Mehr Flüchtlingsboote aus Libyen

Retter befürchten neue Massenflucht über das Mittelmeer

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In letzter Sekunde springen Flüchtlinge vor der libyschen Küste von einem sinkenden Boot.

Hamburg/Berlin - Die private Flüchtlingshilfe-Organisation "Sea Watch" hat vor einer Massenflucht über das Mittelmeer nach Europa gewarnt.

"Nach offiziellen Schätzungen befinden sich momentan hunderttausende Menschen in nordafrikanischen Ländern, vorwiegend Libyen, und warten auf die Überfahrt nach Europa", sagte der Initiator Harald Höppner der Deutschen Presse-Agentur.

In den Einsätzen der vergangenen Wochen habe das Schiff der Initiative, die "Sea Watch 2", mehrere hundert Menschen aus Seenot gerettet. "Bei anhaltend gutem Wetter erwarten wir einen massiven Verkehr an Flüchtlingsbooten von Libyen aus." Die Dunkelziffer an Opfern sei vermutlich weitaus höher als die offiziellen Zahlen, "denn Boote, die nicht gefunden werden, werden auch nicht registriert".

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind in den ersten fünf Monaten mehr als 190.000 Menschen über das Mittelmeer geflohen. Davon knapp 156.000 nach Griechenland und 34.000 nach Italien. 1375 Menschen gelten als vermisst oder tot.

Höppner forderte legale und sichere Fluchtwege. Der Pakt zwischen Türkei und EU stelle das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit in Frage. Und: "Die Fluchtursachen und der Leidensdruck der Menschen bestehen fort." Die sinkenden Flüchtlingszahlen in der Ägäis bedeuteten nur, dass sich die Flüchtlinge andere, noch gefährlichere Fluchtrouten suchten.

Bundeswehr bringt mehr Flüchtlinge nach Italien

Die steigende Zahl von Flüchtlingsbooten bringt die Bundeswehr im Seegebiet zwischen Libyen und Italien zeitweise an ihre Kapazitätsgrenze. „Wir sind ein bisschen erschrocken über die große Zahl derjenigen, die jetzt, wo das Wetter stabil ist, aus Libyen kommen“, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr am Donnerstag.

Am Mittwoch sei die Fregatte „Karlsruhe“ mit rund 250 Geretteten an Bord in Richtung Brindisi unterwegs gewesen, als sie ein weiterer Notruf erreicht habe. Eine italienische Einheit habe sich dann dieses zweiten Schlepperbootes angenommen. Das zweite deutsche Schiff, der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“, war zu diesem Zeitpunkt im Hafen von La Spezia.

Die neue Regierung in Tripolis gebe sich alle Mühe, als Partner der EU-Mittelmeeroperation Sophia aufzutreten, sagte der Sprecher. Gelegentlich kämen Informationen. Auch einige Boote der Küstenwache seien zuletzt unterwegs gewesen - um Schlepperboote zu stoppen oder um Flüchtlinge aus Seenot zu retten.

„Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin, da passiert jetzt ein bisschen etwas“, fügte er hinzu. Die Menschen, die versuchten, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen stammten fast ausschließlich aus Staaten südlich der Sahara.

Die Bundeswehr beteiligt sich seit Juni 2015 an der Operation Sophia. Ihr Auftrag sind die Seenotrettung und die Aufklärung von Schleusernetzwerken. Seit Beginn ihres Einsatzes südlich von Italien haben deutsche Soldaten 14 359 Menschen aus Seenot gerettet.

Neun Monate altes Flüchtlingsbaby erreicht Italien ohne Eltern

Unterdessen ist ein neun Monate altes Flüchtlingsbaby ohne Eltern auf der italienischen Insel Lampedusa angekommen. Das Mädchen aus dem westafrikanischen Krisenland Mali sei zusammen mit seiner schwangeren Mutter und Dutzenden anderen Flüchtlingen in Libyen in einem Schlauchboot in See gestochen, berichtete die Zeitung „La Stampa“ am Donnerstag. Jedoch habe die schwangere Mutter die Überfahrt nicht überlebt. Sie sei vermutlich wegen eines defekten Motors an schweren Verbrennungen gestorben, hieß es. Jetzt will der Arzt der Insel, Pietro Bartòlo, die kleine „Favour“ bei sich aufnehmen.

„Sie ist ein bildhübsches und sehr süßes Mädchen“, erklärte er. „Sie hat mich umarmt, sie hat keine Träne vergossen und sich untersuchen lassen, ohne sich je zu beklagen.“ Die Kleine sei ein wenig unterkühlt und dehydriert gewesen, aber sonst gehe es ihr gut. Er habe beantragt, Favour in Pflege zu nehmen. „Ich hoffe, dass sie sie mir geben werden.“ Es wäre nicht das erste Mal: Bereits vor fünf Jahren hatte der Mediziner einen 17-jährigen Tunesier aufgenommen - „es ist, als wäre er mein eigener Sohn“, so Bartòlo.

dpa

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