Vor 50 Jahren: West Ham - 1860 München

"Im Flieger haben wir den Regenschirm aufgespannt"

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Landkreis/London - Heute auf den Tag genau vor 50 Jahren war einer der größten Tage in der Vereinsgeschichte des TSV 1860 München. Zeitzeugen aus der Region erinnern sich:

Der 19. Mai 1965 ist für die Fans von 1860 München einer jener Tage, an denen die Fußballwelt noch in Ordnung gewesen ist. Damals sind die Löwen im Londoner Wembley-Stadion vor fast 98.000 Zuschauern im Finale des Europapokals der Pokalsieger gestanden. Zwar gewann West Ham United London das Spiel mit 2:0, trotzdem gehört dieses Spiel zu den Höhepunkten der Vereinsgeschichte.

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Angesichts der derzeit tristen Lage der Löwen in der 2. Fußball-Bundesliga erinnern sich viele Fans gerne an diese Zeit. Schließlich folgte eine Jahr später der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Einer der diese Zeit nur vom Hörensagen kennt, ist Daniel Hagen von der Fraueninsel. Der 30-Jährige ist bekennender Löwen-Fan, aber auch am englischen Fußball interessiert. „West Ham hat vieles mit 1860 gemeinsam. Es ist ein Arbeiterverein und das Stadion liegt wie das Grünwalder mitten in der Stadt“, so Hagen. Deswegen besuchen er und seine Freunde auch immer wieder Spiele der „Hammers“ in London. So erst kürzlich das Match gegen Aston Villa in der Premier League. „Für Topspiele ist es nicht so leicht, Tickets zu bekommen“, erzählt Hagen. Meistens aber ergattern die Jungs vom Chiemsee aber Karten über das Internet. In der Regel bleiben er und seine Freunde mehrere Tage in London oder reisen sogar mit dem Zug weiter zu Auswärtsspielen vom West Ham. Das Stadion von United liegt im Osten von London in Boleyn Grand an der U-Bahnstation Upton Park. Über die Greenstreet geht es zum Stadion.

„Das hat was von Giesing. Überall an den Häusern sind die Fahnen von West Ham zu sehen. Vor dem Spiel geht es in ein nahes Pub und da werden Fußballlieder gesungen“, beschreibt Hagen das Geschehen. Einzigartig sei die Stimmung im Stadion. „Das ist Gänsehaut pur.“ Über die Fans aus Deutschland wundern sich die Londoner Fans kaum. „Die freuen sich darüber und auch in London gibt es eine Reihe von Fans von 1860 München.“

Kontakt zu einigen Spielern hat Daniel Hagen seit dem Trainingslager der „Hammers“ 2010 in Grassau. Damals hat West Ham in Ruhpolding gegen Borussia Mönchengladbach ein Testspiel mit 2:0 gewonnen. „Die Geschichte von West Ham ist ein ähnliches Auf und Ab wie die von 1860“, weiß Hagen. Sorgen bereitet ihn aber auch der geplante Umzug von United in zwei Jahren ins Londoner Olympiastadion. „Da geht ein Stück Tradition verloren.“ Er sieht Parallelen zu 1860, die in der neuen Arena in Fröttmaning auch nicht glücklich sind. „Sechzig muss zurück ins Grünwalder Stadion. Niemand ist in der Arena glücklich, jeder weiß, wem die gehört.“ Ein sportlicher Abstieg in die 3. Liga wäre vielleicht nicht das Allerschlimmste und eine Chance für einen Neuaufbau, meint Hagen. „Natürlich leiden darunter die 2. Mannschaft und die Jugend. Aber 1860 hat ein riesiges Potenzial.“

Gruppe aus Traunstein in Wembley dabei

Einer der die Glanzzeiten von 1860 München hautnah miterlebt hat, ist Hans Lapper aus Traunstein. Als 29-Jähriger ist er damals nach London zum Finale geflogen. 180 Mark haben der Flug und der Eintritt gekostet. Zu jener Zeit viel Geld. Dreieinhalb Stunden hat der Flug mit einer zweimotorigen Maschine von München nach London gedauert. „In der Maschine haben wir den Regenschirm aufgespannt, weil es von der Decke so getröpfelt hat“, erinnert sich Lapper, der einst für den 1. FC Traunstein aktiv gewesen ist. In London ist zunächst eine Stadtrundfahrt auf dem Programm gestanden und weil es an diesem Tag außergewöhnlich heiß war, hat man Abkühlung in einer Eisdiele gesucht.

