Tag 15 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

Verteidiger: "Kein Zweifel an der Schuld, aber..."

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Traunstein/Bad Reichenhall - Nach den Plädoyers ahnt Christoph R. nun, wie lange er hinter Gitter muss - und sein Verteidiger spricht von Anfeindungen aus der Öffentlichkeit. *NEU: Video*

UPDATE, 14.50 Uhr:

Der Richter weiß um die Brisanz dessen, was nun ansteht: "Ein Lob an die Zuschauer, dass sie so diszipliniert geblieben sind. Ich hoffe, das bleibt auch jetzt so, wenn der Verteidiger sein Plädoyer hält - auch wenn Sie anderer Meinung sein sollten."

Verteidiger Baumgärtl erhebt sich, hält einleitende Worte, nennt die Taten "schreckliche Verbrechen". Doch der Verteidiger verteidigt sich auch selbst, spricht von "Anfeindungen" aus der Öffentlichkeit: "Ich habe in diesen Fall einen Heranwachsenden zu verteidigen. Teile der Öffentlichkeit haben kein Verständnis dafür, dass ich meiner Arbeit nachgehe und diese nach Recht und Gesetz erfülle. Manchen wird es nicht gefallen, was ich hier ausführe - aber ich handle im rechtlichen Rahmen."

Auch Harald Baumgärtl zweifelt nicht im Geringsten an der Schuld von Christoph R.: Er wiederholt all die Beweise, die gegen seinen Mandanten sprechen, geht auf all die Spuren ein, die Christoph R. in Bad Reichenhall hinterlassen hat: "An der Täterschaft gibt es keinen Zweifel." Aber der Verteidiger hadert teils mit den Mordmerkmalen: Heimtücke und Mordlust lägen wohl vor, so Baumgärtl, "aber keine niederen Beweggründe. Es gibt keinen Fall in der Rechtsprechung, der zu diesem passen würde. Das wird sonst vor allem bei schweren sexuellen Übergriffen geltend gemacht." Sein Mandant sei deshalb wegen Mordes an Alfons S. zu verurteilen, so Baumgärtl.

Im Fall der Attacke auf Sarah F. schränkt der Verteidiger aber ein: Als das Opfer nach der Messerattacke flüchtete, habe der Angeklagte nicht nachgesetzt: "Er ist vom versuchten Mord zurückgetreten." Außerdem sei es nicht erwiesen, dass Christoph R. dem Opfer das Augenlicht absichtlich auslöschen wollte. Sein Mandant sei daher wegen Mordes und besonders schwerer Körperverletzung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung zu verurteilen.

Bei der Frage, ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrechts bezieht sich Baumgärtl, wie zu erwarten war, auf die Aussagen der Jugendgerichtshilfe und des psychologischen Gutachters - beide konnten schließlich mit dem Angeklagten vor der Verhandlung sprechen. Außerdem sei eine Nachreifung bei Christoph R. nicht auszuschließen - davon ging auch schon die Staatsanwaltschaft aus. Der Verteidiger bringt aber auch die Kindheit von Christoph R. ins Spiel: "Wenn ein Vierjähriger zusehen muss, wie der alkoholisierte Vater die Mutter vergewaltigt, dann geht das nicht unbeschadet an dem Kind vorbei." Baumgärtl spricht von einem "höchstproblematischen Aufwachsen" seines Mandanten.

Baumgärls Plädoyer: Elf Jahre Freiheitsstrafe für Christoph R. Aber auch er weiß: "Man wird wohl nicht an einer nachträglichen Sicherungsverwahrung vorbeikommen." Christoph R. sei in einer sozialtherapeutischen Abteilung unterzubringen. Außerdem dürfe man Christoph R. nicht die Kosten für die Nebenklage aufhalsen: "Falls mein Mandant wieder in Freiheit kommt, wird er einen riesigen Schuldenberg vor sich haben."

Baumgärtl beendet sein Plädoyer. Christoph R. bekommt von Richter Weidmann seine letzte Chance, sich selbst zu äußern. Die Antwort: "Ich habe nichts mehr hinzuzufügen und nichts Weiteres zu sagen." Es war zu erwarten, doch viele dürften von Christoph R.s Verschwiegenheit noch immer fassungslos sein, auch wenn es sein Recht ist. Am kommenden Freitag, den 10. Juli, wird das Gericht das Urteil über den Ex-Soldaten Christoph R. sprechen. Fest steht: Er wird für Jahre hinter Gitter wandern.

UPDATE, 13 Uhr:

Nun holt Nebenkläger Markus Frank aus: Er betont, dass Christoph R. davon ausgegangen sei, dass auch Sarah F. an ihren Verletzungen noch sterben wird - "es war ohnehin nur Zufall, dass meine Mandantin überlebt hat." Frank sieht Mordlust, Heimtücke und niedere Beweggründe: "Außerdem waren die Treffer in die Augen kein Zufall, sondern Absicht." Weitgehend schließt sich die Nebenklage aber der Staatsanwaltschaft an - bis auf einen entscheidenden Punkt: "Wir gehen nach wie vor davon aus, dass Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist", so Frank.

