Prozess wegen Sex-Übergriff in Traunreut

"Kein Ausländerbonus": So lang muss Hasibullah K. in den Knast!

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Der Angeklagte (links) vor dem Prozessbeginn. Rechts neben ihm der Dolmetscher des Gerichts. Beraten wird er von seinem Anwalt Hans Sachse aus Rosenheim (vorne).

Traunreut/Traunstein - Am Dienstag stand ein 24-jähriger afghanischer Asylbewerber vor dem Landgericht. In der Silvesternacht soll er in Traunreut eine 17-Jährige sexuell attackiert haben. Am Nachmittag fiel das Urteil:

UPDATE, 16.30 Uhr - Das Urteil

Abgesehen von der Körperverletzung und der sexuellen Nötigung sieht Richter Weidmann auch den versuchten Raub als gegeben an: Sein Urteil liegt bei drei Jahren und drei Monaten Haft für Hasibullah K. Damit liegt er wesentlich näher am Plädoyer der Staatsanwaltschaft, als beim Verteidiger.

Den strafverschärfenden, versuchten Handy-Raub erkannte Weidmann auch deswegen an, weil Hasibullah K.s Handy damals kaputt war. Die Geschädigte hatte dagegen ein teures iPhone. Und: Am Tag nach der Tat fuhr der Angeklagte nach München, um sich dort ein Handy zu kaufen.

"Mehrfach und mit erheblicher Gewalt hat der Angeklagte versucht, der Geschädigten das Handy zu entreißen. Während des Gerangels verletzte sich die Geschädigte, der Angeklagte nahm das billigend in Kauf. Danach griff er ihr unter das Kleid in den Intimbereich zwischen die Beine - zuerst über der Strumpfhose, dann versuchte er, in die Strumpfhose zu greifen", so der vorsitzende Richter Klaus Weidmann. Er spricht von mehreren gewaltsamen Angriffen auf den Intimbereich.

Und sowohl beim Handy-Raub als auch bei der sexuellen Nötigung habe der Angeklagte nur wegen der Gegenwehr des Opfers abgelassen, nicht wegen einer Einsicht. Die angebotenen 4000 Euro Schmerzensgeld bezeichnet der Richter dagegen als "Luftnummer". Richter Weidmann sah sich auch ähnliche Urteile in Traunstein der vergangenen Jahre an: Er betonte, dass es im heutigen Urteil "keinen Ausländerbonus" gäbe und der Angeklagte wie ein Einheimischer verurteilt wird. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung kann noch Revision einlegen.

UPDATE, 14.40 Uhr: Die Plädoyers liegen weit auseinander

Plädoyer Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwältin erhebt sich zum Plädoyer. "Die Anklage hat sich vollumfänglich bestätigt", ist sie sich sicher: Der Schlag auf den Po, die Verletzungen des Opfers durch den Sturz zu Boden, der versuchte Raub, die sexuelle Nötigung. 

Der Angeklagte habe sich zwar teilgeständig gezeigt, aber die Geschädigte habe absolut glaubwürdig und gut ausgesagt: "Sie neigte sogar noch dazu, den Angeklagten zu schützen." 

Auch durch die Aussagen des anderen afghanischen Asylbewerbers, der als Zeuge geladen war, sieht sich die Staatsanwältin bestätigt. "Ich bin überzeugt, dass der Angeklagte das Handy nach dem Übergriff auch an sich nehmen wollte", so die Staatsanwältin. Daher auch der Anklagepunkt, des versuchten Raubes. Aber: Wegen der Alkoholisierung sei er vermindert schuldfähig - und für den Afghanen spricht, dass er teilgeständig war und sich entschuldigt hat. "Das Opfer war zur falschen Zeit am falschen Ort, sowas darf in Deutschland nicht toleriert werden." Durch solche sinnlose und respektlose Übergriffe würde außerdem nur Angst in der Gesellschaft geschürt. Unterm Strich fordert die Staatsanwaltschaft vier Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe für Hasibullah K. 

Plädoyer Verteidigung

"Nach dieser ominösen Silvesternacht in Köln gab es einen Aufschrei in Deutschland. Der Flüchtlingsbewegung hat der Angeklagte mit der Tat natürlich einen Bärendienst erwiesen. Ich habe das Gefühl, dass sich der Angeklagte für die Tat schämt", beginnt der Verteidiger sein Plädoyer. 

Strittig sei, ob auch ein versuchter Raub vorliege: Wollte der Angeklagte nur das Telefonat der Geschädigten unterbinden oder das Handy wegnehmen? Der Verteidiger geht von Ersterem aus. Auch die Körperverletzung durch den Schlag auf den Po sieht der Anwalt weniger schlimm als die Staatsanwältin. Zwei Jahre Haft auf Bewährung fordert der Verteidiger von Hasibullah K.

Die letzten Worte des Angeklagten: 

"Es tut mir hundert Mal leid. Ich bitte um Verzeihung."

In etwa einer Stunde wird das Gericht unter vorsitzendem Richter Weidmann sein Urteil gefällt haben.

