Er ist mit Merkel gleichauf

Experte im Interview: So stehen die Chancen für Seehofer als Kanzler

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Horst Seehofer mit Angela Merkel.

München - Kanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident liegen laut Deutschlandtrend derzeit gleichauf, was die Beliebtheit angeht. Wir haben mit einem Experten über Seehofers Chancen Kanzler zu werden gesprochen.

Die Umfragewerte sprechen Bände: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist, was ihre Popularität angeht, nach einem kurzen Zwischenhoch wieder auf einem Tiefpunkt angekommen. Laut ARD-DeutschlandTrend sind nur noch 47 Prozent der Deutschen mit ihrer Arbeit zufrieden. Besonders in der Kritik steht ihre Flüchtlingspolitik. Zwei Drittel sind damit wenig bis gar nicht zufrieden. Genau andersherum verläuft dagegen die Popularitätskurve von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, der inzwischen fast gleichauf mit Merkel liegt. Das führt zu Spekulationen: Inzwischen schließen Beobachter nicht einmal mehr aus, dass Seehofer Merkels Nachfolger werden will. Er stünde damit in einer Reihe mit den CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber. Kanzler Seehofer? Politikwissenschaftler Prof. Heinricht Oberreuter analysiert für die tz die aktuelle Situation.

Zwei große deutsche Tageszeitungen – die Welt und die FAZ – spekulieren, dass Horst Seehofer Kanzler werden will. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Prof. Heinrich Oberreuter: Seehofer mag sich gelegentlich überschätzen. Aber die Idee, dass die CDU einem Kanzler Seehofer zustimmt, ist schon sehr kühn. Wenn man in Seehofer hineinhört, denke ich, dass er seine Verantwortung eher darin sieht, 2018 erneut Ministerpräsident in Bayern zu werden.

Bisher lässt er offen, was er will, wechselt immer wieder die Positionen, was steckt dahinter?

Oberreuter: Indem er alles offenlässt, verunsichert er zugleich alle Konkurrenten um die Nachfolgeposition, speziell in Bayern. Ich glaube nicht, dass das „offenlassen“ sich auf bundespolitische Positionen bezieht. Außer den Medien kenne ich niemanden, der in diese Richtung spekuliert. Aber selbst wenn er es möchte, würde er in die Irre gehen.

Es gibt auf seiner Facebook-Seite Einträge wie „So einen wie Sie, Herr Seehofer, wünsche ich mir in jedem Bundesland“. Das soll ihm schon schmeicheln?

Oberreuter: Wer würde sich nicht unterstützt und geschmeichelt fühlen, wenn einem signalisiert wird, dass man ihn und seine Position schätzt. Wobei ich Facebook und das Netz nicht überbewerten würde. Das sind Minderheiten-Medien, die keineswegs repräsentativ sind. Ich glaube, Seehofer ist Realist genug, um zu wissen, dass derartige Sympathiebekundungen keine politische Machtrelevanz besitzen.

Er hat also bundespolitisch keine Ambitionen?

Oberreuter: So kann man das nicht sagen. Er ist nicht persönlich ambitioniert. Aber natürlich will er die Bundespolitik mitgestalten und das macht er ja auch schon die ganze Zeit.

Wie zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik, die Angela Merkel so nach unten gezogen hat...

Oberreuter: Da vertritt er seit einem Jahr eine Gegenposition, die er ja vor acht Tagen noch einmal unterstrichen hat. Und mit dieser Gegenposition hat er die Bundesregierung dazu genötigt – vielleicht kam ja Einsicht noch dazu die offene, unkritische Willkommenskultur zu korrigieren. Gestaltungswillen hat er nach wie vor. Das muss man aber nicht in amtspolitische Ideen uminterpretieren.

Eine Position im Bundeskabinett …

Oberreuter: … kennt er ja schon. Und ich glaube nicht, dass er bereit wäre, die Position des Bayerischen Ministerpräsidenten, die einflussreich ist, gegen die eines Ministers für irgendwas – vom Finanzminister abgesehen – zu tauschen.

