Schnaps, Kälte und immer die gleiche Melodie

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Beim neunten Tanz am Tag könnte einem schon mal schwindlig werden vor den Augen. Doch das liegt sicher nicht...

Wasserburg - Wie ein Schäffler die vielen Autritte wirklich erlebt, beschreibt diese Reportage über die Wasserburger Truppe.

"Aba heid is koid, aba heid is koid..." - hoffentlich nicht! 5.30 Uhr. Mein erster Blick wandert Richtung Funkthermometer. Eiskalt erwischt: Minus 15 Grad. Das ist satt! Hilft nichts: Raus aus den Federn, der Schäfflertanz wartet. Seit dem 6. Januar sind wir von der Wasserburger Schäfflertanzgruppe an jedem Wochenende unterwegs. Zig Tanztage liegen schon hinter uns, einige noch vor uns. Und jeder ist spannender als der andere. Also, auf ans Tagwerk!

Bis nach der Morgentoilette sämtliche Isolationsschichten aus dünner Skiunterwäsche im Zwiebel-Prinzip verstaut sind, dauert es. Gut 25 Minuten werden vergehen, dann ist der Kragen des weißen Schäfflerhemdes geknöpft, die Fliege sitzt und die Bänder der Bundhose sind gebunden. Zum Schluss noch Schuhe putzen.

Wo bleibt eine "Schäfflergewerkschaft"?

Immerhin ist man danach ein wenig wach, den Rest besorgt die frische Luft beim Verlassen des Hauses. 7.15 Uhr. Für mindestens 13 Stunden werde ich heute aus diesen Klamotten nicht mehr herauskommen. Ein langer "Arbeitstag". Wo bleibt da die "Schäfflergewerkschaft"?

7.25 Uhr: Ich treffe an der Gries-Turnhalle ein, als "Altstadter" ist mein Anmarschweg kurz. Die übrigen Schäfflerkollegen kommen teilweise von weit her: Seeon, St. Wolfgang, Unterreit, Pfaffing. Wer einmal Wasserburger Schäffler war, der gibt seine Leidenschaft nicht so schnell auf. Da nimmt man auch lange Anfahrtswege in Kauf.

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Geschäftige Betriebsamkeit frühmorgens auch schon bei den Marketenderinnen in der Turnhalle. "Hoast du dei Flickzeug dabei, Pflaster, Taschentücher, Ersatzglas, Schuahbandl?" Zustimmendes Nicken allenthalben. "Und a de Wasserflaschn?" Denn: Nicht jeder Tanzbesteller trinkt den obligatorischen Schnaps, wenn er in den Tanzkreis gerufen wird. Da muss dann eben ein Placebo her. "Des Schnapsfasserl: Is des a scho aufgfuit?" Zielsicher werden zwei Flaschen hochprozentiger Bodenseeobstler in den Bauch des Umhängefässchens mit dem schnuckeligen Miniaturwechsel gekippt. Lange wird diese Füllung aber nicht halten- längstens eine Stunde. Die Mädels verstehen ihr Geschäft. Unzählige "Stamperl" werden sie an diesem Tag charmant und gutgelaunt an den Mann und auch an die Frau bringen.

Unbändiges Schnapstrinken bei den Schäfflern?

Und bei den Schäfflern selbst? Auch unbändiges Schnapstrinken? Nein, zumindest nicht bei den Wasserburgern. Das war vielleicht einmal. Das alte Klischee: "Schäfflertanz ist Schnaps, Saufen und dumme Sprüche" ist längst überholt. Schäfflerzeit eine einzige Party für die Tänzer? Fehlanzeige! Disziplin ist gefordert. Gerade das wird vom Führungsduo mit Oberkasperl Helmut Samer und Vortänzer Rudi Pendi vorausgesetzt. Pünktlichkeit, Anpacken und der unerlässliche Teamgeist. Auch wenn der Tanztag dann schon mal um 7.30 Uhr beginnt, für die Kasperl und Visagistinnen zur "Schminke" noch eine Stunde früher. Und der Oberkasperl steht tageweise bereits um 5 Uhr früh im Depot der Tanzreifen, um sie für den Tanztag wieder auf Vordermann zu bringen.

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"Wia schaut eicha Gwand aus? Olles sauber? San d'Schua putzt?" Diese Frage stößt beim obligatorischen Morgenappell in der Gries-Turnhalle schon mal auf Gemurre. Schließlich ist es erst 7.45 Uhr, am Vortag waren acht Tänze "abzuarbeiten", verständlicherweise mit der entsprechenden "Zerstreuung" im Vereinslokal Hennagassl nach all den Strapazen. Außerdem hat der ein oder andere ja auch noch sonstige Verpflichtungen, sei's der plärrende Nachwuchs in der Nacht oder die Kühe im Stall, die um 5 Uhr gemolken werden wollen. Und der Dritte hatte einen Feuerwehreinsatz um 3 Uhr Früh. Deshalb: Teils noch müde Gesichter und gleichzeitig beste Laune.

Neun Tänze an einem Tag

Da wird noch die Schärpe vom Vordermann zurechtgezupft, noch kurz über die Haferlschuhe gewischt und die Fliege ins richtige Mittelmaß gerückt. Und dann geht's los. Ein "scharfer" Tanztag liegt vor der Truppe. Neun Tänze müssen heute "hintregricht" werden. Das Programm mit den Tanzterminen, das jeder griffbereit in der Brusttasche hat, verkündet für diesen Tag aber nur "beste Einsatzstellen", wo erfahrungsgemäß viele Zuschauer mit entsprechend guter Laune warten. Aus Vorjahren kennt man bereits die Besteller, viele "schäfflertanzsüchtige Wiederholungstäter".