UPDATE, 13.25 Uhr: Zeugen und Gutachter kommen zu Wort

Nun muss die Freundin des 17-jährigen Opfers in den Zeugenstand: Sie beschreibt die "komischen Zungengeräusche" der beiden Asylbewerber auf dem Rathausplatz. Ihre Freundin habe die beiden dann nachgeäfft: "Mach das lieber nicht", sagte die Zeugin noch zur 17-Jährigen. 

Auch die Zeugin bestätigt dem vorsitzenden Richter den Schlag auf den Po des Opfers:"Als die dann wieder auf uns zu sind, bin ich ein paar Meter geflüchtet. Danach habe ich nur noch gehört wie meine Freundin geschrien hat und dann gesehen, wie sie am Boden lag." Sie hatte Angst, dass sie vom Begleiter des Angeklagten angegriffen würde - nun aber bereut sie, dass sie ihre Freundin nicht an der Hand mitgezogen hat, als sie zur Seite flüchtete. 

"No! No!" schrie sie in Richtung des Täters beim Übergriff, der einige Sekunden gedauert haben soll. Hingetraut habe sie sich nicht, auch weil sie nicht wusste, wo genau sich der Begleiter des Täters aufhielt: "Ich war da wie ein hilfloses Küken." Dann hätten sich die beiden Asylbewerber aus dem Staub gemacht. Die Zeugin berichtet aber auch von einem Passanten, doch er ist nicht eingeschritten. Heute traut sich die ebenfalls 17-Jährige im Dunkeln nicht mehr allein auf die Straße.

Was wird der Kumpel des Angeklagten aussagen? Auch er ist Afghane, als Asylbewerber in Deutschland und 19 Jahre alt. 

Betrunken seien beide in der Silvesternacht gewesen, aber auch er kann nicht genauer sagen, wie viel der Angeklagte getrunken hatte: "Sein Zustand war schlecht und ich habe schon befürchtet, dass er etwas anstellt." Der Zeuge bestätigt die Attacke, die Griffe an den Körper des Opfers, den Riss an der Kapuze und die Schreie der beiden Traunreuterinnen. Er selbst sei etwa zehn Meter daneben gestanden. 

"Was passiert wenn man in ihrer Heimat so etwas macht?", will die beisitzende Richterin vom Zeugen wissen? "Es droht eine schwere Strafe", so der Zeuge. Die beiden Afghanen lernten sich erst einige Tage vor der Tat kennen. Nach der Silvesternacht habe der Zeuge den Angeklagten noch einmal auf die Tat angesprochen: Auch der Zeuge erhielt vom Angeklagten damals als Antwort, dass er "rauschig" gewesen sein. Hasibullah K. sitzt wie bei allen Aussagen ruhig auf der Anklagebank.

Der letzte Zeuge, ein Freund des Opfers, mit dem sie während der Tat noch kurz telefonierte: "Ich hab sie keuchen hören, laut atmen, schreien - dann war sie plötzlich weg." Zuerst dachte der junge Mann an einen Spaß der beiden Mädchen.

Nun gibt der sachverständige Gutachter noch ein genaueres Bild des Angeklagten Asylbewerbers: Neurologischen oder psychologischen Besonderheiten habe er nicht feststellen können: "Er ist gesund, wenn auch manchmal depressiv." Sein Fluchtgrund: Probleme mit der islamistischen Taliban. Hasibullah K. wuchs in geregelten Verhältnissen in Afghanistan auf, sein Vater sei Polizist, auch er selbst strebte eine Laufbahn bei den Behörden an. Seine Familie wohne nun in Kabul, der Kontakt sei aber abgebrochen. 

Dem Gutachter hat Hasibullah K. auch erzählt, dass er eine 21-jährige Frau und ein Kind mit ihr habe. Über die sogenannte Balkan-Route kam er nach Deutschland. Zur Familie besteht kein Kontakt mehr. In der Silvesternacht habe er zum ersten Mal Alkohol getrunken. An die Tat kann sich der Angeklagte laut Gutachter aber noch erinnern: "Man kann von einer leichten bis mittelmäßigen Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt ausgehen." Eine verminderte Steuerungsfähigkeit könne man daher nicht ausschließen.

Nach der Mittagspause werden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung erwartet. Auch das Urteil soll heute noch fallen.

UPDATE, 11.20 Uhr - Opfer sagt aus

Die 17-Jährige muss als erste Zeugin vor Richter Weidmann. Er geht behutsam mit dem Opfer um, sie macht einen aufgeweckten Eindruck. Berufstätig ist sie noch nicht, macht im Moment ihren Bundesfreiwilligendienst.

"Ich habe mit Freunden gefeiert, nach Mitternacht wollte ich mich noch mit einer Freundin treffen", so die Traunreuterin. Zum Tatzeitpunkt habe sie den Alkohol aber schon nicht mehr gespürt. Vor der Raiffeisenbank am Rathausplatz habe man die beiden Flüchtlinge dann bemerkt: "Die haben komische Geräusche mit der Zunge gemacht und sind uns dann hinterhergegangen."

