Mehr als jedes vierte Kind in Europa von Armut bedroht

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Ein Mädchen bettelt an einer dicht befahrenen Straße in Saint-Denis bei Paris. Foto: Christian Charisius

Die jüngsten Eurostat-Daten zur Kinderarmut im reichen Europa sorgen für Empörung. Viele meinen, die Leistungen für Kinder müssten dringend angehoben werden. Die Linke fordert eine Kindergrundsicherung.

Berlin (dpa) - Mehr als jedes vierte Kind in Europa unter 16 Jahren ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - Tendenz steigend. 22,85 Millionen oder 27,4 Prozent aller Kinder in Europa wuchsen demnach 2014 in entsprechend ärmlichen Verhältnissen heran.

2010 waren es noch 27,2 Prozent oder 22,6 Millionen. Das geht aus Daten des Europäischen Statistikamtes Eurostat hervor, die die stellvertretende Fraktions-Vorsitzende der Linken, Sabine Zimmermann, ausgewertet hat.

Zimmermann sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir brauchen soziale Standards in Europa, statt ein Europa des Sozial- und Lohndumpings." Besonders dramatisch sei in diesem Zusammenhang die Politik der Bundesregierung, die ihr Sparkonzept in ganz Europa durchsetze.

Die Linke im Bundestag fordert angesichts der Kinderarmut in Europa und in Deutschland eine Kindergrundsicherung als eigenständige Leistung. Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte am Dienstag der dpa, eine solche Grundsicherung sei notwendig, "um die soziale Stigmatisierung ganzer Generationen durch Armut zu beenden".

Zur Kindergrundsicherung heißt es in einem Parteibeschluss der Linken, sie sei "am tatsächlichen, verfassungsrechtlichen Existenzminimum der Kinder zu orientieren". Als Sofortmaßnahme sei das Kindergeld zu erhöhen: für die ersten zwei Kinder auf 200 Euro, für alle weiteren Kinder entsprechend gestaffelt.

Laut Zimmermann steigt in Deutschland die Kinderarmut seit 2012 wieder an. Waren damals rund 2,13 Millionen Kinder von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, waren es 2014 rund 2,27 Millionen, 140 000 Kinder mehr. Der Anteil dieser armen Kinder an der Gesamtzahl der Kinder in Deutschland sei von 18,2 Prozent 2012 auf 19,3 Prozent 2014 gestiegen.

Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) von Ende Mai ist in Deutschland rund jedes siebte Kind von Hartz IV abhängig. 2015 waren demnach im Schnitt 1,54 Millionen der unter 15-Jährigen betroffen. Das waren gut 30 000 mehr als im Jahr zuvor. In einzelnen Regionen sei die Lage besonders schwierig: In den Stadtstaaten Bremen und Berlin sei mit 31,5 Prozent fast jedes dritte Kind unter 15 Jahren auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. In Bayern seien es nur 6,5 Prozent.

Die familienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Franziska Brantner, erklärte, Kinderarmut könne nur mit guter Bildung, mit Teilhabe-Chancen für alle und einer Reform der finanziellen Familienförderung effektiv bekämpft werden.

Durch die Hartz IV-Regelsätze und die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket werde die gleichberechtigte Teilhabe von Kindern und Jugendlichen aus armen Familien nicht ausreichend gewährleistet, mahnte das Deutsche Kinderhilfswerk. Die für die zweite Jahreshälfte angekündigte Neuberechnung der Regelsätze für Kinder und Jugendliche müsse eine Verbesserung bringen.

Grundsätzlich ist eine Definition von Armut in der EU schwierig, da die Landesverhältnisse sehr unterschiedlich sind. So lag laut Eurostat 2014 die Armutsgefährdungsschwelle in Deutschland für eine Familie mit zwei Kinder unter 14 Jahren bei einem Jahreseinkommen von 24 864 Euro, in Griechenland bei 9677 Euro.

Einen Anhaltspunkt liefert etwa die Annahme, dass derjenige als von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht gilt, der weniger als 60 Prozent des landesweiten mittleren Einkommens (Median) verdient. Zudem kann es ein Hinweis auf Armut sein, wenn die in einem Haushalt lebenden, erwerbsfähigen Mitglieder nur in sehr geringen Maß einer Erwerbsarbeit nachgehen können.

Eurostat-Tabelle

Armuts- und Reichtumsbericht

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