„Im Stadion hat eine Superstimmung geherrscht, alle Leute, auch die Engländer sind sehr nett gewesen“, erzählt der heute 79-Jährige, der einer von rund 10.000 deutschen Fans im Stadion gewesen ist. „Die Sechziger haben gut mitgehalten und sind unglücklich in Rückstand geraten“, schildert Lapper seine Eindrücke vom Spiel und gibt zu, eigentlich Club-Fan zu sein. Besonders West Hams Kapitän Bobby Moore hat ihn als überragender Spieler beeindruckt. Nach dem Spiel ist es für Lapper direkt zurück nach München gegangen. „Viele von uns haben gleich wieder zur Arbeit gemusst.“

Große Ehre auf dem heiligen Rasen zu spielen

Für Peter Grosser ist das Finale in Wembley einer der größten sportlichen Ereignisse in seiner Karriere gewesen. Der heute 76-Jährige war Mittelfeld-Stratege in der Mannschaft von 1860 München, die von Kapitän Rudi Brunnenmeier aufs Feld geführt wurde. Im Tor stand der legendäre Petar Radi Radenkovic. „Die vielen Zuschauer haben uns nicht nervös gemacht. Aber der Rasen im Wembley-Stadion, das war wie ein Teppich. Ein heiliger Rasen eben“, erinnert sich der spätere Kapitän der Meistermannschaft von 1966. „Es war eine grandiose Stimmung und ein sehr faires Publikum. Natürlich war West Ham Favorit. Aber wir haben lange mitgehalten. Das erste Gegentor ist sehr unglücklich gefallen. Wir hatten einen Freistoß und sind dann durch einen Ballverlust in einen Konter gelaufen.“ Alan Sealey nutzte die Chance in der 70. Minute und versetzt zwei Minuten später den Löwen mit den 2:0 den Todesstoß. In der Mannschaft von West Ham spielten in diesem Finale die Weltmeister von 1966, Geoff Hurst, der ein Jahr später das berühmte „Wembleytor“ erzielen sollte, Martin Peters und der legendäre Bobby Moore.

Noch heute treffen sich Peter Grosser und ein großer Teil der damaligen Mannschaft bei den Heimspielen der Löwen in der Arena im VIP-Bereich. Bei der derzeitigen Situation der Mannschaft blutet das Löwenherz von Peter Grosser. „Es sind viele Fehler gemacht worden, es musste so kommen“, meint er traurig. Eigentlich hätte am Dienstag, 19. Mai, im Gloria Filmpalast in München eine Feier zum 50-jährigen Jubiläum des Finales stattfinden sollen. Diese hat der Verein wegen der prekären Lage der aktuellen Mannschaft auf unbestimmte Zeit verschoben.

Ohne Frauen zum Bankett

Das kann Fredy Heiß nachvollziehen. „Die aktuelle Situation der Mannschaft ist so schlimm, mir ist da nicht zum Feiern zumute“, sagt der ehemalige rechte Außenstürmer der Löwen. Der 74-Jährige kann sich noch genau an die Kulisse in London erinnern. „Das hat mich schon beeindruckt und deswegen sind wir nicht so in unser Spiel gekommen. Trotzdem vergisst man dieses Spiel nie und wir haben damals den Münchner Fußball international salonfähig gemacht.“ Weniger gut sind seine Erinnerungen an das Bankett nach dem Finale, denn die Engländer wollten nicht, dass die Frauen der Spieler daran teilnehmen. „Irgendwie sind sie dann doch dabei gewesen, aber man hat sie ziemlich von uns in dem Raum abgeschirmt.“ Weitaus freundlicher ist der Empfang in München gewesen. Vom Flughafen Riem ist es auf den Rathausbalkon am Marienplatz gegangen. „Heute undenkbar, bei den Erfolgen der Bayern einen zweiten Platz zu feiern“, so der Flügelflitzer von einst.

West Hams sportliche Situation weitaus besser

Die „Hammers“ stehen derzeit sportlich weitaus besser als ihr Finalgegner von 1965 da. In der Tabelle der Premier League rangieren sie auf dem 10. Platz. Die Saison zuvor beendeten sie auf Platz 13. Bekannt ist West Ham auch für seine Talentschmiede und die prominenten Fans. Frank Lampard, Joe Cole oder auch Rio Ferdinand kommen aus dem Stall von United. Als einziger deutscher Spieler stand 2010/11 Thomas Hitzelsberger unter Vertrag. Prominentester Fan dürfte wohl US-Präsident Barack Obama sein. Aber auch die Queen und Prinz Harry haben sich als Anhänger des Londoner Traditionsvereins geoutet. So bleibt es heutewohl den Fans von West Ham vorbehalten, das Jubiläum des Finales vor 50 Jahren so richtig zu feiern.

SJH

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