Bayer - oder vielleicht doch nicht?

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Ingrid Vehring mit dem Hausherrn Christian Günther, der die Ausstellungreihe heimischer Künstler initiiert hat.

Tittmoning - Ingrid Vehring möchte in ihren Porträts das Typische an einem Bayern zeigen. Ihre aussagekräftigen Bilder kann man bei der "Schau.Rein-Redaktion" bewundern.

Das Fragezeichen im Titel darf man nicht übersehen: Die Ausstellung „Bayerische Gesichter?“ mit Gemälden von Ingrid Vehring in den Räumen der Schau.Rein-Redaktion am Tittmoninger Gerberberg dokumentiert eine Suche, keine Ergebnisse oder Antworten. Am vergangenen Freitag wurde sie eröffnet und ist noch bis Ende Dezember zu sehen.

Aus Bielefeld stammend, weitgereist und zuletzt in Salzburg beheimatet, ist die Grafikdesignerin, Illustratorin und bildende Künstlerin Ingrid Vehring vor zwei Jahren mit ihrem Mann nach Tittmoning gezogen, wo die beiden ein Haus am Stadtplatz erworben und bezogen haben. Das erste Stockwerk ist seither ihr Atelier. „Ja, wir sind gekommen, um zu bleiben“, bestätigt die Künstlerin, „wir fühlen uns wohl hier.“

Tittmoning habe sie schon länger mit seinem Charme in ihren Bann gezogen – „und nach und nach entdecke ich, wie viele kreative Menschen hier leben.“ Künstlern aus Tittmoning und Umgebung bietet die von Matthias Günther im Frühjahr aus der Taufe gehobene Ausstellungsreihe am Gerberberg ein Forum, um sich zu präsentieren. Nach Luise Wittmann und Rolf Seiffert zeigt hier nun Ingrid Vehring noch bis Ende Dezember siebzehn Einzel- und Gruppenporträts, die sie unter einer ganz besonderen Fragestellung zusammengestellt und teils auch mit Hinblick auf diese Frage erst geschaffen hat: Was macht einen Bayern aus? Kann man das spezifisch Bayerische aus der Mimik, den Gesichtszügen ablesen?

Bei der Vernissage am Freitagabend hatte die Künstlerin sich entschieden, auf die übliche kunsthistorische Einführung zu verzichten. Auch wenn eine solche Laudatio oft das „Highlight“ der Vernissage darstelle, wolle sie, so Ingrid Vehring, dem Betrachter doch nichts vorwegnehmen in seiner Begegnung mit ihren Werken, die sie sich „unvorbelastet“ wünsche.

Auch sei es durchaus ihr Stil, neue Wege zu beschreiten und bewährte Strukturen aufzubrechen. So begnügte sie sich damit, die zahlreich erschienenen Gäste, unter denen sich auch zahlreiche Künstlerkollegen befanden, auf den Beitrag in der neuesten Ausgabe des Tittmoninger Magazins „Schau.Rein!“ und auf die ausgehängte Präsentationstafel zu verweisen, welcher man Daten zu ihrem Leben und Werdegang entnehmen könne.

In einer kurzen perönlichen Vorberkung wies sie noch darauf hin, die Wiedererkennbarkeit der dargestellten Gesichter solle nicht im Vordergrund stehen, auch wenn natürlich der eine oder andere Tittmoninger zu erahnen sei.

„Hinter die Oberfläche sehen“

Es geht Vehring bei ihrer Arbeit, wie sie erläuterte, nicht um das naturgetreue Abbilden eines Menschen: „Ich will in Blick und Mimik sichtbar machen, was hinter der Oberfläche des Menschen vorgeht“, sagt sie, und natürlich spiele ihre ganz eigene Handschrift mit hinein.

Zentral sei aber der Moment der Begegnung des Betrachters mit dem Werk: „Das, was er sieht, ist!“ Mit diesen Worten lud sie die Anwesenden ein, sich auf die Ausstellung einzulassen, und dankte neben Christian und Barbara Günther auch ihrem Mann, ihren Schwiegereltern und Josef Wittmann, die zum Gelingen der Ausstellung und der Eröffnung beigetragen hatten, und den zahlreichen „Modellen“, von denen viele gar nicht wüssten, dass sie als Inspiration und Vorlage für ihre Arbeit gedient haben.

Die siebzehn ausgestellten Werke, die teils großformatig, in einigen Fällen frei hängend auf ungespannter Leinwand, und ausnahmslos in Acryl gestaltet sind, zeigen meist ohne Titel als Einzel- oder seltener Gruppenporträts wache, bewegte Gesichter, die mit dem Betrachter unmittelbar in Kontakt zu treten, Kommunikation aufzunehmen scheinen.

Der Sog der meist dunklen Augen und der mutig entschiedene Strich, mit dem Vehring großzügig teils verlaufende Farbe auf die oft durchscheinende rohe Leinwand setzt, erzeugen den Eindruck von Spontaneität und Echtheit, Lebendigkeit und unbekümmerter Frische.

Tatsächlich, so bestätigt die Künstlerin, malt sie ihre Werke nach einer Phase des Beobachtens, schnellen Skizzierens und fotografischer Notation „in einem Zug durch“. Ziel ihrer Suche sind dabei offensichtlich nicht Schönheit oder Harmonie, sondern Wahrhaftigkeit. Dass bei der Suche nach Spuren des „typisch Bayerischen“ in Menschen, die hier geboren sind oder länger leben, auch Klischees mit ins Spiel kommen, die es aufzubrechen gilt, versteht sich von selbst.

Wegweisend in dieser Hinsicht ist wohl Vehrings jüngstes Bild, dem der Besucher gleich bei Betreten der Ausstellungsräume gegenübersteht, ein großformatiges (Familien?-)Gruppenbild, auf dem die nur in graue Konturen gefassten Bildnisse zweier älterer Menschen den detaillierter farbig ausgemalten individuellen Porträts eines Mannes und einer Frau zur Seite gestellt sind, ein fahlgelber Schein über der Alpenkette im Hintergrund den üblichen kitschigen Sonnenuntergangshimmel parodiert und vor dem Waldrand ein Junge in Tracht aufscheint.

Die Besucher ließen sich gerne auf verschiedenartigste Begegnungen mit Vehrings Porträts ein und plauderten noch lange in gelöster Atmosphäre, zu der eine echt bayrische Brotzeit mit hausgeselchtem Speck, Brezen und Radi gut passte.

gpr

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