Experten zeigten Wege aus der Krise

"Der Finanz-Crash ist unausweichlich"

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v.l. Ökonom Matthias Weik, Chiemgauer-Vorstand Christophe Levannier, Chiemgauer-Initiator Christian Gelleri, Traunsteins Oberbürgermeister Christan Kegel und Ökonom Marc Friedrich.

Traunstein - Viele gespannte Zuhörer fanden sich zum Vortrag der beiden international erfahrenen Ökonomen und Buchautoren Marc Friedrich und Matthias Weik in der Berufsschulaula ein.

Initiator und Vorstandsmitglied Christian Gelleri vom Verein „Chiemgauer“ erläuterte die Vorbildwirkung der Regionalwährung im Lokalbereich und für Internationale Projekte.

Immobilienkrise, Bankenkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise: Seit der weltweiten Finanzkrise infolge der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 lebt Europa im ständigen Krisenmodus. Spätestens seit der historisch einmaligen Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank und deren erklärten Aufkauf von Staatsanleihen für 1,14 Billionen Euro sorgen sich immer mehr Bürger um ihr Erspartes und die Sicherung ihrer Altersvorsorge. Die akut drohende Staatspleite Griechenlands verschärft die Situation noch.

Eine große Zahl gespannter Zuhörer fand deshalb ein Vortrag der beiden international erfahrenen Ökonomen und Buchautoren Marc Friedrich und Matthias Weik in der Traunsteiner Berufsschulaula mit ergänzendem Workshop im Rathaussaal. Beide Schwaben landeten mit ihren provokanten Büchern „Der größte Raubzug der Geschichte“ (2012) und „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie ihr Vermögen retten“ (2014) Besteller, die zu den erfolgreichsten Wirtschaftsbüchern 2013 und 2014 wurden.

Auf Einladung des Regionalgeldvereins „Chiemgauer“ zeigten Friedrich und Weik in einer Analyse der Ursachen und Hintergründe auf, warum aus ihrer Sicht das gegenwärtige Finanzsystem zum Scheitern verurteilt ist und wie nachhaltige Lösungsstrategien aussehen können.  Einbezogen wurden dabei auch zahlreiche Fragen der Zuhörer. Wie Friedrich erklärte, hätten er und Weik zu Zeiten des aufblühenden Neuen Marktes vor der Jahrtausendwende studiert und seien selbst überzeugte Verfechter des „Turbo-Kapitalismus“ gewesen. Ein Aufenthalt in Argentinien habe Friedrich 2001 seinen Worten nach die Augen geöffnet und „alle bisherigen Werte völlig auf den Kopf gestellt“: Er erlebte die dortige Staatspleite am eigenen Leib mit, die Entwertung von Geld und Versicherungen, bürgerkriegsähnliche Zustände und in der Folge den Niedergang des Mittelstands. Seitdem haben sich er und Weik – parallel zu Aufenthalten im Ausland – mit der Geschichte von Geldsystemen, Finanzkrisen, Staatspleiten und Lösungsmodellen beschäftigt.

Das Geldsystem des Euros ist zum Scheitern verurteilt

Matthias Weik, Marc Friedrich und Christan Gelleri gingen im Ratshaussaal auf Hintergründe und Lösungsstrategien zur drohenden Finanzkrise ein.

Aufgrund von mathematischen und historischen Gewissheiten sei das derzeitige, auf ungebremstes Wachstum ausgelegte Geldsystem des Euros zum Scheitern verurteilt. „Spätestens seit 2010 liegt der Euro sterbenskrank auf der Intensivstation“, so Friedrich. Mit immer neuen Rettungspakten und Geldspritzen seien die Krisenverursacher, also Banken und die Finanzindustrie vor der Pleite gerettet worden. Die anfangs versprochenen Regulierungsmaßnahmen wie etwa Basel III, die Finanztransaktionssteuer oder die Abtrennung von Investmentbanken seien aber nicht realisiert worden. Stattdessen würden wir alle derzeit durch einen historisch niedrigen Zinssatz der Europäischen Zentralbank „schleichend enteignet“. Die private Altersvorsorge stehe mehr denn je in den Sternen, zu befürchten sei eine großflächige Verarmung.