Die 17-Jährige und ihre Freundin seien dann immer schneller gegangen: "Aber sie blieben richtig nah hinter uns, ungefähr einen Meter." Dann habe ihr der Angeklagte mit "voller Wucht" auf den Hintern gehauen. Sie schrie ihn zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch an: "Was soll das? Go away!" Die 17-Jährige sei geschockt gewesen: "Ich habe nicht realisiert, dass das gerade wirklich passiert."

Nebenbei telefonierte sie mit einem Kumpel, der die ersten Schreie der 17-Jährigen wohl noch mitbekam. Wollte der Angeklagte dem Opfer deswegen ihr Handy entreißen? Dann der nächste Angriff: Ein griff an die Kapuze, schon lag sie am Boden. "Ich wollte ihn wegtreten und habe geschrien", so die Angeklagte. Auch die Griffe in den Intimbereich muss sie dem Richter schildern: "Er hat mir unters Kleid gefasst und wollte in die Strumpfhose."

"Die ersten Tage nach der Tat konnte ich nicht richtig schlafen", so die junge Frau. Die Schmerzen im Hüftbereich seien aber bald wieder verschwunden, auch in psychologischer Behandlung war sie nie. Heute verdrängt sie die Tat, trotzdem flossen bei der Anklageverlesung Tränen. Mit der Entschuldigung des Angeklagten kann die 17-Jährige nichts anfangen.

UPDATE, 9.55 Uhr - Prozess hat begonnen

Das Interesse an der Verhandlung gegen Hasibullah K. ist groß: Rund 30 Zuschauer sind in den Sitzungssaal in Traunstein gekommen, kaum ein Platz bleibt leer. Der Angeklagte hat mit seinem Anwalt Hans Sachse und einem Dolmetscher Platz genommen. Auch die junge Traunreuterin, die in der Silvesternacht zum Opfer des Übergriffs wurde, ist hier.

Der Angeklagte stammt aus einem 500-Seelen-Dorf in Afghanistan, hat dort wohl keinen Beruf erlernt und ist verheiratet. Rund drei Monate war er in München in Untersuchungshaft, dann in Traunstein.

Die Staatsanwältin verliest die Anklageschrift: In der Traunreuter Munastraße habe es erst Schläge gegen das Opfer gesetzt, dann habe Hasibullah K. sie umgerissen und wollte ihr danach wohl ihr Handy entreißen. Schon da wehrte sich die 17-jährige Traunreuterin. Als ihm der Diebstahl nicht gelang wurde er weiter handgreiflich: "Er hielt sie mit einer Hand weiter fest und fasste ihr gezielt auf der Nylonstrumpfhose in den Intimbereich. Dabei versuchte er auch, die Strumpfhose herunterzuziehen und zu zerreißen."

Was hat Hasibullah K. dazu zu sagen? "Er räumt seine Tat in vollem Umfang ein", so sein Anwalt - nur das Handy wollte er ihr wohl nicht stehlen. Gleichzeitig entschuldigt er sich bei der jungen Traunreuterin. 4000 Euro Schmerzensgeld und einen Täter-Opfer-Ausgleich schlägt Anwalt Sachse vor.

"Ich war durch Alkohol berauscht. Durch richtig viel", meint der Angeklagte gegenüber Richter Weidmann. Champagner soll es gewesen sein. Weidmann hakt nach und will die Menge genau wissen, doch diese Frage lässt sich vor Gericht nicht klären.

Nun werden die Zeugen geladen: Ein Polizist, ein Begleiter des Angeklagten in der Silvesternacht und das Opfer.

Die Erstmeldung:

Zuerst soll der Asylbewerber der 17-Jährigen in der Munastraße auf den Hintern geschlagen haben, dann wollte er ihr wohl das Handy entreißen und schließlich soll er sie zwischen den Beinen begrapscht haben: Ein 24-jähriger Afghane muss sich am heutigen Dienstag dem Traunsteiner Landgericht stellen. Er ist angeklagt wegen vorsätzlicher Körperverletzung, versuchtem Raub und sexueller Nötigung

Beide waren nicht allein in der Silvesternacht: Die Traunreuterin war am Rathausplatz mit einer Freundin unterwegs, der Angeklagte mit einem weiteren Asylbewerber. Laut Staatsanwaltschaft sollen beide zum Tatzeitpunkt gegen 2.42 Uhr alkoholisiert gewesen sein. Erst nach heftiger Gegenwehr und Schreien soll der 24-Jährige von der Traunreuterin abgelassen haben. Mit Abschürfungen und Prellungen kam sie davon.

Die Tat in der Silvesternacht hatte Nachwirkungen in der Region: Zum einen wurde eine asylkritische Kundgebung dadurch befeuert, zum anderen wurde der Übergriff in den sozialen Netzwerken zum Anlass genommen, das Gerücht einer Vergewaltigung in Traunstein zu streuen - durch akribische Ermittlungen konnte die Polizei dieses Gerücht schließlich entkräften. 

Der Prozess beginnt um 9 Uhr. Chiemgau24.de wird aus dem Gerichtsaal berichten. 

xe

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