Nächster Traditionsbetrieb schließt

Was stoppt die Verödung der Altstadt?

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"Viele wissen gar nicht, welche Geschäfte es in der Hauptstraße überhaupt gibt", so Gertraud Faltus.

Trostberg - Kleine, alteingesessene Läden haben vielerorts Existenzprobleme, doch in der Trostberger Hauptstraße werden sie immer deutlicher. Das Traditionsgeschäft "Girr" schließt, weitere könnten folgen.

116 Jahre war man in der Trostberger Hauptstraße beheimatet, am 23. Dezember 2015 ist Schluss. Mit dem Uhren- und Schmuckgeschäft Girr schließt ein weiterer der Trostberger Traditionsbetriebe seine Pforten - die Verödung der Altstadt schreitet weiter voran.

Fotos: Geschäftsleerstand in der Trostberger Altstadt

"Acht Jahre lang führte ich mit meinem Mann den Laden. Aber die Geschäfte sind einfach rückläufig, da bleibt einem nichts anderes übrig", so Gertraud Faltus. Seit Wochen weisen große rote Plakate am Schaufenster auf das Ende hin: "Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe! Bis zu 50 Prozent reduziert!" Auf hochwertigen Schmuck war man spezialisiert, Gertraud Faltus' Mann Wolfgang, ein Uhrenmachermeister, betrieb in den hinteren Räumen auch eine Werkstatt: "Vor allem um die Stammkunden tut's uns jetzt sehr leid."

"Am liebsten hätten die Leute überall einen Drive-In"

Das Phänomen ist nicht neu: Auch als man vor Jahren das Geschäft übernahm, gab es schon viel Leerstand in der Altstadt. Elf leere, finstere Läden zählt man, wenn man durch die historische Hauptstraße geht, die trotz allem noch viel Charme zu versprühen weiß. Doch es wird immer ruhiger in Trostbergs Zentrum.

Woran liegt's? "Es wird immer auf die Parkplätze geschoben, aber hier gibt es eigentlich genug Möglichkeiten", so Gertraud Faltus. Abgesehen von der nahen Tiefgarage ist das Parken in der Hauptstraße in der ersten Stunde kostenlos. "Viele Leute denken, es gäbe hier nicht genügend Angebot. Aber das sind wahrscheinlich alles Ausreden", resigniert die Inhaberin: "Am liebsten hätten die Leute überall einen Drive-In."

Kaum schließt die Eisdiele, fehlt die Laufkundschaft

Außerdem fehlt es vor allem in den Wintermonaten, wenn auch die Eisdiele geschlossen hat, an Laufkundschaft. Faltus fügt hinzu: "Was das Internet nicht kaputt macht, das machen dann die Discounter." Tatsächlich kann es sich beispielsweise der Discounter "Penny" leisten, einen erst 13 Jahre alten Supermarkt an der Alten Pallinger Straße abzureißen um an selber Stelle in etwa wieder das Gleiche zu errichten. Erst Anfang Dezember passierten die Pläne den Bauausschuss der Stadt.

Noch hell beleuchtet: Das Schmuckgeschäft Girr von Uhrenmachermeister Wolfgang Faltus und seiner Frau Gertraud.Anm. der Red.: Leider ist uns bei der ersten Ausspielung des Artikels an dieser Stelle ein Fehler unterlaufen. Es war das falsche Foto eingebunden. Inzwischen sehen Sie aber das richtige Foto!

Fragt man beim Bürgermeister nach, hört man für den Leerstand in der Altstadt weit tieferliegende Gründe: "Viele Geschäfte verkraften es nicht, dass die Pachten so hoch sind", weiß Rathaus-Chef Karl Schleid. Früher hätten die Ladeninhaber noch im gleichen Haus gewohnt, das sie wiederum ebenfalls ihr Eigentum nennen konnten. Doch etwa seit den 1960er Jahren seien diese Zeiten vorbei: "Die Alten mit Herzblut haben damals aufgehört und deren Kinder konnten in anderen Unternehmen mehr Geld verdienen", so Schleid. Die heutigen Eigentümer der alten Häuser hätten oft keinen "heimatlichen Bezug" mehr und empfänden die Immobilien mehr als "Klotz am Bein", erzählt der Bürgermeister.

Im Rathaus befürchtet man noch Schlimmeres

Schleid weiß weitere Schwierigkeiten: Die kleinen Geschäftsflächen entsprächen nicht mehr der heutigen Zeit, aber diese zusammenzulegen sei wegen unterschiedlichen Eigentümern oft schwierig. "Außerdem bekommt man schnell Probleme mit dem Denkmal- und dem Brandschutz. Ich versuche hier seit acht Jahren mit der Denkmalpflege zu Kompromissen zu kommen, denn je mehr bürokratische Hürden man für einen Bauherren aufbaut, umso abschreckender wird das", so Schleid. Seine momentane Hoffnung: Eine Revitalisierung der Hauptstraße über die Städtebauförderung.

Fest steht: Zu den bisher elf geschlossenen Läden in Trostbergs Altstadt wird mit dem Schmuckgeschäft Girr am Jahresende ein weiterer dazu kommen - mindestens. Denn die Aussichten sind alles andere als rosig. Im Gespräch berichtet Bürgermeister Karl Schleid von Gerüchten, die die Runde machen: "Man hört, dass möglicherweise bald drei bis vier weitere Geschäfte aufhören wollen."

xe

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