"Grundsatzentscheidung" getroffen

Seehofer läutet "neue Epoche" ein: Kabinett will G8 und G9

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Gmund - Die „Grundsatzentscheidung“ ist getroffen: In Bayern wird es künftig acht- und neunjährige Gymnasien geben. Viele Details sind aber offen.

Vielleich ist dies der endgültige Schlussstrich unter einen jahrelangen, teils erbittert geführten Streit: In Bayern soll es künftig sowohl acht- als auch neunjährige Gymnasien geben. Diese „Grundsatzentscheidung“ fällte das Kabinett auf seiner Klausur am Tegernsee, wie Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zum Abschluss bekanntgab. Start soll zwar erst zum Schuljahr 2018/19 sein. Seehofer spricht aber schon jetzt von einer „neuen Epoche“.

Die neue Epoche soll so aussehen: Sämtliche Gymnasien im Freistaat sollen in Zukunft selbst entscheiden dürfen, ob sie für ihre Schüler den acht- oder den neunjährigen Weg zum Abitur anbieten wollen. Bei größeren Schulen könnte es am Ende auch auf eine Parallelführung beider Varianten hinauslaufen, also von G8- und G9-Zügen. Die meisten - insbesondere kleinere - Schulen werden sich aber wohl entscheiden müssen, weil es sonst organisatorisch kaum zu bewerkstelligen ist.

Die Entscheidung ist der logische Schluss aus einem Modellversuch, den die Staatsregierung vor einem Jahr gestartet hatte: An 47 Gymnasien im Freistaat wird derzeit eine „Mittelstufe plus“ erprobt. Dort können Schüler mit ihren Eltern in der siebten Klasse entscheiden, ob sie die Mittelstufe in drei oder in vier Jahren hinter sich bringen wollen - ob sie also in acht oder in neun Jahren zum Abitur kommen wollen. Und das Bild an den Schulen ist eindeutig: Zwei Drittel entschieden sich zuletzt für die längere Variante.

Damit war schon seit Monaten klar, dass das Ende vom alten G8 eingeläutet ist. Das war vor mehr als zehn Jahren - noch unter Ministerpräsident Edmund Stoiber - völlig überstürzt eingeführt worden. Immer wieder wurde daran herumgedoktert, es wurde hin- und herreformiert - alles vergeblich. Der Druck auf die Kinder sei viel zu groß, es gebe keine Zeit mehr für Musik oder Sport neben der Schule - so oder ähnlich lautete über Jahre hinweg die Kritik.

Nun also kommt der endgültige Kurswechsel. Und das trotz gewichtiger Kräfte in der CSU-Landtagsfraktion, die sich stets gegen ein Zurück zum G9 stemmten - auch deshalb, weil vielen noch die Erfahrungen mit der Hau-Ruck-Einführung des G8 in schlechter Erinnerung waren.

Allerdings: Es gibt eben kein komplettes Zurück zum G9 - es soll beide Varianten geben. Man müsse beides respektieren, sagt Seehofer: dass zwei Drittel an den Pilotschulen den neunjährigen Weg wollen, ein Drittel der Schüler aber weiter die achtjährige Form will.

Es soll erst zum Schuljahr 2018/19 losgehen

Und: Seehofer will den gleichen Fehler wie Stoiber bei der G8-Einführung nicht wieder machen. Deshalb soll es erst zum Schuljahr 2018/19 losgehen - „mit der starken Begründung, dass man im Gymnasium durch eine übereilte Entscheidung 2003 schonmal den Schulfrieden auf lange Zeit gehörig durcheinander gebracht hat“, erklärt Seehofer.

Die Details der geplanten Reform sind deshalb noch unklar: Die konkrete Ausgestaltung soll erst bis Jahresende geklärt werden, in einem Dialog mit allen Beteiligten. „Deshalb kommt es jetzt darauf an, mit Geduld und mit Fairness diese Diskussion zu führen“, sagt Seehofer. Am Ende gibt es ein Spitzengespräch in der Staatskanzlei.

Es gebe noch eine ganz Menge von Fragen, erklärt er: nach der Finanzierung, nach notwendigen Planstellen, nach der Organisation, nach besonderen Herausforderungen in Städten und auf dem Land.

Der Direktorenvereinigung der Gymnasien sind dies zu viele offene Fragen. „Was wir befürchtet haben, ist eingetreten“, sagt der Vorsitzende Karl-Heinz Bruckner - und warnt: „Unzählige Probleme sind programmiert, wenn die einzelne Schule selbst über G8 oder G9 oder einen Parallelbetrieb beider Varianten entscheiden muss.“

Auch die Landtags-SPD warnt vor „Wildwuchs“: „Das ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Die Staatsregierung schiebt damit die Verantwortung einfach weiter“, klagt der SPD-Bildungsexperte Martin Güll. Die Freien Wähler, die schon immer eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 gefordert hatten, sehen sich dagegen bestätigt. Sie fordern allerdings einen neunjährigen Zug bereits ab der Unterstufe.

Bislang sieht es so aus, als würde es dabei bleiben, dass sich die acht- und neunjährigen Gymnasien nur in der Mittelstufe voneinander unterscheiden, ähnlich wie an den 47 Pilotschulen in der „Mittelstufe plus“. Bis zum Start der „neuen Epoche“ 2018/19 wird dieser Modellversuch im Übrigen fortgesetzt, und möglicherweise ausgeweitet.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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