De Maizière im Kosovo: Ein Hauch Afghanistan

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Thomas de Maizière (r.) wird auf dem Flughafen in Pristina im Kosovo vom deutschen Botschafter im Kosovo, Ernst Reichel (M) und dem Kommandeur der internationalen Schutztruppe KFOR, Erhard Drews, begrüßt

Pristina - Lange Zeit galt die Kosovo-Mission als der vergessene Einsatz der Bundeswehr. Das hat sich geändert. Die Gewalt kocht immer wieder hoch. Ziel sind auch deutsche Soldaten.

22 Einschüsse zählten die Soldaten an einem Transportpanzer “Fuchs“. Drei Geländefahrzeuge vom Typ “Wolf“ trugen Kampfspuren von Steinwürfen und Geschossen davon. Auch Stahlhelme mit Schussspuren bekam Verteidigungsminister Thomas de Maizière zu sehen, als er am Montag das Feldlager “Novo Selo“ der internationalen Schutztruppe KFOR im Kosovo besuchte. So etwas kannte der Minister bisher nur von seinen Besuchen in Afghanistan.

Drei Tage vor seiner lange geplanten zweiten Kosovo-Reise wurde die Bundeswehr dort in eine für sie eher ungewohnte Kampfsituation verwickelt. Ein Mob von 30 teils schwer bewaffneten Serben griff auf einer Brücke nördlich von Mitrovica einen Zug mit rund 40 deutschen Soldaten an. Dessen Aufgabe war es, die Räumung einer zwei Kilometer entfernten Straßenblockade zu sichern. Viele der Angreifer waren vermummt, einige trugen Gasmasken. Erst flogen Steine, dann fielen Schüsse. Der deutsche Trupp schoss zurück.

Es dauerte mehrere Stunden, bis die Lage bereinigt war. Zwei deutsche Soldaten wurden von Kugeln getroffen - einer am Ohr, einer am Oberarm. Weitere Soldaten erlitten Prellungen und Schürfwunden. Dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, war Glück. “Das hätte auch ganz anders ausgehen können“, sagte de Maizière bei seinem Besuch.

“Novo Selo“ liegt 30 Autominuten vom Nordkosovo entfernt, dem Teil des Landes, der mehrheitlich von Serben bewohnt ist. Von dem KFOR-Lager flog de Maizière über das Konfliktgebiet, in dem in den vergangenen Monaten die Gewalt immer wieder hochkochte.

An dem Grenzübergang zu Serbien, Jarinje, war es vor einem Jahr zu schweren Unruhen gekommen. Rund 200 vermummte Serben griffen die Station damals mit Brandbomben und Handgranaten an und zerstörten sie weitgehend. Als Außenminister Guido Westerwelle sich zwei Wochen später ein Bild von der Lage machte, fand er nur noch Autowracks, ausgebrannte Container und verkohlte Betonmauern vor. “Es kann jederzeit wieder aufflackern, das darf man nicht unterschätzen“, mahnte der Minister damals.

Die Unruhen des vergangenen Sommers hatten den Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern wieder zurück in das Gedächtnis der europäischen Öffentlichkeit katapultiert. Lange Zeit galt die Stabilisierungsmission von Soldaten aus fast 30 Ländern im Kosovo als vergessener Einsatz. Alle redeten über Afghanistan. Der mit rund 13 Jahren längste Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr geriet in Vergessenheit.

Das hat sich jetzt nachhaltig geändert. Die 5700 Mann starke Schutztruppe KFOR und die europäische Polizeitruppe EULEX geraten immer wieder zwischen die Fronten. Im vergangenen Sommer war ein Handelsstreit zwischen Serbien und dem Kosovo Auslöser für die Unruhen. Jetzt ging es um die Räumung von Straßenblockaden.

De Maizière forderte Kosovo-Albaner und Serben bei seinem Besuch eindringlich dazu auf, ihre Bemühungen um eine politische Lösung zu verstärken. Soldaten seien nicht dazu da, “durch ihre schlichte Präsenz politische Probleme in fremden Staaten zu lösen“, sagte er. “Deswegen muss der Druck auf politische Erfolge aufrechterhalten bleiben.“ Der Minister verwies darauf, dass beide Staaten, Serbien und das Kosovo, eine europäische Perspektive und letztlich die EU-Mitgliedschaft anstrebten. “Es gibt viele politische Hebel, um auf politische Fortschritte zu drängen“, mahnte er.

dpa

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