Tag 16 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

WM-Mord: 14 Jahre für Ex-Soldaten Christoph R.!

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Traunstein/Bad Reichenhall - Das Warten hat ein Ende: Am Vormittag ist das Urteil gegen Christoph R. gefallen! Der Ex-Soldat muss 14 Jahre in eine sozialtherapeutischen Einrichtung.*Neu: Video*

Das Urteil

Der Ex-Soldat ist nach dem Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt worden, zu verbüßen in einer sozialtherapeutischen Einrichtung. Das Urteil lautet auf Mord und schwere Körperverletzung, rechtlich zusammentreffend mit gefährlicher Körperverletzung. Zudem muss der Angeklagte seinem Opfer Sarah einen Schadensersatz von 175.000 Euro zahlen. Eine Sicherungsverwahrung nach verbüßen der Freiheitsstrafe behält sich das Gericht vor.

Die Begründung:

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Christoph R. den Reichenhaller Rentner brutal ermordet und die 17-jährige Sarah lebensgefährlich verletzt hat. In der WM-Nacht sei er, mit einem 30 Zentimeter langen Messer bewaffnet, in die Innenstadt von Bad Reichenhall gezogen, um "wahllos Menschen zu töten, weil er Lust darauf hatte", erklärte der vorsitzende Richter Dr. Klaus Weidmann. Zum Tatzeitpunkt sei er zwar alkoholisiert gewesen - das Gericht geht von einem Blutalkoholwert zwischen 2,24 und 3,4 Promille aus - allerdings sei seine Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit nicht erheblich vermindert gewesen. Den Angriff auf den Rentner beurteilte die Jugendkammer als vorsätzlichen Mord, mit den Merkmalen der Heimtücke und der Mordlust: "Er hat dabei die Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers ausgenutzt." Zudem habe er aus purer Mordlust gehandelt, da "kein sonstiges, plausibles Mordmotiv zu erkennen gewesen ist. Die Opfer waren austauschbar und zufällig ausgewählt", so Weidmann.

Die 17-jährige Sarah erlitt bei dem Angriff lebensbedrohliche Verletzungen.

Zur zweiten Tat, bei der die 17-jährige Sarah niedergestochen und lebensbedrohlich verletzt wurde, entschied sich dasGericht für schwere Körperverletzung, rechtlich zusammentreffend mit gefährlicher Körperverletzung. "Wir gehen zwar von einem Mordversuch aus, da er auch hier heimtückisch und aus Mordlust gehandelt hat." Allerdings habe Sarah, nach dem letzten Stich auf ihre Brust, noch fliehen können, wobei der Angeklagte sie nicht verfolgt habe. "Objektiv war er in der Lage, die Tat zu vollenden und sie umzubringen. Er hatte das Messer noch in der Hand und wäre auch sportlich in der Lage gewesen, ihr nachzurennen. Das hat er aber nicht getan." Nach §24 liege daher kein Mordversuch vor. "Ich bin mit der Gesetzeslage auch nicht glücklich. Aber der Gesetzgeber versucht dadurch das Opfer zu schützen - die sogenannte goldene Brücke zu schlagen - indem er den Täter nicht mit versuchtem Mord bestraft, wenn er von seinem Opfer ablässt. Ob ein Täter im Moment der Tat allerdings an den §24 denkt, ist natürlich fraglich."

Für die Anwendung des Jugendstrafrechts sprach sich das Gericht aufgrund der umfangreichen Einlassungen der Sachverständigen aus: "Der Angeklagte war zum Tatzeitpunkt einem jugendlichen gleichgestellt." Mit dem Strafmaß von 14 Jahren war die Kammer knapp unter der Höchstgrenze von 15 Jahren geblieben: "Auch wenn die Tat brutal war, so hat er seine Opfer doch nicht unnötig gequält und er hat auch niemand anderen belastet." Zu seinen Gunsten spreche außerdem, dass er alkoholisiert war und einen schweren Lebensweg hatte.

