Flüchtlingssituation in Freilassing

"Belastungsgrenze erreicht"

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Foto von der Saalachbrücke in der Nacht auf den heutigen Mittwoch.

Freilassing - Um die 1000 Flüchtlinge ständig vor der Grenze, über 1000 in der Notunterkunft: Die heimischen Einsatzkräfte sind am Limit und müssen nun abgelöst werden. *UPDATE*

Update 16.45 Uhr:

Seit mittlerweile zehn Tagen sind die ehrenamtlichen Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), des Malteser Hilfsdienstes (MHD), des Technischen Hilfswerks (THW) und der Caritas mit großer Unterstützung durch die Freiwillige Feuerwehr und ehrenamtliche Helferkreise im Dauereinsatz, um die medizinische Versorgung, Verpflegung und Betreuung tausender Flüchtlinge sicherzustellen, die von Salzburg aus zu Fuß oder per Bahn in Freilassing stranden und dort mehrere Stunden bleiben müssen, bis sie per Bus und Bahn in andere deutsche Städte weiter verteilt werden.

„Alles was wir hier leisten, richtet sich ausschließlich nach dem Maß der Not. Wir haben rund um die Uhr für alle anfallenden Aufgaben einen Schichtdienst eingerichtet und können noch bis kommenden Sonntag Personal garantieren; danach ist unsere Belastungsgrenze in der Region definitiv erreicht“, erklärt Kreisbereitschaftsleiter Florian Halter, der aktuell mit seinem Führungsstab auf Hochtouren arbeitet und überregionale Unterstützung durch Einsatzkräfte aus anderen Landkreisen organisiert, die Situation aber dennoch nüchtern einschätzt: „In Bayern gibt es derzeit ja mehrere Asyl-Brennpunkte und das Oktoberfest, so dass sich die heimischen Freiwilligen nicht vollkommen aus den Großeinsatz ausklinken werden können. Wir planen aber eine Pause für die Einsatzkräfte aus dem Berchtesgadener Land und Traunstein, die während der letzten zehn Tage alles gegeben haben.“

Fotos von der Saalachbrücke von der Nacht auf Mittwoch

Flüchtlinge an der Saalachbrücke Freilassing in der Nacht auf Mittwoch

Die Einsatzkräfte der BRK-Bereitschaften, der BRK-Wasserwacht und des MHD lösen sich aktuell dreimal am Tag nach Acht-Stunden Schichten ab; sie stellen die Verpflegung und Unterkunft sicher, kümmern sich zusammen mit Ärzten um die medizinische Eingangsuntersuchung in der Halle an der Sägewerkstraße und stellen den Sanitätsdienst für den gesamten Einsatz im Raum Freilassing sicher. Alle Aufgaben, Anfragen und Arbeiten koordiniert ein seit Freitag in der BRK-Kreisgeschäftsstelle eingerichteter und rund um die Uhr besetzter Führungsstab von BRK und MHD, der ein gemeinsames Einsatz- und Lagezentrum betreibt.

Der tagelange Einsatz belastet die freiwilligen Helfer auch psychisch, da sie nach den teilweise sehr stressigen Schichten in Freilassing wieder zur Arbeit müssen und die Ruhezeiten nicht mehr gewährleistet sind. Nahezu jeden Tag mussten kurzfristig die ehrenamtlichen Schnell-Einsatz-Gruppen (SEG´n) ausrücken und den regulären Rettungsdienst und Krankentransport unterstützen, da innerhalb sehr kurzer Zeit viele kranke Flüchtlinge ankamen, die zum Teil auch mit Kreislaufproblemen zusammenbrachen. „Wenn so oft mitten in der Nacht oder während der Arbeitszeit der Piepser losgeht, sind unsere Freiwilligen irgendwann am Limit!“, betont Halter.

Am frühen Mittwochmorgen gegen 3 Uhr hielt ein nicht angekündigter Sonderzug mit mehreren hundert Flüchtlingen aus Salzburg in Freilassing an, der eigentlich nach Halle durchfahren sollte. Der Sanitätsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der die Flüchtlinge auf der Fahrt begleiten sollte, hatte einige schwer erkrankte Menschen mit sehr schlechtem Allgemeinzustand entdeckt und daraufhin Unterstützung angefordert. Die Leitstelle Traunstein schickte daraufhin den regulären Rettungsdienst mit drei Rettungswagen, einem Notarzt und die ehrenamtlichen Schnell-Einsatz-Gruppen (SEG´n) des Roten Kreuzes mit mehreren zusätzlichen Fahrzeugen. Die Einsatzkräfte versorgten die Patienten und brachten sie in umliegende Kliniken. Während der vergangenen zehn Tage mussten BRK und MHD im Raum Freilassing insgesamt über 100 erkrankte und verletzte Flüchtlinge versorgen und in Kliniken bringen. Mehrmals bestand der Verdacht auf Tuberkulose, bestätigte sich dann aber nicht bei den weiteren Untersuchungen in der Klinik.

