84 Menschen verloren ihr Leben

Terrorismusexperte: Anschlag in Nizza "von IS inspirierte Tat"

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Nach dem verheerenden Anschlag in Nizza am Donnerstagabend ermitteln die Behörden mit Hochdruck.

München - Über die Hintergründe des Anschlages von Nizza ist noch wenig bekannt. Terrorismusexperte Bruno Schirra ordnet das Unglück für die tz ein:

Mindestens 84 Menschen kamen am Donnerstagabend ums Leben, als ein Mann mit seinem Lkw auf der Strandpromenade der französischen Mittelmeerstadt Nizza Amok fuhr. Der Täter, ein 31 Jahre alter Franko-Tunesier war der Polizei nicht wegen extremer religiöser Ansichten bekannt, wohl aber wegen anderer Vergehen. Wir sprachen mit dem Experten für islamischen Terrorismus, Bruno Schirrra.

Sehen Sie bei dem Angriff in Nizza eine Handschrift des Islamischen Staates (IS)?

Bruno Schirra: Mit aller Vorsicht, die zu diesem frühen Zeitpunkt geboten ist, deutet alles darauf hin, dass es eine dschihadistische Terrortat war.

Welche Indizien sehen Sie?

Bruno Schirra.

Ich stehe in Kontakt mit französischen Quellen. Sie gehen davon aus, dass es zumindest eine vom IS inspirierte Tat war. Sie beziehen sich dabei auf Abu Muhammed Al-Adnani, Leiter der auswärtigen Operationsabteilung des IS, der vor wenigen Wochen zu Anschlägen mit Autos aufgerufen hatte. Solche Aufrufe machte er schon vor zwei Jahren. Die Maximierung der Opferzahlen entspricht dem Kalkül, das der IS seit Jahren verkündet.

Was ist in Ermittlerkreisen bisher über die Faktenlage bekannt?

Das war ein geplanter Anschlag. Der LkW ist Tage vorher gemietet und deponiert worden. Mir wurde berichtet, dass der Täter zielgerichtet an der Promenade des Anglais losgefahren ist. Denn es war klar, das dort feiernde Menschen aller europäischen Nationen zu finden sein würden. Das war ein Massenmord mit Ansage, im Sinne und Geiste des IS.

Wie ordnen Sie den Zeitpunkt des Anschlages ein?

In den Reihen des IS wusste man, dass während der EM die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt werden. Ihnen war klar, das es schwer werden würde einen Anschlag mit Opfermaximierung durchzuführen. Meine Quellen haben mir gesagt, dass es kein Zufall war, dass sie gerade am 14. Juli zugeschlagen haben. Es wurde gezielt gewartet.

Der Täter soll scheinbar ja auch nicht als radikalisierter Islamist erfasst gewesen zu sein.

Sicherheitsexperten haben mir übereinstimmend berichtet, dass sie seit der Öffnung der Grenzen im letzten Jahr keine Ahnung haben, wie viele über die Balkanroute zurückgekommen sind. Zudem gibt es eine Unzahl an Menschen, die niemals nach Syrien und in den Irak gereist sind – die sich Zuhause radikalisiert haben.

Ist es wahrscheinlich, dass der Täter radikalisiert war?

Nur ein Psychopat steht morgens auf und sagt sich: Heute Abend fahre ich mit einem Laster über die Promenade des Anglais. Diese Tat war geplant. Man schaue sich nur die leider Gottes im Internet vorhandenen Videos an. Wie er den LkW fährt, wie er abbremst, wie er Gas gibt. Wie er es geschafft hat über zwei Kilometer seinen mörderischen Weg zu finden. Da reden wir nicht über einen sozialdepressiven, durchgeknallten Menschen. Das war Terror pur! Und der war kühl kalkuliert.

Haben die Gebietsverluste des IS mit vermehrten Anschlägen zu tun?

Ich halte das für Schwachsinn. Schon 2012, also weit vor den Verlusten im Irak und in Syrien hat der IS zu Anschlägen im Westen aufgerufen. Mosul und Rakka werden so schnell nicht erobert werden, die Gebietsverluste waren hauptsächlich auf Wüstenregionen beschränkt. Die Zentren hat der IS nach wie vor sicher in der Hand.

Warum ist der Terror noch nicht nach Deutschland gekommen?

Das war einfach nur Glück. Und die Tatsache, dass die deutschen Sicherheitsbehörden sehr gute Arbeit gemacht haben. Auch weil die viel gescholtene NSA ihr unter die Arme gegriffen hat. Hinzu kommt, das jene Menschen, die aus Deutschland in den Irak und nach Syrien gepilgert sind, bisher terroristisch dilletantisch unterwegs waren. Aber das wird sich ändern.

Wir müssen also auch mit Anschlägen in Deutschland rechnen?

Natürlich. Wie einfach ist es, bei einer Mietwagenfirma einen LkW zu bekommen und beim nächsten Volksfest in eine Menschenmenge hineinzufahren?

Sie sehen also Sicherheitsrisiken für Großveranstaltungen, wie zum Beispiel das Oktoberfest?

Wenn die Dschihadisten sich dazu entschließen, ist das auch nicht verhinderbar.

Ist es ein neues Mittel der Angstschürung? Terror mit allen Mitteln?

Mit alltäglichen Mitteln. Ein Terrorstudium ist nicht notwendig, um hundert Menschen zu töten. Ich brauche einen funktionierenden LkW, den unbedingten Willen und ich muss bereit sein, in meinem Glaubenswahn zu sterben. Dann habe ich das, was in Nizza passiert ist. Und dagegen gibt es keinen Schutz. Niemals. Unmöglich. Das ist das perfide Konzept des IS: Angst, Lähmung und Schrecken zu verbreiten. Darin sind sie sehr erfolgreich.

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