„Geschlagen haben damals fast alle“

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Traunstein - Nicht nur in kirchlichen Einrichtungen gab es in der Vergangenheit Gewalt. Drei Bürger berichten, dass ihnen derartiges auch an der Volksschule Haslach widerfahren ist.

"Geprügelt haben damals fast alle", erklären Stadtrat Sepp Hinterschnaiter und Unternehmer Alfred Röde (beide Jahrgang 1960) sowie Horst Fischer (Jahrgang 1958). Er ist heute Beamter. "Was wir erzählen, das können 40 bis 50 Mitschüler bestätigen", versichern sie.

Sie wollen das Gespräch nicht als Anklage gegen irgendwelche Lehrer verstehen, darum werden auch keine Namen genannt. Im Übrigen sind die meisten von ihnen bereits verstorben. Vielmehr wollen sie deutlich machen, dass Gewalt gegen Jugendliche vor 40 bis 50 Jahren nicht nur in kirchlichen Einrichtungen angewandt worden sei.

"Der Lehrer wird schon recht haben"

"Aber das war damals eben so und wurde von den Eltern bis hin zum Schulamt unterstützt, toleriert oder verschwiegen", sagen sie. Früher hätten ihnen die Eltern, wenn sie überhaupt etwas gesagt haben, erklärt, der Lehrer werde schon recht haben, heute würden sie beim kleinsten Vorkommnis mit dem Anwalt in der Schule auftauchen. So habe sich die Einstellung gegenüber der körperlichen Gewalt inzwischen eben geändert.

"Wir sind sicher keine Engel gewesen", geben die drei Traunsteiner zu, "aber die Strafen waren überzogen". Missetaten wie Schwätzen, keine Hausaufgaben gemacht zu haben, Kaugummi zu kauen oder unaufmerksam gewesen zu sein hätten "in keinem Verhältnis zur angewandten Gewalt" gestanden, beteuern die drei heute. Denn was seinerzeit in der Schule geschah, sei nicht nur eine Züchtigung, sondern manchmal eine "handfeste Körperverletzung" gewesen.

Röde berichtet über einen Fall von der "Umerziehung" eines Linkshänders, dem ein Lehrer so lange mit dem Lineal über die Finger der linken Hand geschlagen habe, bis sie so blau waren, dass er nur noch mit der rechten schreiben konnte. Und Fischer weiß von der "Dantlmaschin'" - so der Lehrerausdruck - zu berichten. Der Lehrer habe die beiden Handgelenke des ungehorsamen Schülers gepackt und die Fingerspitzen in Pendelbewegungen von oben und unten an die Tischkante geschlagen.

"Rothhändle" auf dem Rücken

Wenn ein Lehrer "Rothhändle" verteilte, dann war dies keine Zigarettenspende an die Schüler. Der Schüler habe vielmehr seinen Rücken freimachen müssen, auf den der "Pädagoge" dann mit der flachen Hand geschlagen habe. Für ein paar Tage konnte man dann das "rote Händle" auf der Haut sehen. Mit einem Haselnussstecken sei den Schülern das Hinterteil versohlt worden. Zerbrach dabei der Stecken, habe der Schüler am nächsten Tag einen neuen mitbringen müssen - "für das nächste Mal", so die zynische Aussage des Lehrers.

Fast schon harmlos dagegen sei die "Pflichtwatschen" gewesen, die Hinterschnaiter fast täglich in der Haslacher Schule "zugeteilt" bekommen habe. "Ich wusste nie warum." In Haslach sei sogar das heute nur noch bei Patenbitten obligatorische "Scheitlknien" üblich gewesen. Beliebt sei bei den Lehrern auch die Verwendung von Wurfgeschossen gewesen. So seien Schlüsselbunde mit schweren Bartschlüsseln mit voller Wucht auf Kopf und Körper geworfen worden. Wer Glück hatte, habe nur ein Stück Kreide an Haupt oder ins Gesicht bekommen. Das Harmloseste sei noch ein mit Wasser getränkter Tafelschwamm gewesen. "Getroffen haben sie immer, denn sie waren ja ständig in Übung", sagt Fischer. An den damals modischen Haarkoteletten wurde gerne gezogen oder die "Ohrwascheln" wurden umgedreht.

"Asylkinder die ärmsten Hunde"

Die Art der Bestrafung sei auch, je nach dem gesellschaftlichen Status der Eltern, unterschiedlich ausgefallen. Kinder von Geschäftsleuten hätten meistens nichts abbekommen. "Die Asylkinder waren dagegen die ärmsten Hunde", erinnert sich Fischer. Die Bestrafungen seien teilweise sogar noch in der neunten Schulklasse erfolgt, bekräftigt Fischer. "Es waren Erlebnisse, die man ein Leben lang nicht vergisst", so das Fazit der drei Traunsteiner.

Rubriklistenbild: © dpa

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