Tag 12 im Prozess um den WM-Mord in Bad Reichenhall

"Er hat eine Reifeentwicklung durchgemacht"

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Traunstein/Bad Reichenhall - Noch immer bleibt in der WM-Nacht einiges im Dunkeln: Am Dienstag hat nun das Gericht den ehemaligen Vorgesetzten von Christoph R. befragt. *NEU: Video und Fotos*

UPDATE, 15.07: Gericht befragt ehemaligen Vorgesetzten

Trotz mehrwöchiger Unterbrechung und scheinbarem Stocken des Prozesses bleibt das Interesse an der Verhandlung ungebrochen: Nur ein Zeuge ist für den heutigen Prozesstag geladen - doch die Zuschauerreihen im Traunsteiner Landgericht sind, wie fast immer, voll.

Vorsitzender Richter Klaus Weidmann geht schnell ans Werk. Der ehemalige Vorgesetzte von Christoph R. tritt in den Zeugenstand. Viele Fragen scheinen längst geklärt, doch auch er wird erneut nach seinem Verhältnis zum Angeklagten befragt: "Wir hatten keine Freundschaft, nur dienstlich." Ihre Dienstzimmer in Bad Reichenhall befanden sich direkt gegenüber. Vor allem für die neuen psychologischen Gutachter sind die Fragen nun von Belang: "War er ein Kindskopf?" fragt Weidmann: "Am Anfang sind viele Kindsköpfe bei der Bundeswehr, aber das wandelt sich bei vielen. Auch bei ihm war das so." Der Zeuge beschreibt ihn als vollwertiges Mitglied der Truppe und er bescheinigt Chritoph R.: "Er hat eine Reifeentwicklung durchgemacht."

Fotos: Tag 12 im Prozess um den WM-Mord von Bad Reichenhall

Noch einmal muss der Zeuge seine Erlebnisse der Tatnacht schildern: Als er als Heimschläfer sein Haus in Bad Reichenhall verlies kam er direkt noch am ersten Tatort vorbei, sah den toten Alfons S. am Boden liegen, Rettungskräfte waren schon an Ort und Stelle. Eine halbe Stunde später kam er gegen 4.15 Uhr an der Kaserne an, trifft Christoph R. am Gang: "Mit dem R. hab ich nur über das Fußballspiel geredet." Der Richter wundert sich: "Sie haben mit ihm nicht über die Leiche gesprochen? Darüber redet man doch!" Jetzt im Nachhinein wundert sich sein früherer Vorgesetzter auch darüber. Der Angeklagte sei nicht auffällig gewesen, es hätte sich um ein "ganz normales" Gespräch gehandelt: kein Lallen, kein Wackeln, keine Nervosität. Damit wird auch klar, dass sich eine andere Zeugin vom April wohl zumindest in der Uhrzeit vertan haben muss, als sie Christoph R. in der Nähe des Reichenhaller Bahnhofs gesehen haben will. Auch sie nochmals als Zeugin zu laden, verzichtet das Gericht aber.

Das Urteil wird für den 10. Juli erwartet. Fortgesetzt wird am 18. Juni: Als letzte Zeugin vor Gericht wird dann eine weitere, frühere Vorgesetzte von Christoph R. erwartet: "Das ist der Fahrplan: So steht er und ich hoffe, so bleibt er", so die für heute abschließenden Worte des vorsitzenden Richters Weidmann.

Vorbericht:

Was bisher geschah: 

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Sachverständige plädieren für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

- Prozesstag 9: Nebenklage will doch noch Erwachsenenstrafrecht

- Prozesstag 10: Christoph R. sieht sich als tugendhaft und attraktiv

- Prozesstag 11: Schließer spricht von "idealem Gefangenen"

Gute zwei Wochen stand der Prozess nun still: Andere Gerichtstermine und die Pfingstferien kamen den Beteiligten dazwischen. Heute wird das Verfahren gegen Christoph R. vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt. Er soll in der Nacht des WM-Finales 2014 den Rentner Alfons S. getötet und die damals erst 17-jährige Sarah F. mit Messerstichen ins Gesicht schwer verletzt haben. Alle Indizien sprechen gegen den Ex-Soldaten, doch um Christoph R. auch nach Erwachsenenstrafrecht verurteilen zu können, zieht sich der Prozess wegen Anträgen der Nebenklage in die Länge. Die bisherigen psychologischen Gutachter plädierten für Jugendstrafrecht, neue Sachverständige sollten möglichst zu einem anderen Urteil kommen. Schwierig für die neuen Gutachter: Der Angeklagte will nicht mit ihnen sprechen.

Abgesehen davon scheinen noch manch wichtige Details der Tatnacht ungeklärt. Eine Zeugin beschrieb, dass sie in der Nacht von Christoph R. auf dem Weg zum Bahnhof angerempelt worden wäre: "Das war der junge Mann", identifizierte sie ihn im April im Gerichtssaal. Etwa 4.45 Uhr sei es gewesen, als er sie mit "bösem Blick" in Bad Reichenhall fast umstieß. Ihre Aussagen passen aber nicht wirklich zu den Schilderungen eines Vorgesetzten: Der Oberfeldwebel will ihn etwa zur selben Zeit in der Kaserne getroffen haben - in Boxershorts und Badeschlappen.

Genau jener Oberfeldwebel wird heute erneut vor Richter Weidmann aussagen müssen: Kann die Uhrzeit stimmen? War es überhaupt Christoph R., der ihm da in den frühen Morgenstunden in der Kaserne begegnet ist? Ungereimtheiten, die das Gericht heute zu klären hat. Er wäre nicht der erste Soldat, der sich im Traunsteiner Gerichtssaal in Widersprüche verstrickt - oder hatte sich die Zeugin doch getäuscht, und es war gar nicht Christoph R., dem sie auf dem Weg zum Reichenhaller Bahnhof begegnet ist? Ab 13.30 Uhr wird der Prozess vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

Tag 11 im WM-Mord-Prozess

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

6. Prozesstag beim WM-Mord

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

9. Prozesstag beim WM-Mord

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