Berliner Pewobe GmbH gekündigt

Flüchtlingsheim-Chefs "witzeln" über "Kinderguillotinen"

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In dem Gebäude in der Berliner Darwinstraße unterhält die PeWoGe Büroräume.

Berlin - Seit Monaten gab es schwere Vorwürfe gegen die Betreiber von Berliner Flüchtlingsheimen. Doch erst als E-Mails mit deren menschenverachtenden Gewaltfantasien auftauchen, hat das Konsequenzen.

Die Pewobe GmbH sucht auf ihrer Internetseite schon länger einen "einfühlsamen" Flüchtlingsheim-Leiter mit "interkultureller Kompetenz". Weil leitende Beschäftigte des Berliner Sozialunternehmens ebendiese Eigenschaften vollständig missen ließen, ist die Pewobe nun ihre elf in Berlin betriebenen Heime los.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) zog die Notbremse und erteilte am Sonntag den Auftrag, die Verträge mit dem Unternehmen fristlos zu kündigen. Flüchtlingshelfer und Geflüchtete überrascht höchstens der späte Zeitpunkt der Kündigung, denn sie prangern die Verhältnisse in den Pewobe-Heimen seit Monaten an.

"Kinderguillotine statt Sandkasten"

Mit einer eingegangenen 5000-Euro-Spende vom Autobauer BMW könne man doch eine "Kinderguillotine" anstatt eines neuen Sandkastens errichten, schreiben leitende Pewobe-Angestellte in einem am Samstag von "B.Z." und "Bild" veröffentlichten E-Mail-Chat. Peggy M., die den Berichten zufolge die Pewobe-Wohnheime koordiniert, schreibt: "Ein Sandkasten ist bei unseren Bewohnergruppen ganz schnell ein großer Aschenbecher oder ein heimisches Klo."

Im Duktus rechter Asylgegner werden die Geflüchteten als "maximal Pigmentierte" und die Spender als "BMW-Gutmenschen" bezeichnet. Die vier Beteiligten witzeln über den "Dreck", den Enthauptungen machen würden und über ein "großvolumiges Krematorium", das zur Leichenbeseitigung gebraucht wurde.

Anwalt hat skurrile Erklärung für E-Mails

In einer von der "B.Z." veröffentlichten Stellungnahme schreibt ein Pewobe-Anwalt, dass "die von Ihnen als 'eindeutig rassistisch' bezeichneten Aussagen so nicht einmal ansatzweise ernst gemeint waren, ernst zu nehmen sind oder gar die tatsächliche Gesinnung der Mitarbeiter unserer Mandantin widerspiegeln".

Demnach sei ein "durch das Rechtschreibkorrekturprogramm T9 verursachter Korrekturfehler, wie er bei gebräuchlichen Mobiltelefonen häufiger auftaucht und insoweit zu teilweise absurden Wortschöpfungen führt“ Schuld. Die offensichtlichen orthografischen Fehler in den E-Mails erklärt das allerdings nicht.

Flüchtlingsheim-Chefin kandidierte für rechtsextreme Partei

Tatsächlich war gerade Peggy M. schon zuvor wegen ihrer Gesinnung infrage gestellt worden: Sie hatte als Mitglied der rechtsextremen Partei DVU 2008 und 2009 bei Kommunal- und Landtagswahlen in Brandenburg kandidiert. Ende Juli ließ sie durch einen Anwalt erklären, sie habe sich vor Jahren von fremdenfeindlichem Gedankengut distanziert.

Zu diesem Zeitpunkt war der Streit zwischen Pewobe und verschiedenen Flüchtlingshelfern schon längst eskaliert. Das Unternehmen hatte im Frühjahr eine Freiwilligen-Initiative wegen deren öffentlicher Kritik verklagt und Helfern Hausverbote erteilt. Die Initiative "Moabit hilft" zählt Pewobe zu jenen privaten Betreibern, die vor allem aus Profitinteresse agierten und die knappen Budgets für den Heimbetrieb zu eigenen Gunsten weiter kappten.

Derartige Unternehmen verdienten "sich eine goldene Nase daran, dass sie an Hygieneartikeln sparen", sagt "Moabit hilft"-Sprecherin Diana Henniges. Die schwarzen Schafe der Branche würden vom Landesamt für Soziales und Gesundheit (Lageso) bezahlte Sozialarbeiterstellen oft nicht besetzen.

Berliner Senat ignorierte Berichte über "untragbare Zustände"

Von untragbaren Zuständen in der Lichtenberger Pewobe-Unterkunft, die Thema der nun veröffentlichten E-Mails war, berichtet auch der Syrer Ahmad M. Der Apotheker aus Damaskus war gegenüber der Leitung als Sprecher der Bewohner aufgetreten. Die Heimleitung habe ihn und andere Geflüchtete wiederholt einzuschüchtern versucht, sagt der 23-Jährige. Weil das Essen ungenießbar gewesen sei, hätten sich viele Bewohner selbst versorgt und heimlich auf den Zimmern gekocht, sagt Ahmad M., der inzwischen in eine andere Unterkunft gewechselt ist.

Die von mehreren Flüchtlingsinitiativen seit Monaten angeprangerten Verhältnisse hat der Berliner Senat lange ignoriert. Zu groß war die Not bei der Unterbringung von fast 70.000 Asylbewerbern seit Januar 2015. Fünf Wochen vor der Neuwahl des Abgeordnetenhauses erinnert der Pewobe-Skandal die Berliner noch einmal daran, wie überfordert die rot-schwarze Koalition des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) im vergangenen Jahr mit dem Management der Flüchtlingskrise gewesen war.

Nun sei eine Zusammenarbeit mit der Pewobe "nicht mehr möglich", betont Sozialsenator Czaja. Es liefen bereits Vorbereitungen für einen möglichen Umzug der bisherigen Pewobe-Schützlinge. Das Unternehmen ist Eignerin mehrerer der Unterkünfte und womöglich nicht gewillt, ihre Immobilien neuen Heimbetreibern zur Verfügung zu stellen.

afp/hn

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