Die Nebenklage sieht bei Christoph R. keine Reifeverzögerung. Es gehe nicht darum, ob sich der Angeklagte überhaupt nicht mehr entwickeln würde - aber Christoph R. würde es nicht mehr "im entscheidenden Maße" tun, er habe eine gefestigte Persönlichkeit. Die Nebenklage spricht von "Brutalität und Unmenschlichkeit" der Taten.

Alle Blicke im Gerichtssaal richten sich bei diesen Worten auf Markus Frank - bis auf die des Angeklagten: Er starrt wie so oft vor sich hin, blickt scheinbar ins Leere. "Wer aus purer Mordlust solche Taten begeht, keine Reue zeigt - ganz im Gegenteil, nach der Tat herumalbert und säuft - der ist durch nichts mehr zu beeindrucken", so die Nebenklage. Markus Frank findet nichts Strafmilderndes: "Durch ein Geständnis hätte er Sarah F. die für sie extrem belastende Gegenüberstellung ersparen können. Sie brach in Tränen aus, wir mussten die Hauptverhandlung unterbrechen."

Auch der zweite Nebenklagevertreter, der für die Angehörigen von Alfons S. spricht, Franz Maushammer, will den Gutachtern nicht glauben, die für Jugendstrafe plädieren: "Ein Soldat, der für unsere Gesellschaft verantwortlich ist und mit der Waffe kämpft, kann nicht nach Jugendstrafrecht beurteilt werden."

Die Familie habe sich von dem Schock bis heute nicht erholt. Dass diese klaren Worte der Wahrheit entsprechen, kann jeder im Gerichtssaal sehen: Bei den Angehörigen von Alfons S. fließen die Tränen: "Alle Strafrahmen sind voll auszunutzen. Was müsste jemand sonst noch anstellen, um bei Erwachsenenstrafrecht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu kommen?", so Maushammer. Beide Nebenklagevertreter sind sich also einig: Nachträgliche Sicherungsverwahrung und lebenslange Freiheitsstrafe.

Nach der Mittagspause wird der Prozess fortgesetzt - dann mit dem Plädoyer von Verteidiger Harald Baumgärtl. Auch Landtagsabgeordnete Michaela Kaniber hat sich heute unter den Zuschauern eingefunden, zeigt sich im Gespräch mitgenommen von den Geschehnissen.

UPDATE, 11.40 Uhr:

Der Gerichtssaal am Traunsteiner Landgericht ist voll wie eh und je: Allen Beteiligten steht ein langer Tag bevor, draußen wird es heiß, der vorsitzende Richter verspricht schon bei Verhandlungsbeginn ausreichende Pausen. Auch der mutmaßliche Mörder scheint sich heute der Hitze anzupassen: Marineblaues Button-Down-Hemd statt Norwegerpulli.

Schon erhebt sich Staatsanwalt Pfeifer und holt zu seinem Plädoyer aus, er zeichnet die Tage im Juli 2014 nach: Das Wochenende habe Christoph R. vor allem am Computer verbracht, am Abend sei Bier getrunken worden, der Angeklagte sei aber zurechnungsfähig gewesen und hätte keine Ausfallerscheinungen gezeigt: "Nach 2.08 Uhr beschließt der Angeklagte, dass er wahllos Menschen töten will. Auf die Anzahl legte er sich dabei noch nicht fest. Er greift zu einem Messer, das geradezu dazu gemacht wurde, Menschen zu töten" - spätestens jetzt wird allen Zuhörern, nach den schleppend verlaufenen letzten Verhandlungstagen, im Saal schlagartig wieder klar, welch furchtbare Taten dem 21-Jährigen auf der Anklagebank zur Last gelegt werden. Pfeifer erinnert auch nochmal an die grausigen Details der tödlichen Stiche auf Alfons S.: "Fünf Schädeldurchstiche, so dass die Messerspitze auf der gegenüberliegenden Seite wieder austrat."

Tag 15 im Prozess um den WM-Mord

Dann beschreibt der Staatsanwalt die nächste Attacke von Christoph R.: Gezielte Messerstiche ins Auge, in den Nacken, in den Schädel, in den Oberkörper von Sarah F. Die junge Dame konnte fliehen, auch der Angeklagte machte sich aus dem Staub: "Ohne ärztliche Hilfe hätte sie noch 30 Minuten überlebt. Und das auch nur, weil Sarah F. einen stärkeren Schädelknochen hat, als Alfons S." Schon jetzt darf man gespannt sein, ob Christoph R.s Verteidiger Harald Baumgärtl all dies in seinem Plädoyer anders darstellen wird, oder ob es auch für ihn nicht zur Debatte steht. Die Staatsanwaltschaft fährt fort: "Etwa eine Stunde nachdem er loszog, traf der Angeklagte wieder in der Kaserne ein. Er traf einen Kameraden, legte sich ins Bett. Um 11.15 Uhr des Folgetages stand er ohne Auffälligkeiten beim Appell." Entscheidend ist für Pfeifer auch, dass Christoph R. wohl Tatvorbereitungen traf, zum Beispiel der "umgedrehte" Kapuzenpullover.