„Wir gehen davon aus, dass ab Freitag in Freilassing ein zusätzlicher, rund um die Uhr besetzter Rettungswagen zur Verfügung steht, damit die Versorgungssicherheit der heimischen Bevölkerung aufgrund der unveränderten Asyl-Situation auch weiterhin nicht leidet“, erklärt BRK-Kreisgeschäftsführer Tobias Kurz, der den überregionalen Einheiten für ihre spontane Unterstützung im Schichtdienst dankt und stolz auf seine Einsatzkräfte ist: „Unsere Ehrenamtlichen haben am Montag vor zehn Tagen sehr rasch auf die plötzlich eingetretene Lage reagiert und innerhalb weniger Stunden geordnete Strukturen für einen koordinierten Einsatzablauf geschaffen. Angesichts der schwierigen Voraussetzungen und der fehlenden Planungssicherheit lief der Einsatz in Freilassing während der vergangenen zehn Tage überraschend gut und professionell ab!“

Am Mittwochvormittag stellte sich die Lage weitgehend unverändert dar: Über 800 Asylanten warteten an der Flüchtlingsbrücke über die Saalach auf die Einreise; die Halle in der Sägewerkstraße war mit etwa 600 Menschen belegt. „Es ist seit Tagen ein ständiges Kommen und Gehen, wobei die Halle teilweise mit bis zu 1.200 Menschen voll wird und die Bundespolizei auch immer wieder auf eine der drei kleineren Unterkünfte zurückgreifen muss“, erklärt Halter. Ein Problem ist das zunehmend herbstliche Wetter mit Regen und nächtlichen Temperaturen, die auf bis fünf Grad sinken. Das Rote Kreuz stellt aber bewusst direkt an der Flüchtlingsbrücke keine Fahrzeuge oder Zelte auf. „Bei akuten Notfällen sind wir innerhalb von wenigen Minuten von der Rettungswache aus an der Brücke und können helfen. Wären Einsatzkräfte dort rund um die Uhr vor Ort, würden sehr viele Menschen mit nicht akuten Verletzungen und Erkrankungen bei ihnen aufschlagen und rasch die Kapazitäten sprengen, die wir für lebensbedrohliche Notfälle zurückhalten“, erklärt Halter.

Pressemitteilung BRK Berchtesgadener Land

Die aktuelle Lage am Nachmittag

In der vergangenen Nacht kamen 860 Asylbewerber über die Saalachbrücke an der Grenze in Freilassing an. Aufgrund der kühlen und nassen Witterung wurden 220 Asylbewerber in die Tiefgarage am Salzburger Hauptbahnhof zurückgeführt. In der Asylunterbringung in Freilassing, Sägewerkstraße verbrachten 640 Asylbewerber die Nacht.

Gegen Mittag des heutigen Tages befanden sich 649 Asylbewerber in der Freilassinger Unterbringung. Auf der österreichischen Seite der Saalachbrücke befanden sich zu diesem Zeitpunkt 550 Menschen und auf der deutschen Seite 40 Menschen. Zusätzlich hielten sich am Salzburger Bahnhof und in der dortigen Tiefgarage 950 Asylbewerber auf und in der Unterbringung in Salzburg-Liefering 50 Personen. Beabsichtigt ist, vom Salzburger Bahnhof aus mit zwei Sonderzügen die dortigen 950 Personen nach grenzpolizeilicher Kontrolle in das deutsche Bundesgebiet weiterzuleiten. Darüber hinaus ist der Einsatz eines Sonderzuges aus Freilassing für 800 Personen vorgesehen

Pressemitteilung Landratsamt Berchtesgadener Land

Unser Artikel vom Mittwochmorgen:

Es staute sich wieder gehörig am "Nadelöhr" Saalachbrücke am Dienstag: Um die 1000 Flüchtlinge warteten über den ganzen Tag am Grenzübergang, nur in kleinen Gruppen wurden sie von der Bundespolizei ins Land gelassen. Die Freilassinger Notunterkunft in der Sägewerkstraße war am Nachmittag mit 1200 Personen ausgelastet - vier Sonderzüge und drei Busse der Bundeswehr brachten ab dem späteren Nachmittag dann etwas Entspannung. "Das Gedränge wird immer schlimmer und wir müssen die Wartenden auseinander schlichten", zitiert der Freilassinger Anzeiger einen Bundespolizisten.

Der Wetterumschwung am Dienstagabend könnte den Andrang nun aber etwas abmildern. Auch wenn Österreich im nahen Liefering ebenfalls eine große Notunterkunft eröffnete, verzichteten viele Flüchtlinge bisher auf diese Möglichkeit und stellten sich gleich an die Grenze um keine Chance zu verpassen, nach Deutschland zu kommen. Kälte und Regen könnten dies jetzt ändern. Bereits am Dienstagabend brachten Shuttle-Busse viele Wartende wieder zurück in die Notunterkünfte auf Salzburger Seite. Mit Winterschlafsäcken und Heizgeräten stattete man sich dort aus, der ORF spendierte Regenüberwürfe aus Plastik für die Flüchtlinge.

Über 10.000 bereits auf dem Weg nach Salzburg

Insgesamt bleibt die Lage aber angespannt: Das Landratsamt rechnet heute und in den nächsten Tagen mit einem anhaltenden oder noch steigenden Zustrom an Asylbewerbern in Freilassing - sowohl an der Saalachbrücke als auch per Bahn. Nach Erkenntnissen der Bundespolizei sind 10.000 bis 13.000 Personen bereits in Österreich mit Zügen aus verschiedenen Bundesländern nach Salzburg unterwegs. Die näheren Ankunftszeiten sind nicht bekannt.

Landrat Georg Grabner: „Die Situation ist angespannt und gerade auch für die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sehr belastend. Sowohl die hauptamtlichen, wie die ehrenamtlichen Kräfte stoßen an ihre Belastungsgrenzen. Auch unsere Aufnahmekapazitäten sind nicht unbegrenzt. Wir setzen deshalb alle Hebel in Bewegung, damit wir nicht noch stärker belastet werden. Entscheidend ist, dass endlich auch andere europäische Staaten zur Aufnahme von Asylbewerbern verpflichtet werden."

xe

Quelle: BGland24.de

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