Bluttat mit 50 Toten und 53 Verletzten

Sohn schrieb: "Werde sterben" - Orlando und das "Warum?"

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Trauernde in Orlando. 

Orlando - "Ich werde sterben", schrieb eines der späteren Opfer seiner Mutter per SMS. Man kann nur erahnen, was für entsetzliche Szenen sich in den verzweigten Gängen des Clubs "Pulse" abspielten.

"Für alle Latinos, Latinas und jeden, der ein wenig 'Latin flavor' liebt: Heute Abend wird gefeiert!" Von Sonntagmorgen, 2.02 Uhr, mitteleuropäischer Zeit war der Facebook-Post vom Club "Pulse" in Orlando, mit roten Lettern warb sein Flyer für die "Latin Night" mit "Reggaeton, Bachata, Merengue, Salsa". Noch ahnte niemand, dass später ein blutiges Massaker stattfinden, die ganze Nacht sprichwörtlich in Blut getaucht werden sollte. "Everyone get out of Pulse and keep running", lautete der nächste Post, "alle raus aus dem Pulse, lauft!"

Am Montag ist es traurige Gewissheit, das 50 Menschen dies nicht geschafft haben. Sie starben durch die Hand des Attentäters Omar Mateen. Weitere 53 verletzte er, viele von ihnen schwer. Doch während noch nicht einmal alle Namen der Opfer bekannt sind, wird im Rest des Landes längst hitzig und verbissen über die Konsequenzen der Tragödie debattiert. Strengere Waffengesetze fordern die einen, schärfere Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorismus und einen härteren Umgang mit mutmaßlichen Islamisten die anderen. Jeder will die Deutungshoheit gewinnen.

Trump, Cruz und der IS

Der Islamische Staat (IS) behauptet, seine Finger mit im Spiel gehabt zu haben. Der Todesschütze Omar Mateen soll sich in einem Anruf bei der Polizei zu der Terrormiliz bekannt haben. Vater und Ex-Frau Mateens beschreiben ihn als nicht sehr religiös, aber psychisch labil und gewalttätig.

Und Donald Trump twittert. Orlando sei erst der Anfang, er habe es gewusst und nicht umsonst ein Einreiseverbot für Muslime gefordert, schreibt der umstrittene Republikaner, der seine Partei wohl in die Präsidentschaftswahl im Herbst führen wird. Es ist nicht seine einzige Nachricht in dem Kurznachrichtendienst. Später fordert er Präsident Barack Obama zum Rücktritt auf.

Andere nutzen das Massaker ebenfalls für ihre politischen Zwecke. Etwa der republikanische Hardliner Ted Cruz, der ähnlich wie Trump von Obama fordert, er solle das Wort „radikal-islamischer Terrorismus“ in den Mund nehmen.

Was war Mateens Motivation?

Dabei ist noch gar nicht sicher klar, was den Täter bewegte. Die Ermittlungsbehörden und auch Obama selbst weisen ausdrücklich darauf hin, dass es aus ihrer Sicht zu früh ist, um ein Urteil zu fällen. 

Ein Urteil darüber, was Mateen dazu brachte, in ein Auto zu steigen, rund 170 Kilometer weit zu fahren, dann in einen Club zu gehen und das Feuer auf feiernde Menschen zu eröffnen. Mit einem Sturmgewehr. Einer Waffe, wie sie so ähnlich auch beim Militär benutzt wird. Einer Waffe, die für Schützen hergestellt wurde, die in kürzester Zeit sehr viele Schüsse mit hoher Präzision abgeben wollen. Einer Waffe, die er ganz legal kaufen konnte.

Mehr als 300 Menschen waren da, als das Grauen begann, viele von ihnen auf der Tanzfläche. Das „Pulse“ ist ein überaus beliebter Club in Orlando, immer voll, besonders an diesem Samstagabend. Schließlich ist Juni der „Gay Pride Month“, in dem Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle die Fortschritte feiern, die sie nach langen Jahren gesellschaftlicher Diskriminierung erreicht haben.

Entsetzliche Szenen spielen sich ab

Man kann nur erahnen, was für entsetzliche Szenen sich in den verzweigten Gängen des Clubs abspielten. Ray Rivera legte als DJ auf, unter seinem Pult versteckten sich zwei Gäste. Er hörte die Schüsse, sie seien immer näher gekommen. An diesem Punkt, sagte er dem "Guardian", habe er gesagt: "Es ist Zeit, zu gehen." 

Mina Justice verlor ihren Sohn Eddie im "Pulse". Kurz vor seinem Tod schrieb er ihr Nachrichten, die der "Guardian" veröffentlichte. Eddie, 30 Jahre alt, starb als Geisel des Attentäters. Zusammen mit anderen Gästen hatte er sich auf die Damentoilette geflüchtet. Dort fand sie der Schütze. 

Um 2.06 Uhr hatte er seiner Mutter die erste Nachricht geschrieben. "Mami, ich liebe dich." Und: "Im Klub wird geschossen." Während Justice den Notruf rief, schrieb ihr Sohn: "Ich werde sterben". Und so war es.

Der Täter hätte vielleicht noch viel mehr Unschuldige niedergemetzelt. Doch nach drei Stunden stürmte die Polizei gewaltsam den Club. Mateen wurde erschossen.

50 Tote nach Blutbad in US-Schwulenclub - Bilder

Ein Mitarbeiter eines nahen Schnellrestaurants war da gerade vor der Notaufnahme, um Essen auszuliefern. Seine Eindrücke fasst er knapp zusammen: „Schrecklich.“ Auch die 24-jährige Brooke Mielke ist noch immer fassungslos. Sie wohnt in der Gegend, war selbst schon in dem Club. Jetzt steht sie vor der Absperrung und schüttelt den Kopf. „Das ist meine Heimatstadt“, sagt sie. Und ja, sie habe Angst vor Terror. „Das ist so alarmierend.“

Eine Gruppe junger Männer nähert sich, reden wollen sie nicht. „Wir haben Freunde, die dort waren“, sagt einer. „Wir haben noch nichts von ihnen gehört.“

dpa, kf

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