für Fischerei des Bezirks Oberbayern. "Für uns stellt sich mittlerweile die Frage, ob wir aus fachlicher Sicht überhaupt noch Forderungen bezüglich des Baues von Fischwanderhilfen wie an der Prien das Beilhackwehr oder sonstiger Lebensraumverbesserungen stellen können und dürfen, wenn diese Maßnahmen keinen Erfolg bringen."

In Sorge um den Fischbestand der mittleren Prien bei Frasdorf - im Februar fielen über mehrere Tage 40 bis 50 Kormorane ein - bat Dr. Fritz-Joachim Hornschuch, der Fischereiberechtigte vor Ort, die zentrale oberbayerische Fischereidienststelle um eine aktuelle Bestandsaufnahme. Dazu wurde die Prien bei Wildenwart auf einem 300 Meter langen Abschnitt mit einem Elektrofischfanggerät überprüft. Die Prien weist dort sehr naturnahe Gegebenheiten auf, eine hohe Strukturvielfalt mit tiefen Rinnen und flachen Furten, unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten und vielen Totholzelementen. "Insgesamt ist das ein sehr hochwertiger Lebensraum für die drei hier hauptsächlich vorkommenden Arten Äsche, Bachforelle und Koppe", erklärte Wunner.

Die Fangergebnisse waren allerdings erschreckend: Auf der 300 Meter langen Strecke fingen die Experten nur noch fünf Bachforellen mit einem Gesamtgewicht von rund einem Kilo. Der im Herbst 2009 noch vorhandene Äschenbestand war vollkommen vernichtet. Aus fischereifachlicher Sicht ist dieser Befund mit einem totalen Fischsterben gleichzusetzen. Das normale Fanggewicht dieser untersuchten Strecke läge bei mindestens 100 Kilogramm, so Wunner.

Das Ergebnis decke sich mit anderen Befischungsresultaten kormorangeschädigter Fließgewässer: Der Vogel entnimmt im Prinzip sämtliche Fische und hinterlässt gravierende wirtschaftliche und ökologische Schäden. Zudem sei davon auszugehen, dass nicht nur dieser 300 Meter lange Abschnitt der Prien ruiniert ist, sondern der gesamte Fluss bis hinauf nach Aschau. In diesem Winter, in dem wegen der lang anhaltenden Frostperiode die Stillgewässer wegen der Eisdecke den Vögeln nicht mehr als Nahrungsraum zur Verfügung standen, ist nicht nur die Prien, sondern alle Fließgewässer in der Region rund um den Chiemsee betroffen. Das bestätigen die vielen Klagen der Fischereiberechtigten, sei es an Prien, Tiroler Achen, Traun und Alz.

Die Fachbehörde überprüfte zum Vergleich die Prien im Ortsbereich von Prien, da die schwarzen Vögel aus Scheu vor dem Menschen dort nicht auftauchen. "Dies sind für uns Referenzstrecken, in denen man noch intakte Fischbestände vorfindet", so Wunner, "auch wenn die Gewässerstrukturen dort deutlich schlechter sind als außerhalb." Tatsächlich ließen sich bei der Befischung in der Ortsmitte 56 Bachforellen aller Größen und einem Fanggewicht von 15 Kilogramm nachweisen, obwohl die Befischungsstrecke dort nur 75 Meter betrug. "Dies ist ein normaler Befund, den wir früher in jedem kormoranfreien Gewässer hatten", bestätigen die Fachleute.

Aus Sicht der Fachleute des Bezirks sind die Fischbestände der heimischen Fließgewässer in einem katastrophalen Zustand: "Wir sind mit der Kormoranproblematik seit nunmehr 30 Jahren beschäftigt und weisen seit dieser Zeit auf die fatale Entwicklung hin. Es zeichnet sich ein gigantisches Artensterben ab, das von einer einzigen - nicht-heimischen - Vogelart verursacht wird."

reh/Oberbayerisches Volksblatt

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