In der „Waldesruh’ am Nockherberg“ suchen planlose Politiker einen Schlüssel zum Wahl-Erfolg. Sie finden: den Sohn von Franz Josef Strauß.
Schon die erste Szene macht Eindruck: Die Musiker um Gerd Baumann und die Bananafishbones streifen in Vogelkostümen durch die vernebelte Kulisse aus Geäst und großen Schwammerln. Ein Mix aus Blasmusik, Jazz und romantischem bairischem Gesang ertönt – im Vergleich zu den grellen Songs der vergangenen Singspiele eine pastorale Stimmung. Doch: „Vorsicht vor Gemütlichkeit!“, singt die Truppe. In der folgenden knappen Stunde erfahren wir, warum: Denn nach und nach betreten altbekannte Volksvertreter die Lichtung, und wir wissen ja: Axt im Walde . . .
Zwar darf Söder die ganze Arbeit alleine machen – aber man kommt sich näher: „Mann im Wald und Frau am Herd, ein jeder wo er hingehört“, singen die beiden zum bajuwarischen Kosakentanz. Gemeint ist damit natürlich eine ganz besondere Frau: „Heute wird ein Hirsch gejagt, ganz egal was Aigner sagt.“ Die „Kronprinzessin Ilse“ (deftig gespielt von Angela Ascher) wird Seehofer später allerdings mit weiblichen Argumenten überzeugen („Du und i, Horst. Wir zwoa aloa im Forst, Horst“).
Ein paar schöne Brüche in der Dramaturgie hat sich das Team außerdem einfallen lassen. Als auf der Bühne der unvermeidliche Brüderle-Sexismus zur Sprache kommt, springt im Publikum einer vom Stuhl auf und beschwert sich lauthals – Philipp Rösler, dargestellt von Hyun Wanner. Er empört sich allerdings nicht lange, dann wird er von Ordnern rausgeschmissen.
Einen besonderen Joker ziehen Rosenmüller und Lienenlüke, da ist das Singspiel schon zu drei Vierteln vorbei: Der Förster, ein stinknormaler Typ im Loden, betritt die Szene. Wie sich herausstellt, verfügt er allerdings über Optik und Autorität des ewigen Landesvaters Franz Josef Strauß. Gerhard Wittmann hat die Rolle des verschollenen Strauß-Sohns übernommen, die ursprünglich Helmut Schleich zugedacht war – und er macht seine Sache richtig gut. Wie der Mann mit dem Gewehr die Anwesenden wegen Verschmutzung des Waldes in FJS-Manier herunterputzt („wie es schon bei Cicero heißt: Natura deleta est bavariensis!“), ist zum Schießen.
Natürlich darf man sich fragen, ob die Macher ihrem Singspiel großes Vertrauen schenken, wenn sie auf die überspielte Strauß-Figur als sichere Bank zurückgreifen müssen. Aber hier handelt es sich tatsächlich um einen pfiffigen Kunstgriff. Denn Wittmanns Strauß-Sohn hat keine Ahnung von Politik – ist damit also Ottonormalbürger nicht unähnlich. Wegen seines rhetorischen Talents wollen ihn zwar beide Parteien für den Wahlkampf einspannen. Anstatt sich zum Sprachrohr machen zu lassen, spricht er allerdings lieber dem politikmüden Bürger aus der Seele: „Räumen Sie den Saustall auf!“
Bleibt als Fazit: Das neue Singspiel-Duo hat seine Mission mit einem Klasse-Ensemble locker erfüllt – das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der Politiker, die sich nicht nur derbleckt, sondern auch unterhalten fühlen.
Allerdings müssen sie am Ende des Stücks noch einmal ordentlich schlucken. Denn ihre Alter Egos auf der Bühne erklären, zum Allgemeinwohl für die nächsten fünf Jahre im Wald zu bleiben und sich nicht blicken zu lassen: „Wenn Sie jetzt doch noch im Wahlkampf einen Ude oder Seehofer sehen – dann sind das Doppelgänger. Nehmen Sie sich in Acht!“
Mehr zum Nockherberg finden Sie hier im Special auf merkur-online.de
Johannes Löhr


© dpaDer Ministerpräsident saß natürlich in der ersten Reihe.
© dpaBavaria alias Luise Kinseher












