Plädoyer im Mordprozess

Hat ER den "Overkill" begangen?

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Der 26-jährige Beschuldigte.

Traunstein - Mit den Plädoyers wird an diesem Mittwoch der Prozess um den brutalen Mord an einem Traunreuter Rentner fortgesetzt. Die Verteidigung nahm die Anklage auseinander.

UPDATE 12.45 Uhr: Schlusswort des Angeklagten

In seinen letzten Worten betonte der Beschuldigte, dass er mit der Tat nichts zu tun habe. "Ich finde nicht, dass ich einen psychischen Schaden habe und untergebracht werden muss", so sein Schlusswort.  

++ Das Urteil wird am Freitagvormittag verkündet. Auch dann werden wir wieder vor Ort im Landgericht sein und aktuell von der Urteilsverkündung berichten. ++

UPDATE 12.40 Uhr: Plädoyer der Verteidigung

Verteidiger Raphael Botor ging in seinem Plädoyer zuerst auf die "gravierenden Fehler der Ermittlungsbeamten" ein. "Vom ersten Betreten der Wohnung durch die Einsatzkräfte zogen sich diese bis zum Schluss durch."

Unter anderem habe der Notarzt kein Fremdverschulden beim Tod des Rentners festgestellt, obwohl er 23 Schnitt- und Stichverletzungen und elf Stumpfe Gewalteinwirkungen an der Leiche gesehen habe. "Das führte dazu, dass der Körper erst am 19. Mai 2014 obduziert wurde", so der Anwalt.

Außerdem sei, nach Meinung der Verteidigung, die Drogenvergangenheit des Opfers nicht hinlänglich beleuchtet worden. Auch sei es verwunderlich, dass der Rentner in den Akten des Verfassungsschutzes auftauche: "Warum interessiert sich der Verfassungsschutz für einen Flaschensammler?" 

Zudem sei es fragwürdig, dass die anderen Gegenstände auf dem Couchtisch nicht untersucht wurden: "Spätestens, nachdem DNA-Spuren an der Essigflasche gefunden wurden, hätten auch die anderen Gegenstände auf dem Tisch - wie Feuerzeuge und Aschenbecher - untersucht oder zumindest sichergestellt werden müssen."

Der zweite Verteidiger, Axel Kampf, ging anschließend noch näher auf die Spurenlage in der Wohnung ein. "Gerade dort, wo der Essig verschüttet wurde, gab es gar keine Spuren zu verdecken, laut dem Sachverständigen. Das gibt also keinen Sinn."

Zudem habe ein anderer Sachverständiger beschrieben, "dass die Tat in einer Art 'Overkill' passiert sein muss. Danach muss die Kleidung des Täters aber mit Blut durchtränkt gewesen sein. Schwer vorstellbar, dass mein Mandant mit vor Blut triefender Kleidung noch mit dem Taxi nach Traunstein gefahren sein soll." 

Viel wahrscheinlicher sei es, dass jemand aus dem gleichen Wohnhaus nach der Tat wieder in seine Wohnung zurückgegangen sei. Er bezeichnete die Beweis- und Indizienlage gegen seinen Mandanten als "dünn" und beantragte daher, den 26-Jährigen wieder auf freien Fuß zu lassen.

UPDATE 11.20 Uhr: Plädoyer von Staatsanwalt Pfeifer

Staatsanwalt Björn Pfeifer eröffnete den Prozess am Dienstag mit seinem Plädoyer. Demnach habe der Beschuldigte den Rentner im Zeitraum zwischen dem Nachmittag, 12. Mai, und dem 13. Mai mit 23 Messerstichen ermordet.

Dafür spreche unter anderem die Höhe der vorgefundenen Blutspritzer am Tatort, die zur Körpergröße des 26-Jährigen passen würden. Zudem habe der Beschuldigte bei seiner zweiten polizeilichen Vernehmung "Täter-wissen" offenbart: "Er hat zu den Beamten gesagt, dass sie die Blutspuren am Tatort doch durch spezielle Lampen wieder sichtbar machen könnten. Das spricht dafür, dass er gewusst hat, dass der Tatort nach dem Mord gereinigt wurde", so Pfeifer.

Auch die DNA-Spuren des Niedersachsen am Deckel der Essigessenz-Flasche würden dafürsprechen, dass er die Tat begangen habe. "Der Essig wurde verschüttet, um Spuren zu vernichten. Seine DNA am Deckel lässt sich nur dadurch erklären, dass er der Täter ist", erläuterte der Staatsanwalt. 

Pfeifer gehe von einem Mord aus niedrigen Beweggründen aus. Motiv sei gewesen, dass der Rentner den 26-Jährigen vorher aus seiner Wohnung werfen ließ. Eine verminderte Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt sei definitiv nicht ausgeschlossen: "Der Beschuldigte litt unter einer Psychose, einer Persönlichkeitsstörung und unter einer ADHS-Erkrankung." Eine Gefängnisstrafe komme daher nicht in Frage.

Der Staatsanwalt beantragte daher eine Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus. Dem schloss sich die Nebenklagevertreterin an.

Vorbericht: So entwickelte sich der Prozess bislang

Ein 26-jähriger Niedersachse muss sich wegen dem Mord an einem Traunreuter Rentner vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, den 61-Jährigen in dessen Wohnung brutal erstochen zu haben. Bis zum siebten Prozesstag schwieg der Beschuldigte zu den Tatvorwürfen. Doch dann brach er sein Schweigen - entgegen der Ratschläge seiner beiden Pflichtverteidiger.

Er belastete dabei das Opfer schwer und warf ihm vor, Kinderpornos besessen zu haben. Er behauptete auch, dass der Rentner versucht habe, ein Kind zu entführen. Die Tat selbst bestreitet er aber weiterhin.

Am achten Verhandlungstag präsentierte dann ein Ermittlungsbeamte die Ergebnisse zu den untersuchten DVDs, die in der Wohnung des Opfers gefunden wurden. Demnach seien keine illegalen, kinderpornografischen Filme darunter gewesen. Die einzig belastende Spur bislang ist die DNA des 26-Jährigen an dem Verschluss einer Essigessenz-Flasche. Weder an dem Tatmesser, noch in der restlichen Wohnung konnten sonst Spuren des Beschuldigten sichergestellt werden.

Vor dem zehnten Prozesstag tauchte in den Akten noch eine Mitteilung des Verfassungsschutzes über das Opfer auf. Die Verteidigung stellte daraufhin drei Anträge: Zum einen wollten die Anwälte den entsprechenden Sachbearbeiter des Verfassungsschutzes vor Gericht vernehmen lassen, sowie einen weiteren Zeugen. Dieser wird in den Akten benannt und soll dem Opfer als Pfand für Drogengeschäfte eine Schusswaffe ausgehändigt haben. Als letzten Antrag wollte die Verteidigung ein Ehepaar vor Gericht aussagen lassen, die ebenfalls in den Verfassungsschutz-Akten genannt werden und die vermutlich als Informanten agiert haben. Alle drei Anträge wurden vom Gericht abgelehnt. Der Zeuge mit der Schusswaffe komme als Täter nicht in betracht, weil er seit 2014 ununterbrochen im Gefängnis sei und die Vernehmung des Sachbearbeiters, sowie des Ehepaars sei - nach Ansicht des Gerichts - nicht relevant.

Anschließend präsentierte Rainer Gerth sein psychiatrisches Gutachten. Demnach sei eine Schuldunfähigkeit des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt nicht auszuschließen. Auf jeden Fall sei er aber vermindert Schuldfähig.

An diesem Dienstag geht es nun weiter mit den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

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