Plädoyers im Missbrauchsprozess gegen Bruckmühler 

"...und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt"

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Traunstein/Bruckmühl - Tag vier im Prozess gegen einen 50-Jährigen Bruckmühler. Er soll seine Stieftochter über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren sexuell schwer missbraucht haben. 

Am voraussichtlich vorletzten Verhandlungstag hielten Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertreterin und Verteidigung ihre Plädoyers.

Auswertung der Anklage

Zu Beginn des vierten Prozesstages verkündete der vorsitzende Richter Dr. Klaus Weidmann, dass die Anklage durchdacht und zahlenmäßig ausgewertet worden sei. Das Gericht kam dabei zu folgendem Ergebnis: Anders als in der ursprünglichen Anklageschrift, die von 153 Fällen ausging, wurde vom Gericht die Zahl der Übergriffe auf insgesamt 176 nach oben korrigiert.

Am zweiten Prozesstag bot die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten an, die Anzahl der Fälle auf 120 zu reduzieren und somit einen Schritt auf den Angeklagten zu zu gehen, sollte dieser die Verantwortung dafür übernehme. Der Angeklagte ging darauf jedoch nicht ein, da er die Taten in diesem Umfang nicht einräumen könne.

Die Beweisaufnahme wurde im Anschluss geschlossen.

Staatsanwaltschaft:

Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess eröffnete ihr Plädoyer mit einen Zitat aus Goethes Erlkönig: "...und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." Gewalt im direkten Sinne habe der Angeklagte laut Staatsanwältin nicht angewendet, er habe sich jedoch eines perfiden Mittels bedient. Er habe das Vertrauensverhältnis zur Geschädigten ausgenutzt, verbunden mit der Drohung er werde ins Gefängnis kommen, sollte sie etwas erzählen. 

Die Anklage sei für die Staatsanwaltschaft im Wesentlichen bestätigt. Sie gehe jedoch auch von 176 Fällen aus. Zudem habe der Angeklagte im Verlauf der Verhandlung nur geringe Einsicht gezeigt. Die Aussagen des Angeklagten seien von extremen Bagatellisierungstendenzen geprägt. "Er hat zudem die Mutter als Sündenbock benutzt. Auch sein Alkoholkonsum führte nicht zu Beeinträchtigungen seiner Steuerungen", so Spiess. "Beide Zeugen haben den Angeklagten als jähzornigen, aggressiven Menschen beschrieben, der sich nehme, was er wolle und kein Nein akzeptiert." Dies passe auch zu der Einstufung des Sachverständigen Dr. med. Stefan Gerl. 

Die Aussagen des Angeklagten erscheinen der Staatsanwaltschaft als nicht glaubwürdig. Die Aussagen der Geschädigten seien aus Sicht der Staatsanwaltschaft als glaubwürdig einzuschätzen, was das Gutachten über die Glaubwürdigkeit der Geschädigten bestätige. "Der Angeklagte habe versucht ein falsches Bild von sich in der Hauptverhandlung zu zeichnen." 

Die Staatsanwältin habe auch keine Zweifel daran, dass die Mutter von den Vorfällen nichts gemerkt habe

Der Angeklagte habe die Abhängigkeit, die kindliche Unreife und die fehlende Vaterfigur durch falsche Zuneigung ausgenutzt und die seelische Entwicklung der Geschädigten, der Mutter und der Geschwister geschädigt.

Die Staatsanwältin fordert sechs Jahre Haft ohne Bewährung.

Nebenklägerin:

Opferanwältin Manuela Denneborg aus Rosenheim könne sich dem Plädoyer der Staatsanwältin nur anschließen, werde aber keinen eigenen Strafantrag stellen. "Es kommt für die Geschädigte nicht drauf an, wie viele Fälle es waren. Für die Geschädigte wäre es wichtig gewesen, dass der Angeklagte die volle Verantwortung dafür übernimmt, was er getan hat", so Denneborg in ihrem Plädoyer. "Er hat nicht im Geringsten versucht, sich bei der Geschädigten zu entschuldigen. Das sollte in die Strafbemessung mit einfließen." Die Geschädigte wolle, dass der Angeklagte bestraft werde, weil er es auch bei ihrer Schwester gemacht habe und weil es ihrem Bruder deshalb so schlecht gehe.

Denneborg sprach davon, dass der Angeklagte wesentlich perfider vorgegangen sei, als Täter, die Gewalt anwenden würden. "Kinder wissen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist, er hat ihr aber vorgegaukelt, dass er sie liebt." Die Geschädigte sei jetzt Gott sei Dank auf einem guten Weg, die Taten seien jedoch eine lebenslange Schädigung für das jetzt 15-Jährige Opfer. Dies bat Denneborg bei der Strafbemessung zu berücksichtigen und stellte den Antrag ein höheres Strafmaß zu finden.

Verteidigung:

Verteidiger Andreas Grabmann aus Rosenheim räumte zu Beginn seines Plädoyers ein, dass es nicht zu bestreiten sei, dass der Angeklagte sich schuldig gemacht habe, die Geschädigte mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Dass der Angeklagte sich in den Alkohol flüchtete solle laut Verteidiger nicht als Versuch verstanden werden, die Schuld von sich zu weisen, es sei ein Versuch gewesen, seine Taten auszuhalten. "Der Angeklagte hat in der richterlichen Vernehmung gesagt, dass er Mist gebaut hat. Er hat Teilgeständnisse getätigt", so der Verteidiger.

Die Geschädigte habe das von Mutter und Schwester gezeichnete aggressive Bild in ihrer Vernehmung nicht angegeben. Auch die Häufigkeit der Taten könne bezogen auf den Schichtdienst des Angeklagten so nicht sein. Der Angeklagte habe sich jedoch gegen die Mehrzahl der vorgeworfenen Fälle nicht zur Wehr gesetzt und übernehme die volle Verantwortung

Der Angeklagte hatte das letzte Wort:

"Ich habe mich schuldig gemacht und übernehme auch die Verantwortung dafür" so der 50-Jährige. "Ich kann mich nur bei allen Beteiligten entschuldigen, insbesondere bei den Kindern. Es tut mir furchtbar leid." Der Angeklagte wolle sich auch beim Gericht und der Staatsanwaltschaft entschuldigen. "Meine Äußerungen mich als Opfer hinzustellen waren nicht gewollt. Ich hatte einfach ein riesiges Schamgefühl in mir."

Nach eigener Aussage habe er bereits 2014 die Absicht gehabt sich bei den Kindern zu entschuldigen, wie er gegenüber eines Mitarbeiters des Jugendamts geäußert habe. "Mein Wille, mich zu entschuldigen ist schon lange vorhanden."

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