Es werden neun Auftritte vor wechselndem Publikum sein, oft in weit entfernten Orten. Man kommt herum, man sieht was. Ohne Bus ginge da gar nichts. Neunmal also Tanzreifen rein in den Bus, Tanzreifen raus. Leiterwagerl auseinander bauen, eine halbe Stunde später wieder zusammenbauen. Neun mal vom Oberkasperl hören: "Auf geht's, nei in Bus, es pressiert...". Neun mal hören: "Raus vom Bus, schnell, schnell aufstellen, as` Publikum wart' scho...". Jeder langt hin, langweilig wird es nicht.

Die Schäffler ziehen magisch an

Egal wo: Sobald die Stadtkapelle den Einzugsmarsch intoniert, eilen die Menschen herbei. Wo zuvor gerade mal 20 Zuschauer standen, sind es plötzlich 100, viele Fotoapparate werden gezückt. Die Melodie, der Tanz: Beide ziehen offensichtlich magisch an. Für die Schäffler ist das eine Genugtuung. Die legendäre Absicht, die Leute aus den Häusern heraus zu locken, Frohsinn und Heiterkeit zu verbreiten, Lebensmut zu schaffen, scheint ein ums andere mal aufzugehen.

Ist der erste Tanz in der Früh noch etwas zäh, die Muskeln kalt, dann flutscht spätestens der zweite. Und danach macht's nur noch Spaß, auch bei Schneesturm und Minustemperaturen. Die schönsten Tänze sind mitunter in der Altstadt, aber auch ein "Hoftanz", weitab von der Stadt, mit Bergblick auf die Alpenkette bei Sonnenuntergang hat seinen Reiz.

Jeder Schritt, jeder Griff: zig mal geübt. Zwischenzeitlich kommt es einem so vor, als wäre der Körper auf die Tanzmelodie vorprogrammiert. Gleichsam automatisch setzen sich die Füße und Arme zum richtigen Taktschlag in Bewegung. Wie ein Räderwerk. Der Rhythmus geht in Fleisch und Blut über - gleichzeitig ein ergiebiges Fitnessprogramm.

...am Schnaps. Denn der sei fast ausschließlich für die Zuschauer, versichern die Wasserburger Schäffler. Fotos Rothmaier

Doch so leicht und schwerelos der Tanz auch aussehen mag - genau das Gegenteil ist der Fall: Jeder Tanz ein kleiner Kraftakt, insbesondere kurz nach dem Start am 6. Januar, wenn der Buchs um die Reifen noch feucht-schwer und die Armmuskulatur noch untrainiert ist. Aber beides gibt sich rasch. Spätestens nach dem zweiten Tanzwochenende hat man Hornhaut an den Händen. An die 4350 Kilokalorien verbraucht jeder Tänzer pro Tanztag, wie kürzlich zu lesen war. Ein ausgewachsener Mann ansonsten "nur" 1850. Insofern: Brotzeit und Getränke sind nach jedem Auftritt mehr als willkommen. Die abgearbeiteten Kalorien müssen ja auch wieder rein, am allerliebsten in Form von heißen Würstln, Gulaschsuppe oder sonstigen Warmspeisen.

"Urlaub all inclusive"

Die Tanztage gehen vorüber wie im Flug. An machen Tanzorten mit längeren Aufenthalten macht die Stadtkapelle noch Stimmung zum Abwinken, heizt ein, dass mancher auf dem Tisch steht. Dann ist die Schäfflerzeit ein Ausflug in eine andere Welt, ein "Urlaub all inclusive": Fitnessprogramm stündlich, Unterhaltung am laufenden Band, frische Luft bei Wind und Wetter und Ausflüge in die nähere Umgebung, samt Vollverpflegung, und das den ganzen Tag. Doch eines ist Voraussetzung: Man muss sie mögen, diese raue und entbehrungsreiche Zeit. Für Zartbesaitete ohne Durchhaltevermögen keine Chance. Denn: Familienleben und Freizeit sind für diese Wochen garantiert Mangelware.

Und sollte jemand glauben, dass es die Schäffler frieren könnte: komplett daneben. Der Tanz ist ein Kraftakt, der Körper entsprechend auf Touren. Eine Schäfflerweisheit besagt: "In dem roten Gwand frierts di ned...". Zumindest solange es nicht regnet. Das ist ein Reizwort für Schäffler, genauso wie glatte oder matschige Tanzplätze.

Müde, aber zufrieden

19 Uhr: Für heute der letzte Tanz. Müde aber zufriedene Mienen ringsum. Man freut sich auf den verdienten Absacker im Hennagassl. Über 150 Auftritte werden es am Schluss sein. Ein halbes Jahr sind die Schäffler dann auf den Füßen, Training, Proben und die Tanzsaison zusammengefasst. Das schweißt zusammen.

Der Faschingsdienstag naht. Und dann, wenn eine organisatorische Meisterleistung durch Oberkasperl Helmut Samer nahezu vollbracht ist, wenn gegen 18.30 Uhr am Marienplatz in abgedunkelter Kulisse der letzte Tanz für diese Saison aufgeführt wird, nur begleitet von den Fackelträgern der Schiffsleut und der Stadtknechte, dann wird die Mehrzahl aus unserer Schäfflertanzgruppe ganz sicher wieder sagen: "Wasserburger Schäffler sein zu dürfen, das ist schon eine ganz besondere Ehre. Und so Gott will, in sieben Jahren wieder..."

Thomas Rothmaier/Wasserburger Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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