Web 2.0 - Fluch oder Segen?

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Traunstein - Unter der Fragestellung „Web 2.0 – Fluch oder Segen?“ referierte Rainer Oesmann bei der Kreis-SPD über „Google, Facebook und kein Ende“.

Die verbesserte technische Infrastruktur eröffnet neue Wege von Massenkommunikation nach dem Prinzip, dass jeder mitmachen kann. Online-Tagebücher (Blogs), Nachrichten (Twitter), Generierung und Pflege von Kontakten (Social Networks), Bewertungen, Kommentierungen, Videos, Wissensbörsen (Wikipedia), Meinungsportale nach Produktkategorien ermöglichen Geschäftsmodelle im Web, die Speicherung und wirtschaftliche Auswertung von Informationen über Vorlieben und Verhaltensweisen zulassen. Firmen wie Facebook bringt dies eine einhundert Milliarden schwere Börsennotierung ein, weil rund 800 Millionen Menschen diese Systeme nutzen. „Nutzer stellen die eigene Bedeutsamkeit fest“ Rainer Oesmann, der auch stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in München-Land ist, berichtete von einer fortschreitenden Individualisierung der Konsumenten und Monopolstellungen von Firmen im Netz, die oft auf dem Wunsch der Nutzer basierten, ihr Wissen weiter zu geben und die eigene Bedeutsamkeit als Reaktion auf eigene Beiträge festzustellen. Vor allem junge Menschen würden diese Art der Bestätigung im Netz suchen, so Oesmann.

Eine wichtige Rolle spielen Informationen aus dem Netz inzwischen bei der Rekrutierung von Personal: 70 Prozent der Firmen überprüften Bewerber im Internet, 47 Prozent haben Bewerber wegen der dort gefundenen Daten dann zurückgewiesen.

„Freiwillige Preisgabe privater Informationen, Vorlieben und Verhaltensweisen“ In seinem Vortrag leuchtete Oesmann auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen aus. Das Empfinden von Privatsphäre habe sich im Netz offenbar grundlegend geändert, wie die freiwillige Preisgabe privater Informationen, Vorlieben und Verhaltensweisen zeige.

Noch 1983 hatte ein breiter Bürgerprotest das Volkszählungsurteil beim Bundesverfassungsgericht erstritten. Dort wurde festgestellt, dass es mit der Rechtsordnung nicht vereinbar sei, wenn Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Datensätze würden heute zweckgebunden gespeichert, Mobbing sei im Netz an der Tagesordnung. Beim Datenschutz spielten auch kulturelle Unterschiede bei der Bewertung des Web 2.0 eine große Rolle: Während in den USA gilt, dass derjenige, der Daten hat, sie auch auswerten darf, so sind in Deutschland alle Daten der jeweiligen Person zugeordnet, die dem Datenschutz unterliegen. So sammle Facebook Daten über Nicht-Mitglieder, lade Mail-Adressenbücher herunter, sammle Daten von „Freunden“ und habe im Juni 2011 automatische Gesichtserkennungen eingeführt. Es sei also die Frage erlaubt, wo die Verantwortung der Anbieter beginne, wenn Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die ganze Welt vernetzen möchte.

„Mangelnde Medienkompetenz“ Auf Seiten der Politik kümmere sich derzeit die Enquete-Kommission des Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ um die Entwicklung von Leitlinien. Dort habe die SPD dafür gesorgt, dass die Bürger im Rahmen einer Internetplattform den „18. Sachverständigen“ stellen. Darüber hinaus müsse der Staat den Schutz der Bürger- und Grundrechte auch im Netz gewährleisten, so Oesmann. Offen seien ein aktualisiertes Datenschutzgesetz und eine flächendeckende Breitbandverkabelung in Deutschland. Sorge bereite nach wie vor die mangelnde „Medienkompetenz“ bei der Lehrerausbildung und an den Schulen. So hätten durchschnittlich 10 Schüler in Deutschland einen PC zur Verfügung, der OECD-Schnitt liegt bei 5 Schülern pro PC.

„Wer schützt den Jugendlichen morgen ihr Urheberrecht?“ SPD-Kreisvorsitzender Dirk Reichenau eröffnete die Diskussion mit der Feststellung, dass man angesichts der Menschheitsgeschichte am Anfang eines neuen Mediums stehe. Dem großen Vorteil, den soziale Online-Netzwerke, Mobiltelefone und der freie Zugang ins Internet für freie Meinungsäußerung und Demokratie habe, stehe die Ausbeute aller Daten durch die Monopolisten im Netz gegenüber. „Börsenorientierte Unternehmen arbeiteten nicht für Menschen, sondern ausschließlich zum Wohle börsenorientierter Unternehmen“, stellte Reichenau fest. Es müsse die Frage erlaubt sein, wer für die Jugendlichen, die heute bereitwillig ihre Daten und Informationen vernetzten, morgen ihr Urheberrecht schütze, da sie ja selbst die Urheber ihrer Meinungsäußerungen seien. Keinesfalls dürfe von einem „Endkampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und der realen Welt“ schwadroniert werden, wie es kürzlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Heveling im Handelsblatt tat, sondern Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum müssten auch im digitalen Netzwerk ausreichend geschützt werden.

„Wir sollten den jungen Leuten auch was zutrauen!“ Siegfried Wallner forderte mehr öffentliche Hinweise zu den Gefahren im Internet und bekam die Antwort, dass viele Politiker im Netz nicht zu Hause sind. Christan Kegel betonte, die Welt finde nicht nur im Internet statt und soziale Kompetenz bei Jugendlichen litten darunter. „Wir sollten den jungen Leuten auch was zutrauen“, forderte Oesmann und verwies auf die Verantwortung von Eltern und Lehrern, die Förderung von Neugier und Kreativität bei der Erziehung wirklich ernst zu nehmen. Die Aufteilung in eine digitale und eine reale Welt sei ein falscher Ansatz, so der Referent. Beides existiere für junge Menschen meist problemlos miteinander. Problematisch werde es erst, wenn eine unkritische Herangehensweise zur Online-Sucht wird, wenn Mädchen nur noch online kommunizieren können und Jungen von der Spielkonsole nicht mehr weg kommen.

Kreisverband SPD Traunstein

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