Tag 11 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

"Bei Christoph R. steht man vor einer Wand!"

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Traunstein/Bad Reichenhall - Alles drehte sich am Mittwoch um die entscheidende Frage: Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht für Christoph R.? Ein Vollzugsbeamter hat ausgesagt:

UPDATE, 11.05 Uhr:

Der erste Vollzugsbeamte betritt den Sitzungssaal, Richter Weidmann erklärt ihm den Zusammenhang: "Wir müssen herausfinden, ob der Angeklagte schon ausgereift ist oder ob noch Entwicklungskräfte wirksam sind. Weil Christoph R. schweigt, brauchen wir jetzt Personen, die mit ihm Umgang haben." Seit Mitte Oktober sitzt der Angeklagte in Traunstein ein. Seitdem kennt ihn der Beamte: "Er ist von der Einzelhaft völlig unberührt und schweigsam. Einmal täglich wird aufgeschlossen, dann können sich die Gefangenen etwas vermischen. Aber auch da verlässt er nicht den Haftraum." Momentan gäbe es einen Mitgefangenen, der den Kontakt zu ihm suche, sie spielen manchmal Schach - aber von sich aus gehe der mutmaßliche Mörder auf niemanden zu.

Außer für den Angeklagten ist der Vollzugsbeamte noch für 40 Gefangene zuständig: "Andere wollen mal reden, fernsehen oder telefonieren. Aber vom Herrn R. kommt nichts. Bei ihm steht man vor einer Wand. Keine Mimik, kein Wutausbruch, keine Freude, keine Enttäuschung." Anwalt Baumgärtl betont, dass es sich bei den Beobachtungen natürlich um Ausnahmesituationen handelt - sein Mandant sitzt schließlich im Gefängnis: "Wie würden wir uns da verhalten? Das wissen wir nicht."

Tag 11 im WM-Mord-Prozess

Ob vor Gericht oder in der Zelle: Christoph R. nimmt seine Maske wohl nicht ab. Sein Anwalt wiederholt, dass Christoph R. auch die Anstaltspsychologen und Seelsorger nicht von ihrer Schweigepflicht entbinden will - damit kommen sie als Zeugen nicht in Frage.

Die Verhandlung wird nun wieder für gut zwei Wochen ruhen. Am 8. Juni wird der Prozess vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt. Ein früherer Vorgesetzter des Angeklagten aus der Bundeswehr wird geladen. Er hat Christoph R. in den frühen Morgenstunden nach der Tat in Boxershorts durch die Kaserne spazieren sehen - aber angeblich genau zu jener Uhrzeit, als er laut einer anderen Zeugin noch in der Stadt unterwegs war und die Dame beinahe umgerempelt hätte. Diese widersprüchlichen Zeugenaussagen wird das Gericht am 8. Juni schließlich zu klären haben.

Der Vorbericht:

Was bisher geschah:

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Sachverständige plädieren für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

- Prozesstag 9: Nebenklage will doch noch Erwachsenenstrafrecht

- Prozesstag 10: Christoph R. sieht sich als tugendhaft und attraktiv 

Den Prozess ganz neu aufzurollen, das konnte verhindert werden. Aber die Nebenklage gab sich mit den bisherigen psychologischen Gutachten über den mutmaßlichen Mörder Christoph R. nicht zufrieden: Dort wurde auf Jugendstrafe plädiert, nun sollen weitere Psychologen ein Urteil über den früheren Bundeswehr-Soldaten fällen - und ihm, wenn es nach der Nebenklage geht, attestieren, dass er schon "ausgereift" und wie ein Erwachsener zu verurteilen wäre. Daher verschiebt sich das Urteil auf voraussichtlich 10. Juli. Doch ein Problem haben die neuen Sachverständigen: Christoph R. will nicht mit ihnen sprechen. Auch wenn ihm im laufe der letzten Verhandlungstage der eine oder andere Ton im Gerichtssaal zu entlocken war, gegenüber den Gutachtern wird er stumm bleiben. Woher bekommen die neuen Sachverständigen also ihre Infos über Christoph R.? Aktenvermerke, bisherige Zeugenaussagen, Videos und schließlich werden bei der Fortsetzung des Prozesses am heutigen Mittwoch auch neue Zeugen geladen.

Vollzugsbeamte aus der JVA Traunstein und der JVA Straubing, die dort mit Christoph R. täglich zu tun haben bzw. hatten, sollen vor dem Vorsitzenden Richter Klaus Weidmann am Mittwoch aussagen. Die neuen Gutachter werden, genauso wie die "alten", gespannt zuhören. Alle werden schließlich nochmal nach ihrer Meinung gefragt werden, ob sie dem mutmaßlichen Mörder aus der WM-Nacht 2014 eine "Nachreifung" zutrauen. Heißt: Ob er schon voll entwickelt ist - und demnach mit Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen wäre - oder nicht. Werden es also höchstens, oder mindestens 15 Jahre Haft?

Bisher sprach alles dafür, dass Christoph R., zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alt, eher einem Jugendlichen bzw. Heranwachsenden entspricht. Ob die Erfahrungen der Vollzugsbeamten wohl in eine andere Richtung deuten werden? Ab 9 Uhr wird der Prozess vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

6. Prozesstag beim WM-Mord

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

9. Prozesstag beim WM-Mord

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