Spielt sein Alter auch eine Rolle? Er wäre bei der nächsten Bundestagswahl 68.

Oberreuter: Wenn man nach seinen eigenen Maßstäben geht schon. Er hat früher gesagt, ab 60 ist man nicht mehr kabinettswürdig – aber das hat er mittlerweile ja wieder ad acta gelegt. Das Alter ist das Problem nicht, das Problem ist eher der Gesundheitszustand. Von dessen Stabilität man nichts Genaues weiß, man weiß nur, dass er gelegentlich angegriffen wirkt.

Gehen Sie davon aus, dass er weiterhin auf eine Kanzlerin Angela Merkel setzt?

Oberreuter: Seehofer setzt auf eine Kanzlerin Merkel, solange die Voraussetzungen erfüllt sind, dass sie weiterhin ein Wahlmagnet bleibt. Wenn sie keine Stimmen mehr zieht, relativiert sich das. Er setzt aber nicht auf die Kanzlerin in speziellen sachpolitischen Fragen. Was die Flüchtlingspolitik betrifft, überhaupt nicht. Da ist er eigentlich ihr prominentester Opponent.

Aber einen CSU-Kanzlerkandidaten wird es nicht geben?

Oberreuter: Ich sehe kein Indiz, das dafür sprechen könnte. Dafür fehlt auch die Unterstützung in der CDU. Da sind zwar viele sachlich auf Seehofers Seite, aber sicher nicht in der Sache einer Kanzlerkandidatur.

Kann er seine Attacken gegen die Kanzlerin unbegrenzt weiterführen, oder wird er damit nicht irgendwann der Union insgesamt Schaden zufügen?

Oberreuter: Das hängt ganz davon ab, wie die Situation aussieht, wenn der Wahlkampf in seine heiße Phase tritt. Momentan straft der demoskopische Trend ja alle die Lügen, die sagen, wer sich auf Gegenkurs zur Kanzlerin begibt, schadet der Union. Aus der Demoskopie ergibt sich schlicht und einfach, die Zustimmung zur Union ist stabil und der Reputationsverlust von Angela Merkel ist riesig und der Reputationsgewinn von Horst Seehofer ist nicht so riesig wie der Verlust Merkels, aber er ist doch beträchtlich. Das heißt im Klartext: Die alte Geschichte, dass viele Leute außerhalb Bayerns, die Union unterstützen, weil’s die CSU in Bayern gibt, die spiegelt sich in diesem Trend erneut wider.

Ist das, was Seehofer tut, auch das, was die CSU will?

Oberreuter: Ja, es gibt aber innerhalb der Partei abweichende Positionen. Seehofer hat durch seine überstarke Wortwahl viele – vor allem aus der älteren, kirchlichen Generation – vergrämt. Aber ich glaube, er hat daraus gelernt.

Das heißt, er sitzt so fest im Sattel wie schon lange nicht mehr?

Oberreuter: Das merken Sie ja schon daran, dass sein stärkster Herausforderer und Möchtegernnachfolger Markus Söder gegenwärtig geradezu einen intimen Schulterschluss mit Seehofer sucht.

Wagen Sie eine Prognose: Wird die Kanzlerin noch weiter an Popularität verlieren und Seehofer, was die Beliebtheit angeht, vielleicht sogar an ihr vorbeiziehen?

Oberreuter: Letzteres glaube ich nicht. Aber er ist ja im Grunde gegenwärtig auf Augenhöhe. Das ist eine Frage der thematischen Tagesordnung. Wenn sich die Lage normalisiert, wird es auch in den Trends eine Normalisierung geben. Aber ich gehe nicht davon aus, dass Angela Merkel noch einmal die Höhen erreicht, die sie schon einmal hatte. Vertrauensverluste sind da.

Zurück zur Übersicht: Politik

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser