"Fantasticus": Seiltanz im Rollstuhl

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Der Artist Thomas Hoffmarck balanciert bei einer Probe des Circus Fantasticus in Hannover mit seinem Rollstuhl über eine Stahlseilkonstruktion.

Hannover - Ein Rollstuhlfahrer auf dem Drahtseil und ein kleinwüchsiger Mann, der Feuer speit - das sind nur zwei der Höhepunkte im einzigartigen Circus Fantasticus. Am Mittwoch ist Premiere. 

Drei Meter über dem Boden balanciert Thomas Hoffmarck seinen Rollstuhl vorsichtig auf zwei Stahlseilen, sein Gesicht ist angespannt. Langsam gleitet er auf den parallel zueinander verlaufenden Seilen vor und zurück, greift schließlich nach dem Trapez und wird sanft zu Boden gelassen. Geschafft! Der 43- Jährige ist Akrobat des Circus Fantasticus, der nach Angaben der Veranstalter als erster Zirkus in Europa nur mit behinderten Künstlern arbeitet und am Mittwoch in Hannover Premiere feiern sollte. 16 Artisten, darunter Clowns, Zauberer und Tänzer, bieten an vier Tagen ein abwechslungsreiches Programm.

Drei Jahre hat Hoffmarck an der Seilnummer getüftelt, die er in Hannover zum ersten Mal zeigt. An seiner zweiten Darbietung, dem Sprung durch einen brennenden Reifen, arbeitet er erst seit 14 Tagen. Angst hat er nicht. “Ich brauch' diesen 100 000-Volt-Kick, das ist Leben pur“, sagt der Oberhausener und grinst. Seit einem Arbeitsunfall vor 20 Jahren sitzt Hoffmarck im Rollstuhl und ist zu “Extrem Tommy“ geworden - einem Extremsportler, der die Strecke von Köln bis Istanbul im Rollstuhl zurücklegte, mit einem Monoski 40 Meter weit sprang und sich mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug stürzte. Im Circus Fantasticus macht er mit, weil “ich den Menschen zeigen will: Es gibt immer einen Weg - auch wenn man eine Behinderung hat.“

Aus dem gleichen Grund ist auch Dirk Zalm dabei. Der 54-Jährige ist Mr. Nitro, der Feuerschlucker. Seit 36 Jahren ist der 1,40 Meter große Mann Schauspieler. Er hat schon mit prominenten Künstlern wie Herbert von Karajan und Ingrid Steeger gespielt. Kann der Zirkus da mithalten? “Der Circus Fantasticus ist eine Sensation. Wir bieten hier künstlerische Leistungen auf höchstem Niveau. Ob da jetzt Promis dabei sind oder nicht, ist Nebensache.“

Die Artisten, die aus ganz Deutschland kommen, hat Veranstalter Ralph Büsing gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Renate Weidner ausgewählt. Die beiden arbeiten schon seit 25 Jahren zusammen und haben zahlreiche Projekte und Kulturevents zur Integration von Behinderten auf die Beine gestellt. Büsing und Weidner stellten dabei fest, dass es für behinderte Artisten in Deutschland kaum Plattformen gibt - Grund genug für die beiden, den Circus Fantasticus ins Leben zu rufen. “Wir wollen immer Projekte entwickeln, die man nicht unbedingt mit Behinderung in Verbindung bringt, etwas machen, was gegen die Erwartungen ist“, sagt Büsing.

Er ist selbst sitzt wegen einer Muskelerkrankung im Rollstuhl und benötigt ein Beatmungsgerät. Büsing hat noch große Pläne: Den Circus Fantasticus wird es in dieser Form zwar nur in Hannover geben, aber schon im nächsten Jahr will er eine große Show mit internationalen Artisten aufziehen, um noch stärker für die Anerkennung von behinderten Künstlern zu werben.

Den Rahmen für die Nummern im Circus Fantasticus bietet die Liebesgeschichte zwischen dem kleinwüchsigen Bahlus und der großen Milania. Um ihr Herz zu gewinnen, will er seine Kleinwüchsigkeit gegen andere Behinderungen eintauschen. Im Laufe der Vorstellung schlüpfen so alle Artisten in Bahlus' Rolle. Die musikalische Begleitung übernimmt “Blind Foundation“, eine Band aus fünf sehbehinderten Musikern.

Aufgeregt vor der Premiere sind Hoffmarck, Zalm und Büsing natürlich schon - aber der Feuerschlucker bringt es auf den Punkt: “Wenn du dann auf der Bühne stehst, vergisst du alles um dich herum und machst einfach dein Ding.“

dpa

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