Im Januar in Neuötting

Urteil: Bewährung für Vergewaltiger

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Traunstein/Neuötting - Ein 29-jähriger Afghane hat vor Gericht die Vergewaltigung an seiner Frau bereits gestanden. Nun hat der Richter das Urteil gefällt.

UPDATE, 16.05 Uhr:

Erich Fuchs spricht das Urteil: zwei Jahre Haft, ausgesetzt zur Bewährung, wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre - in dieser Zeit muss er sich einmal im Monat bei der Bewährungshilfe melden.

Seinen Wohnsitz in der Nähe von München darf er ohne Zustimmung der Bewährungshilfe nicht ändern. Außerdem muss sich der Angeklagte einer psychiatrischen Behandlung unterziehen. Jede Kontaktaufnahme zur Ehefrau muss er unterlassen - auch zum Kind, solange ein Familiengericht kein anderes Urteil fällt: "Wir gehen davon aus, dass er sich daran hält. Daher wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt", so Fuchs.

"Er hat eine gewisse Einsicht gezeigt und hat glaubhaft bekundet, dass er den Kontakt zu seiner Ehefrau künftig unterlässt", so der vorsitzende Richter - außerdem sei die Vergewaltigung in einer bestehenden Ehe erfolgt und Ataullah R.s Frau habe der Vergewaltigung keine so hohe Bedeutung beigemessen, wie es das Gesetz eigentlich tut.

Auch das Geständnis spricht für den Angeklagten. Staatsanwaltschaft und Verteidigung legen keine Rechtsmittel gegen das Urteil ein. Der Haftbefehl wird derweil aufgehoben, somit ist Ataullah R. wieder auf freiem Fuß.

UPDATE, 15 Uhr:

Ein psychologischer Gutachter wird geladen: Er soll Aussage erstatten, welcher Mensch in dem mutmaßlichen Vergewaltiger steckt. "Ein tatsächliches Krankheitsbild konnte ich beim Angeklagten nicht feststellen", aber es gäbe doch bestimme "Persönlichkeitsakzentuierungen", wie es der Sachverständige nennt: Narzisstisch, impulsiv und schnell gekränkt sei er, "und er wollte die Trennung von seiner Frau nicht wahrnehmen, hat das bagatellisiert und anderen die Schuld dafür gegeben". Wieder laufen Ataullah R. die Tränen hinunter, als er diese Worte hört.

Der Sachverständige berichtet auch von Schnittverletzungen an Ober- und Unterarmen: "Er hat die Trennung schwer verkraftet und wollte so auf sich aufmerksam machen." In der Haft sei der Angeklagte noch einen Schritt weitergegangen und habe gar Rasierklingen geschluckt. "Was kann man dagegen machen, wenn jemand gegen sich und andere so aggressiv vorgeht", fragt der vorsitzende Richter. "An seinem Wertesystem wird man nicht viel ändern können. Vielleicht ändert sich das, wenn er länger hier lebt und andere Erfahrungen macht", so der Gutachter. Er schlägt eine ambulante Psychotherapie vor.

Nun geht es an die Plädoyers: Welche Strafe könnte dem Angeklagten für seine Tat vor einem halben Jahr drohen? Die Staatsanwältin beginnt und fordert, Ataullah R. wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung zu verurteilen: "Das Würgen während des Beischlafs war lebensgefährlich, das hat der Sachverständige ausgeführt." Dass Ataullah R. aus einem anderen Kulturkreis kommt, will die Staatsanwaltschaft nicht gelten lassen. "Ich fordere daher, den Angeklagten zu drei Jahren Haft zu verurteilen, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden." Die Nebenklage schließt sich der Staatsanwaltschaft an, findet aber deutliche Worte: "Wir haben einen abschreckenden Einblick in afghanische Lebensverhältnisse bekommen. Frauen scheinen es nicht außergewöhnlich zu empfinden, wenn sie geschlagen oder vergewaltigt werden."

Die Verteidigung setzt etwas weiter an, will auch die Umstände der Tat beachtet sehen: "Noch zwei Tage vor der Tat hatten die beiden einvernehmlichen Verkehr. Man hat wie eine normale Familie gelebt." Außerdem wollte der Angeklagte noch in der Haft einen Täter-Opfer-Ausgleich: "Darüber hinaus hat mein Mandant die Tat eingeräumt - und das ist ihm nicht leicht gefallen. Dass er in der Haft sogar Rasierklingen geschluckt hat, zeigt, dass ihn dass durchaus beeindruckt hat." Der Anwalt ist außerdem der Meinung, dass die psychischen Folgen für das Opfer "eher am unteren Rand" anzusiedeln seien, "und ihre Angst vor dem Angeklagten ist nur subjektiv. Sie hat keine objektiven Anhaltspunkte dafür". Eine bestimmte Haftdauer fordert der Verteidiger nicht, will aber, dass sie in jedem Fall zur Bewährung ausgesetzt wird.

Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück und wird dann sein Urteil sprechen.

UPDATE, 11.45 Uhr:

29 Jahre alt soll er sein - aber so ganz genau weiß man es nicht. Der vorsitzende Richter Erich Fuchs geht davon aus, dass das Geburtsdatum 1. Januar "nur angenommen" ist. Fest steht, dass Ataullah R. früher als Lagerarbeiter tätig war - bis er nach der Tat heuer im Januar festgenommen wurde.