Matthias Weik stellte heraus, welche Ursachen aus seiner Sicht den Finanz-Crash unausweichlich machen: „Ungebremstes, exponentielles Wachstum stößt irgendwann an natürliche Grenzen, das sagen uns Erfahrungen aus der Natur, der Mathematik und der Geschichte.“  Ungebremstes Schuldenwachstum und ständige Geldvermehrung „aus dem Nichts“ seien deshalb zum Scheitern verurteilt. Dazu komme, dass die Verursacher der Krise zugleich die Gewinner der Krise seien. „Die Banken sind nicht systemrelevant. Sie sind das System. Viele sind heute noch viel mächtiger als vor der Krise. 99 Prozent der Staatsanleihen kauft schließlich die Finanzindustrie und bestimmt damit, wo es langgeht.“ Damit seien Politiker erpressbar. Aus diesem Grund habe sich auch seit 2009 nichts Grundlegendes geändert. Alle Regeln seien von der Finanzlobby ad acta gelegt, verwässert oder in ferne Zukunft verschoben worden.

Experten empfehlen: Jetzt selbst vorsorgen

Wichtig sei es deshalb, so die beiden Bestseller-Autoren, dass jeder einzelne bereits jetzt selbst Vorsorge treffe, um die Folgen eines Finanz-Crashs und zu erwartender harter Einschnitte abzufedern. Lebensversicherungen und staatliche Vorsorgemodelle wie Riester/Rürup, Bausparvertrag und Anleihen sowie Aktien erhielten von den Referenten als „reine Papierwerte“ und aufgrund von „manipulierten Märkten“ schlechte Noten. „Setzen Sie auf das, was sie verstehen und anfassen können“, rieten die Experten. Dazu gehören Edelmetalle wie Gold und Silber, die man, so die Empfehlung, anonym im Tafelgeschäft erwerben sollte, oder Investments in Obstwiesen, Wald und Acker. In Frage kommen auch direkte Unternehmensbeteiligungen – am besten aus der Region –in den Bereichen Wohnen, Mobilität, Energie, Landwirtschaft/Lebensmittel und Handwerk/Dienstleitungen. Der feste Besitz mache Immoblien – am besten schuldenfrei - zwar attraktiv als sichere Anlageform, Abstriche gebe es aber aufgrund von Besteuerungen und künftiger Unterhaltskosten. Von der Internet-Währung Bitcoin rieten die Referenten ab: „Die ist zwar dezentral organisiert, aber das System dahinter ist für künftige Entwicklungen schwierig einzuschätzen.“

Beide Referenten machten zudem deutlich, dass die gegenwärtige, vielerorts von Gier getriebene Finanzkrise auch Ausdruck einer tiefergehenden Krise der Gesellschaft und menschlicher Werte sei. Auch hier sei eine Neuorientierung nötig. Christian Gelleri, Initiator des „Chiemgauer“, zeigte auf, wie die Regionalwährung im Lauf der letzten elf Jahre zunehmend mehr Vertrauen bei Verbrauchern und Unternehmen gefunden habe. Inzwischen habe das Modell für viele internationale Initiativen Vorbildwirkung. Gründe für die gute Resonanz sei das Vertrauen und die Unterstützung regionaler Projekte. Der Chiemgauer sei zwar an den Euro gekoppelt, könnte im Fall eines Crashs aber auch schnell zur Ersatzwährung ausgebaut werden, so seine Worte.

Christophe Levannier, Vorstand des Vereins „Chiemgauer“, erklärte, die Vereinigung habe sich die Bildung und Forschung über das Gemeinwohl auf die Fahnen geschrieben, dazu die Stärkung der regionalen Wirtschaft und den Bewusstseinswandel für alternative Wirtschaftsformen. Bereits Michael Ende habe vor über 40 Jahren die problematische Abhängigkeit von Geldsystemen in seinem Klassiker „Momo“ aufgegriffen. Dieser sei heute aktueller denn je.

Pressemitteilung KLAR.TEXT

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