Eine mögliche Sicherungsverwahrung nach verbüßen der Freiheitsstrafe behielt sich das Gericht vor: "Von ihm geht ein Gefahrenpotential aus. Sollte er keine Therapiebereitschaft zeigen, dann kann eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden "und die kann lange dauern". Der vorsitzende Richter appellierte daher erneut an Christoph R.: "Es ist eine Chance für sie, diese Therapie anzunehmen. Nur wenn man ihnen eine positive Prognose attestiert, dass sie keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellen, wird es am Ende des Strafvollzugs keine Sicherungsverwahrung geben."

Zum Abschluss gab es von Richter Weidmann auch noch eine Empfehlung hinsichtlich einer möglichen Revision in Richtung der Anwälte: "Sollten sie keine Revision einlegen, dann könnte der Angeklagte sofort mit seiner Therapie beginnen. Ansonsten würde sich das noch mehrere Monate hinziehen."

Der Vorbericht:

Der WM-Mord-Prozess zum Nachlesen:  

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet von Christoph R.s Lebenslauf

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Gutachter plädiert für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

- Prozesstag 9: Nebenklage will doch noch Erwachsenenstrafrecht

- Prozesstag 10: Christoph R. sieht sich als tugendhaft und attraktiv

- Prozesstag 11: Schließer spricht von "idealem Gefangenen"

- Prozesstag 12: "Am Anfang war er ein Kindskopf"

- Prozesstag 13: Frau Hauptmann lobt Christoph R.

- Prozesstag 14: Auch zweites Gutachten für Jugendstrafe

- Prozesstag 15: Die Plädoyers

Nur wenige Tage bevor sich das wohl schrecklichste Verbrechen der vergangenen Jahre im Berchtesgadener Land jährt, wird am heutigen Freitag das Urteil über den Angeklagten ergehen. In stoischer Ruhe verbrachte Christoph R. bisher die 15 Prozesstage auf der Anklagebank - er gestand nichts, er leugnete nichts, er entschuldigte sich nicht. Aber auch der vorsitzende Richter Klaus Weidmann wird kaum einen Zweifel daran haben, dass er der Täter ist: Er hat einen Reichenhaller Rentner zu Tode gestochen und eine damals 17-Jährige lebensgefährlich verletzt. Welche Strafe wird Christoph R. heute dafür bekommen?
Am vergangenen Prozesstag wurden die Plädoyers gehalten - und sie lagen weit voneinander entfernt: 
- Christoph R.s Verteidiger Harald Baumgärtl forderte elf Jahre Haft nach Jugendstrafrecht. Sein Mandant sei wegen Mordes und besonders schwerer Körperverletzung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung zu verurteilen - nicht aber wegen versuchten Mordes an Sarah F. Baumgärtl gestand auch: "Man wird wohl nicht an einer nachträglichen Sicherungsverwahrung vorbeikommen."
- Auch Staatsanwaltschaft sprach sich für eine Jugendstrafe aus, forderte aber das Höchstmaß von 15 Jahren Freiheitsentzug. Außerdem will Oberstaatsanwalt Ziegler eine nachträgliche Sicherungsverwahrung, weil man davon ausgehen müsse, dass Christoph R. Andere wieder körperlich oder seelisch schädigen wird.
- Die Nebenklagevertreter forderten dagegen das absolute Maximum: Lebenslange Freiheitsstrafe nach Erwachsenenstrafrecht und eine nachträgliche Sicherungsverwahrung. "Alle Strafrahmen sind voll auszunutzen. Was müsste jemand sonst noch anstellen, um eine lebenslange Freiheitsstrafe zu bekommen?", so Franz Maushammer.

Ab 10 Uhr wird das Urteil gesprochen.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

Tag 15 im Prozess um den WM-Mord

9. Prozesstag beim WM-Mord

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

6. Prozesstag beim WM-Mord

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

Tag 11 im WM-Mord-Prozess

Fotos: Tag 12 im Prozess um den WM-Mord von Bad Reichenhall

Rubriklistenbild: © ps

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Xaver Eichstädter

Xaver Eichstädter

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