Sein Plan einer "neuen Türkei"

Interview mit Erdogan-Biografin: So tickt der türkische Präsident

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Recep Tayyip Erdogan

Istanbul - Recep Tayyip Erdogans Plan einer neuen Türkei sorgte für Proteste. Die tz sprach mit der in Istanbul für verschiedene deutsche Zeitungen arbeitenden Korrespondentin Cigdem Akyol, die gerade eine kritische Erdogan-Biografie veröffentlicht hat.

Es ist ein Fundamental­angriff auf die alte, von Kemal Atatürk geschaffene Türkei, ein Putsch gegen den Säkularismus, also die strikt weltlich ausgerichtete Verfassung der Türkei: Der türkische Parlamentspräsident Ismail Kahraman aus Erdogans Partei AKP will eine islamische Verfassung! „Wir sind ein islamisches Land. Deshalb sollten wir eine religiöse Verfassung schaffen“, so der AKP-Politiker.

Die Verfassungsänderung, mit der auch ein Präsidialsystem geschaffen werden soll, wird von Recep Tayyip Erdogan betrieben. Kahramans Äußerung löste Proteste aus – die Polizei setzte Trängengas ein und nahm mehrere Demonstranten fest. Die tz sprach mit der in Istanbul für verschiedene deutsche Zeitungen arbeitenden Korrespondentin Cigdem Akyol, die gerade eine kritische Erdogan-Biografie veröffentlicht hat (Herder Verlag, 24,99 Euro).

Aus welchen Verhältnissen stammt Erdogan?

Cigdem Akyol: Es gibt in der Türkei die „schwarzen“ und die „weißen“ Türken, also die Unterschicht und die Elite. Die Weißen, das sind die Kemalisten, also die säkularen Atatürk-Anhänger. Jahrzehntelang waren „schwarze“ Türken in eine Rolle etwa als Putzkräfte oder Bauarbeiter gedrängt – von politischer Gestaltungsmacht waren sie ausgeschlossen. Erdogan ist der erste „Schwarze“, der dieses Kasten­system vollständig aufgebrochen hat. Er kommt aus ganz armen Verhältnissen, hat als Kind auf der Straße Sesamkringel verkauft, um seine Schulbücher zu finanzieren.

Erklärt diese arme Herkunft seine Popularität?

Akyol: Absolut. Erdogan hat erstmals dieser Unterschicht, die ja die Masse der Bevölkerung stellt, eine Stimme gegeben.

Und wie finden es diese Armen, wenn sich Erdogan jetzt einen protzigen Präsidentenpalast baut?

Akyol: Natürlich gibt es solche, die das ablehnen. Aber es gibt auch sehr viele, die sagen, einer von uns hat es geschafft, in diesen Palast mit 1100 Zimmern reinzukommen – und wenn er das schafft, können wir es auch hinbekommen.

Warum wehren sich die Kemalisten nicht stärker gegen ihren Machtverlust?

Akyol Cigdem

Akyol: In der Vergangenheit haben sie sich gewehrt: Erdogan wurde 1998 in einem politisch motivierten Prozess wegen eines Gedichtes verurteilt, musste sogar ins Gefängnis. Doch dieser Versuch der weißen Türken, ihn zu stoppen, ist misslungen. Inzwischen ist die Opposition in der Türkei so schwach, dass sie Erdogan nichts mehr entgegensetzen kann.

Jetzt hat der Parlamentspräsident eine islamische Verfassung für die Türkei gefordert. Werden die Kemalisten und das Militär auch das widerstandslos schlucken?

Akyol: Sie müssen es schlucken. Das Militär ist – übrigens auch auf Druck der EU – von Erdogan derart geschwächt worden, dass die sich gar nicht mehr auflehnen können.

2023 möchte Erdogan noch immer Präsident sein

Aber das wäre dann wirklich eine andere Türkei …

Akyol: Erdogan hat wiederholt gesagt, dass er eine „neue“ Türkei schaffen will. 2023 feiert die Türkei ihr hundertjähriges Bestehen. Und da möchte Erdogan immer noch Präsident sein. Und damit würde er endgültig in den Geschichtsbüchern in einem Atemzug mit Atatürk genannt werden.

War die Abschaffung der säkularen Atatürk-Türkei ein Plan, den Erdogan von Anfang an verfolgt hat?

Akyol: Er hat als Ministerpräsident zunächst viele positive Reformen durchgesetzt, etwa auch die Presse- und die Meinungsfreiheit gestärkt, sich auch für Minderheiten wie Kurden oder Armenier eingesetzt. Doch von Wahlsieg zu Wahlsieg wurde er immer autokratischer. Ich denke aber tatsächlich, dass er von Anfang an einen Plan verfolgt hat. Es gibt diesen berühmten Satz von ihm: „Die Demokratie ist ein Zug, und wenn wir unser Ziel erreicht haben, steigen wir aus.“

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Dienstag geurteilt, dass die Türkei die Religionsfreiheit der rund 20 Millionen Aleviten verletzt. Lässt Erdogan so ein Urteil kalt?

Akyol: Es wird an seinem Politikstil jedenfalls nichts ändern. Warum sollte es das auch? Denn Aleviten werden schon seit Jahrhunderten in der Türkei dis/fknkriminiert. Sie müssen den sunnitischen Pflicht-Religionsunterricht besuchen – das ist in etwa so, wie wenn protestantische Kinder in den katholischen Unterricht müssen. Erdogan hat nichts getan, sie gegen Diskriminierung zu schützen. Im Gegenteil: Die neue dritte Bosporus-Brücke soll nach einem historischen Aleviten-Schlächter benannt werden, er selbst war bei der Grundsteinlegung 2013 anwesend.

Schätzungsweise 30 Prozent der Türken sind Aleviten. Kann man gegen so eine große Gruppe als Präsident anregieren?

Akyol: Das macht er ja. Ein anderes Beispiel: 18 Prozent der Türken sind Kurden – sie werden trotzdem unterdrückt. Zunächst hatte Erdogan noch den Schulterschluss mit den Armeniern gesucht oder den Friedensprozess mit den Kurden angestoßen. Aber als bei der ersten Parlamentswahl 2015 die Kurden-Partei die absolute Mehrheit von Erdogans Partei AKP unmöglich machte, änderte er seinen Kurs und zettelte eine zweite Wahl und einen neuen Kurdenkonflikt an. Die Macht ist ihm wichtiger als die Belange von Minderheiten.

Kann man Erdogan mit Putin vergleichen?

Akyol: Die beiden haben durchaus Ähnlichkeiten: Beide kommen aus kleinen Verhältnissen. Beide sind rücksichtslos. Von Kritik und Demokratie halten beide nichts.

Böhmermann-Gedicht wurde gelöscht - so sehen Sie es trotzdem

Sie haben Jan Böhmermanns Schmähgedicht-Video gegen Erdogan noch nicht gesehen? Kein Problem - es gibt trotzdem eine Möglichkeit, es online zu sehen.

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