Der Angeklagte wuchs als Kind von Bauern in Afghanistan auf. In die Schule konnte er nicht gehen, noch heute kann Ataullah R. weder lesen noch schreiben. Mit zehn Jahren floh er mit den Eltern in den Iran. Sein Anwalt führt weiter aus: "Dort ist er dann entführt worden, ein Finger wurde ihm dabei abgetrennt."

Im Iran lernte er dann jene Frau kennen, die er in Neuötting vergewaltigt haben soll. Er brach mit den Eltern, zog für anderthalb Jahre nach Griechenland und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Reise ging weiter nach Deutschland, wo er einen Asylantrag stellte und in Supermärkten Regale auffüllte. Seine Frau zog schließlich auch nach Deutschland. Die Beziehung zu ihr wurde schwieriger, während ihrer Schwangerschaft trennten sich die beiden. Schon während sein Anwalt über seine Biografie berichtet, hat der Angeklagte mit Tränen zu kämpfen. Mit gebrochener Stimme beantwortet er die Nachfragen des Richters.

Was sagt Ataullah R. zu den Vorwürfen, die ihm gemacht werden? Schläge gegen den Kopf und den Oberkörper seiner Frau, Tritte gegen ihre Beine, Vergewaltigung. "Er hat Grenzen überschritten und hätte sich nicht so verhalten dürfen. Mein Mandant gesteht die Tat im Wesentlichen ein und bedauert es", so sein Anwalt.

Eifersucht war im Spiel: Bei der Geburtstagsfeier des gemeinsamen Kindes sei auch ein 16-Jähriger gewesen, der beim Essen mit seiner Frau "so einen bestimmten Blickkontakt" gehalten habe. Später eine Berührung an der Schulter. Das hat wohl gereicht: Die Stimmung zwischen ihm und seiner Frau verschlechterte sich. Ataullah R. räumt die Tat ein. Das Opfer, seine Frau, wird froh darum sein: Die Details der Tat wird sie vor Gericht nicht mehr schildern müssen.

22 Jahre alt ist Ataullah R.s Frau. Handfesten Streit habe es schon öfters gegeben:"Er hat mich geschlagen, aber gesagt, dass er es nicht mehr tun wird. Und ich wollte mein Kind nicht in Probleme bringen." Ein Zusammenleben sei dann aber nicht mehr in Frage gekommen. Bei Treffen an den Wochenenden sei der Sex trotzdem einvernehmlich gewesen - bis zum Tattag im Januar. "Du darfst nie mit einem anderen Mann sprechen" - so beschreibt das Opfer das Verhältnis zwischen den beiden. Hinter der Berührung zwischen der jungen Frau und dem 16-Jährigen habe nichts gesteckt, doch sie war für Ataullah R. wohl ohnehin nur der Tropfen, der das Fall zum überlaufen brachte. Denn am Geburtstagswochenende der einjährigen Tochter gab es wohl mehrere Konflikte.

"Ich dachte ich werde sterben", beschreibt das 22-jährige Opfer die Tat: Ataullah R. habe sie bei der Vergewaltigung mit den Händen gewürgt. Die Frau hat heute Angst vor ihm - hat Angst, von ihm verfolgt zu werden und mehr noch: "Ich habe Angst, dass er mich irgendwann tötet."

Will die 22-Jährige die Entschuldigung ihres Peinigers annehmen? "Nein", antwortet sie selbstsicher, "jetzt hasse ich ihn". Das Gericht erkennt, dass das Verhältnis zwischen den beiden wohl nicht mehr gerade zu rücken sein wird.

"Besteht die Gefahr, dass er sich selbst verletzen wird?", fragt Richter Fuchs. Auch das sei schon vorgekommen: Mit einem Messer und einer Rasierklinge. Der Angeklagte will sich noch mal entschuldigen: "Ich liebe Dich, aber wenn es Dich glücklich macht, will ich mich Dir nicht mehr nähern." Spontan entfährt es der jungen Frau: "Das ist gelogen." Richter Fuchs schaut streng zur Anklagebank und wird ernst: "Das ist keine Kleinigkeit, die wir hier verhandeln!"

Nach der Mittagspause werden die Plädoyers und das Urteil im Prozess erwartet. Auch hat Erich Fuchs als vorsitzender Richter zu klären, inwieweit der Angeklagte das Opfer in Zukunft noch treffen darf.

Vorbericht:

Den Geburtstag der gemeinsamen Tochter stellt man sich auch anders vor: An einem Sonntag im Januar 2015 drehte Ataullah R. wohl durch. Geht es nach der Staatsanwaltschaft soll der 29-Jährige seine getrennt lebende Ehefrau bei ihr in Neuötting förmlich malträtiert haben. Zuerst habe es Schläge und Tritte gesetzt, danach kam der Frau eine Lautsprecherbox entgegengeflogen. Und danach die Vergewaltigung auf einer Couch? Das wird das Traunsteiner Landgericht heute herauszufinden haben. Der gebürtige Afghane ist wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angezeigt.

Möglicherweise spielte auch Eifersucht eine Rolle. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll am Tag zuvor ein 16-Jähriger die Schulter seiner Frau berührt haben.

Der Prozess beginnt um 9 Uhr, auch mit einem Urteil kann heute bereits gerechnet werden.

+++ Wir berichten aktuell von den Geschehnissen im Gerichtssaal +++

 xe

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