„Die Blütezeit der Globalisierung scheint vorbei“

Sparkassenpräsident und Ex-Finanzminister Georg Fahrenschon in Trostberg

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Trostberg - Negativzinsen, CETA, Schattenbanken, Brexit: Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Berichte über die globale Verflechtung der Wirtschaft und Finanzmärkte für Schlagzeilen sorgen.

Welche Auswirkungen diese enge Vernetzung für uns haben kann, dazu sprach Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, in einer Bestandsaufnahme im Gewölbe des Trostberger Postsaals. Der ehemalige bayerische Finanzminister und Verwaltungsratsvorsitzende der Bayerischen Landesbank war selbst als Krisenmanager mit den Auswirkungen des weltweiten Finanz-Crashs nach 2008 befasst. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Antworten auf Fragen der Zeit“ anlässlich des 70-jährigen Bestehens des CSU-Kreisverbands unterzog er das gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzsystem vor rund 80 Zuhörern aus Wirtschaft, Mittelstand und Politik einer kritischen Analyse.

m Beisein von Trostbergs Bürgermeister Karl Schleid (Mitte) und dem CSU-Kreisvorsitzenden Klaus Steiner (rechts) trug sich Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ins Goldene Buch der Stadt Trostberg ein. Dabei erinnerte der frühere bayerische Finanzminister auch an seinen Kurzbesuch in der Stadt im Rahmen der BR-Radltour 2010.

Der Traunsteiner Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner betonte eingangs, dass die derzeitige Diskussion sehr stark von den Themen Asyl, Flucht und Zuwanderung bestimmt sei. Dazu komme aktuell die Furcht vor einer Konfrontation der beiden Großmächte USA und Rußland. In den Hintergrund gerate dabei die Tatsache, dass die Folgen der Finanzkrise noch nicht überwunden seien. Dies zeige etwa die Bankenkrise in Italien und die anhaltende Überschuldung des Mittelmeerstaats zusammen mit Griechenland. Die Torpedierung internationaler Handelsverträge durch Globalisierungsgegner wiederum lasse außer acht, dass Deutschland sehr stark vom internationalen Export und entsprechenden Verträgen profitiere. Allein Bayern exportiere pro Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 178,9 Milliarden Euro.

Die Voraussetzungen und Folgen der weltweiten Verflechtung der Finanzmärkte nahm Georg Fahrenschon in seinem Vortrag unter die Lupe. Wachstum, Marktliberalisierung und mehr Wohlstand für alle sei in den 1980er-Jahren die Devise für den Aufstieg der Investmentbanken gewesen. Unternehmensfusionen und Konzernumstrukturierungen wurden mit Blick auf die Globalisierung zum Maß aller Dinge. Das Leitbild neuer Geldinstrumente und das Aufblähen der Finanzmärkte entkoppelte letztere immer mehr von der Realwirtschaft. In England sei in der Folge der industrielle Kern des Landes zerschlagen worden. Mit der Finanzkrise sei das Scheitern dieser „Finanzturnerei“ deutlich geworden. Immer weniger Menschen profitieren heute vom Wachstum. Sogar der Internationale Währungsfonds bestätige in Analysen eine wachsende Ungleichverteilung der Einkommen durch grenzüberschreitende Kapitalmärkte.

„Die Blütezeit der Globalisierung scheint vorbei, das Wachstum verringert sich, Protektionismus macht sich breit“, konstatierte Fahrenschon mit Blick auf die schwierige Durchsetzung neuer Handelsabkommen. Durch die weltweite Vernetzung sei auch die Exportnation Deutschland von starken Rückkoppelungseffekten dieser Entwicklung betroffen. „Sind wir darauf vorbereitet, wenn die Chinesen die von uns gekauften Maschinen selbst produzieren?“, fragte der Diplom-Volkswirt Fahrenschon. Mit ihrer anhaltenden Niedrigzins- und Ankaufspolitik - 400 Millionen Euro in der Stunde - habe die Europäische Zentralbank (EZB) den Staaten Zeit verschafft, aber zugleich den Handlungsdruck für Reformen genommen. Der massive Markteingriff zur Stimulierung des Wirtschaftswachstums gefährde zudem auf Dauer die politische Unabhängigkeit der EZB.

m Beisein von Trostbergs Bürgermeister Karl Schleid (Mitte) und dem CSU-Kreisvorsitzenden Klaus Steiner (rechts) trug sich Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon ins Goldene Buch der Stadt Trostberg ein. Dabei erinnerte der frühere bayerische Finanzminister auch an seinen Kurzbesuch in der Stadt im Rahmen der BR-Radltour 2010.

Negativzinsen, so der Sparkassenpräsident, würden die „Grundlagen des soliden Wirtschaftens“ auf den Kopf stellen, Niedrigzinsen das Koordinatensystem für die Risikoabsicherung der Realwirtschaft durch die Banken verzerren. Zinsbasierte Einlagengeschäfte seien unrentabel geworden. Dies habe „Altersvorsorgekonzepte millionenfach platzen“ lassen, zu sozial brisanten Umverteilungseffekten geführt und die Geschäftsgrundlage der Sparkassen – wie auch der Genossenschaftsbanken - als verlässlicher Finanzpartner des Mittelstands in der Fläche zunehmend erschwert. Dazu kämen die Belastungen durch neue EU-Regulierungen und -Bürokratie wie etwa die Wohnimmobilienkreditrichtlinie. Sie benachteilige junge Familien und Senioren bei der Versorgung mit Wohnkrediten. Fahrenschon warnte vor Finanzierungen im Internet als Alternative, bei denen per Datenabschöpfung sehr weitreichende Persönlichkeitsprofile erstellt würden.

n der Fragerunde nahm der Sparkassenpräsident Stellung zum Vorschlag von Finanzminister Wolfgang Schäuble, den Solidarbeitrag schrittweise abzuschmelzen, zur Möglichkeit, durch Aufbau eines neuen Fonds nötige Infrastrukturmaßnahmen zu finanzieren, zur Situation vermögenswirksamer Leistungen oder zu den kulturell bedingten Unterschieden im Anlageverhalten von Amerikanern und Europäern.

Axel Effner

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