Die unsicheren und teils widersprüchlichen Zeugenaussagen der Bundeswehrsoldaten erklärt Staatsanwalt Pfeifer mit der Angst vor disziplinarrechtlichen Folgen für sie - weil niemand das Geständnis Christoph R.s am Folgetag meldete. Die DNA-Spuren an den blutverschmierten Klamotten von Christoph R. würden eindeutig dafür sprechen, dass er die Tat begangen hat - auch schließt der Staatsanwalt aus, dass sich ein anderer Kamerad seine Klamotten genommen hätte. Auch im wohl angespanntesten Moment des ganzen Prozesses - dem Blickkontakt zwischen Christoph R. und Sarah F. - sieht Pfeifer einen Beweis: "Er war immer betont gleichgültig, zeigte keine Regung - aber dem Blick der Zeugin wollte er zuerst doch ausweichen."

Die Staatsanwaltschaft legt Christoph R. Mord gegen Alfons S. und versuchten Mord gegen Sarah F. zur Last. In beiden Fällen sei das Motiv Mordlust: "Er wollte Menschen töten." Auch von Heimtücke geht der Staatsanwalt aus. Auch Oberstaatsanwalt Ziegler ergreift das Wort: "Wir haben es hier mit einem Heranwachsenden zu tun." Wenn eine Nachreifung nicht mehr möglich sei, müsse man ihn als Erwachsenen behandeln - doch das könne man bei Christoph R. nicht ausschließen. Auch eine "dyssoziale Persönlichkeit" kann Ziegler bei ihm nicht erkennen, trotz seiner Kälte und scheinbaren Gefühllosigkeit.

Die Staatsanwaltschaft erkennt eine besonders schwere Schuld in den Taten der WM-Nacht - im Gegenzug kann er nichts Strafmilderndes finden:"Ich kann nur das Höchstmaß von 15 Jahren nach Jugendstrafrecht fordern." Nun das zweite heiße Eisen - Oberstaatsanwalt Ziegler fordert außerdem eine nachträgliche Sicherungsverwahrung, weil man davon ausgehen müsse, dass er Andere wieder körperlich oder seelisch schädigen wird.

Erwartet werden nun noch die Plädoyers von Nebenklage und R.s Verteidiger Baumgärtl. Ob die Nebenklage eine noch höhere Strafe nach Erwachsenenstrafrecht fordern wird?

Vorbericht:

Was bisher geschah: 

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet von Christoph R.s Lebenslauf

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Gutachter plädiert für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

- Prozesstag 9: Nebenklage will doch noch Erwachsenenstrafrecht

- Prozesstag 10: Christoph R. sieht sich als tugendhaft und attraktiv

- Prozesstag 11: Schließer spricht von "idealem Gefangenen"

- Prozesstag 12: "Am Anfang war er ein Kindskopf"

- Prozesstag 13: Frau Hauptmann lobt Christoph R.

- Prozesstag 14: Auch zweites Gutachten für Jugendstrafe

Knappe drei Monate saßen sie sich "nur" gegenüber, heute sind sie gefragt: Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung werden die Plädoyers vortragen. Es geht um nichts weniger als die Frage, wie die tödliche Messerattacke auf Alfons S. und die schwersten Verletzungen an Sarah F. vom Juli vergangenen Jahres bestraft werden.
In den vergangenen Prozesstagen deutete sich bereits an, dass der mutmaßliche Täter Christoph R. bei einer Verurteilung mit einer Jugendstrafe davonkommen könnte. Sowohl die Jugendgerichtshilfe als auch zwei psychologische Gutachten sprachen sich dafür aus. Daher ist zu erwarten, dass auch Christoph R.s Verteidiger Harald Baumgärtl für eine Jugendstrafe plädieren wird.
Doch vor allem die Nebenklage hatte bisher so ihre Bedenken, den Angeklagten als Jugendlichen einzustufen. Zum Tatzeitpunkt war der Ex-Soldat 20 Jahre alt. Man ließ eigens ein weiteres Gutachten anfertigen, um eine Grundlage für Erwachsenenstrafrecht zu bekommen - doch auch die jüngste Verhandlung am Dienstag zeigte: Der psychologische Sachverständige sieht im mutmaßlichen Mörder von Bad Reichenhall einen Heranwachsenden. Werden Staatsanwaltschaft und Nebenklage trotzdem eine Erwachsenenstrafe für Christoph R. fordern? Der Unterschied kann, muss aber nicht gravierend ausfallen: Während Heranwachsenden bei Mord höchstens 15 Jahre Haft drohen, sind es bei Erwachsenen mindestens 15 Jahre. Anschließend kann eine Sicherungsverwahrung ausgesprochen werden - auch damit ist im Fall des WM-Mordes von Bad Reichenhall zu rechnen. Um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

Fotos: Tag 12 im Prozess um den WM-Mord von Bad Reichenhall

Tag 11 im WM-Mord-Prozess

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

6. Prozesstag beim WM-Mord

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

9. Prozesstag beim WM-Mord

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