"Der schwerste Schritt meines Lebens"

Emotionaler Post: Darum verlässt er die SPD nach 26 Jahren

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Guido Reil verlässt die SPD nach 26 Jahren.

München - Guido Reil war 26 Jahre lang überzeugtes Parteimitglied der SPD. Nun verlässt er die Sozialdemokraten - und begründet diesen Schritt emotional bei Facebook.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD) befindet sich seit der Bundestagswahl 2005 im steten Abschwung. In den letzten vier Monaten ist der Absturz aber immer extremer geworden. Auf gerade mal 20 Prozent kommt die einstige Volkspartei nur noch in aktuellen Umfragen. Dies liegt möglicherweise auch an dem zu unkonkreten Kurs der Sozialdemokraten, viele Genossen kritisieren das Fehlen der fundamentalen Grundsätze der Partei in der reellen Politik. Nun hat ein Amtsträger der SPD die Konsequenz daraus gezogen und verlässt die Partei, der er 26 Jahre angehörte. Er verabschiedet sich emotional bei Facebook.

Rücktritt mit sofortiger Wirkung

Guido Reil hatte bislang für die SPD einen Sitz im Rat der Stadt Essen inne. Doch am Mittwoch trat er "mit sofortiger Wirkung" aus der Partei aus. Wie sehr ihn dieser Schritt schmerzt, merkt man an den folgenden Worten auf Facebook: "Sie war für mich Familie und Teil meiner Identität." Aber: "Ich muss mir eingestehen, dass ich den grundsätzlichen Kurs der SPD nicht mehr leben kann."

Die Sozialdemokraten stehen für Reil offenbar nicht mehr für das selbe, wie vor seinem Eintritt. Früher die "Partei der sozialen Gerechtigkeit", davon sei im "realen Handeln nichts mehr" bemerkbar. Die ehemalige Kernwählerschaft der SPD, die Arbeiter "vertreten wir gar nicht mehr." Die Situation einfacher Arbeiter werde seit Jahren komplett übergangen. Der Punkt auf dem I für Reil sind aber die Handlungen in den vergangenen sechs Monaten: "In der Flüchtlingspolitik haben wir uns endgültig und völlig von der Realität verabschiedet."

"Bloß nichts ändern"

Ex-SPD-Mann Reil kritisiert, dass die Partei sich das Beispiel der österreichischen SPÖ, welche bei den Präsidentschaftswahlen vom Wähler eine schallende Ohrfeige bekäme nicht etwa als Warnung nehme, sondern im Gegenteil. "Augen zu und durch. Bloß nichts ändern, bloß nicht mal kritisch diskutieren", sei die Haltung der Sozialdemokraten. Für den Ratsherren ein Graus. Die SPD behält für ihn einen "offensichtlich falschen Kurs nur aus strategischen Gründen bei." Er empfindet das als "Irrsinn." Für so eine Denkweise hat er nur sarkastische Kommentare übrig.

Sein Austritt aus der SPD bedeutet für ihn aber nicht, dass er ihre einstigen Rituale nicht weiter verfolgen kann: "Ich werde in Zukunft als parteiloser Ratsherr weiter intensiv an meinen sozialen Projekten arbeiten und ganz eng mit den Bürgerinitiativen im Essener Norden zusammenarbeiten."

Zum Ende seines Postes wendet er sich noch einmal emotional an die einstigen Mitstreiter. "Es ging mir immer um meine Partei, der ich mit Herzblut verschrieben war. Der Schritt, den ich heute gehe, ist vielleicht der schwerste meines Lebens, aber ich kann leider nicht anders und ich werde keinen falschen Weg mit beschreiten."

bix

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