Reportage zum St.-Georgs-Platz 10 in Traunreut

Die "Schande von Traunreut": Ist es wirklich so schlimm?

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Traunreut - In einem Pinweis unserer User wurde das Haus am St.-Georgs-Platz 10 als "Schande von Traunreut" betitelt. Verdient es tatsächlich den Namen? Wir waren vor Ort und machten uns ein Bild von der Lage.

Wenig einladend sieht das Gebäude von außen aus. Eingeschlagene Glastüren, hier und da so lädiert, dass Löcher darin klaffen. Auch der Putz bröckelt an der Fassade. Nachdem wir mit dem engagierten Traunreuter Florian Brandl in das Haus eintreten, scheint sich die Lage zu verbessern, es ist frisch gewischt. "Ihr habt Glück", wird uns später mitgeteilt, "normalerweise pa ssiert das nur drei- oder viermal im Jahr". Doch damit sollte die Liste an Mängeln am und im Haus nicht enden. Wir treten in eine Wohnung ein, wir wurden von einem Bewohner eingeladen, der anonym bleiben möchte. 

Seit zwei Jahren versuche er schon, Hausmeister und Vermieter über Mängel und Schäden zu informieren. "Wenn's dir hier nicht passt, kannst du dir ja eine neue Wohnung suchen und ausziehen" solle noch zu den harmloseren Sachen gehören, die Mieter angeblich gesagt bekommen, wenn ihnen ein Mangel auffällt. Die Wohnungen sind nicht groß, 50 Quadratmeter vielleicht und gleich aufgebaut, für die monatlich 400 bis 450 Euro fällig werden - zum Glück warm. 

Wasser plätschert neben Steckdose vor sich hin

Doch wie lebt es sich für die nicht allzu hohe Miete? "Schlecht", sagt der Bewohner und führt uns durch seine Bleibe. Aufgeplatzter Beton, eine schimmelnde Decke und und feuchte Wände, dazu veraltetes Inventar. Wollen Bewohner ihr Heim aufhübschen und modernisieren, so müssten sie das aus eigener Kasse zahlen. Auf der einen Seite ist das verständlich, aber man kommt ins Grübeln, wenn man Dinge sieht, die eigentlich zur Grundausstattung gehören sollten. In der Küche steht ein Herd, der wohl seit der Einweihung des Hauses schon dort ist.

Fotogalerie: "Die Schande von Traunreut"

Was den Schimmel betrifft, so seien Entfernungsversuche mit einer Sisyphusarbeit zu vergleichen. Man könne ihn mit Spray entfernen, doch er komme nach - und das sehr schnell. Immer wieder lecken Rohre, die für eine unangenehme Feuchtigkeit an den Wänden sorgen und dann "in zwei oder drei Monaten repariert werden", wenn es gut läuft. In einem Fall ist es sogar so schlimm, dass das Wasser in unmittelbarer Nähe zu einer Steckdose plätschert.

Grauenhafte Zustände im Haus

Die Heizung laufe in manchen Fällen Tag und Nacht, denn es gebe keine Möglichkeit, sie auszuschalten. Lediglich noch mehr aufdrehen könne man sie. Dass sich das auf die Nebenkosten niederschlägt, sei logisch. Doch das ist nicht das Einzige. Auch der Wasserhahn im Bad tröpfelt munter vor sich hin und man hat keine Möglichkeit, ihn abzustellen, egal wie fest man den Wasserhahn auch zudrehen will. Nachdem wir die Wohnung verlassen treffen wir andere Bewohner, die wir fragen, wie das Leben hier so ist."Scheiße" ist das einzige Wort, das sie uns sagen. 

Auf dem Weg in eine andere Wohnung sehen wir Rohre, die durch Löcher in der Decke sichtbar geworden sind, Kehricht der einfach in Ecken liegt, Spritzen die auf Vordächern vor sich hinoxidieren, Fernseher und sonstige Haushaltsgeräte mitten auf dem Gang und Fenster, die so selten gepflegt werden und nur nur unter größtem Kraftaufwand oder garnicht zu öffnen sind. Immer wieder kitzelt der Geruch von Müll, Urin oder Kot unsere Nasen. Der zweite Bewohner beklagt Ähnliches. Auch bei ihm tropft der Wasserhahn kontinuierlich und Schimmel ist überall zu sehen. L ediglich eine dünne Decke verhindert, dass man auf bloßem Beton läuft, man muss nur Glück haben nicht aus Versehen in eines der Löcher zu stolpern. Aber immerhin: Der Anwohner ka nn die Heizung an- und ausmachen.

"Schnell wieder raus hier!"

Auf unserem weiteren Weg werfen wir einen Blick in den Hinterhof.Eine verwilderte Wiese, die gerne mal als Entsorgungsfläche missbraucht wird und eine Häuserrückseite, die noch schlimmer aussieht als die der Straße zugewandten Front. Der Hausmeister scheint sich offenbar nicht im Geringsten dafür zu interessieren, dass Kinder auf einer gemähten Wiesen spielen könnten, um der Tristesse ein wenig zu entfliehen. Dass der Hausmeister nur einen Bruchteil seiner Aufgaben wahrnimmt, bestätigen uns auch die Bewohner.

Unsere vorletzte Station ist ein Bewohner, der das Glück hat, bald umziehen zu dürfen. "Vor einem Monat habe ich die Wände gestrichen und jetzt - Schimmel!" Do-it-yourself sei auch sein Motto gewesen, als er in Eigenregie Laminatboden verlegt hat, damit sein Kind nicht auf blankem Beton spielen musste.

srs

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