Unions-Klausur in Potsdam

Seehofer und Merkel: Das Fundament ist wieder intakt, aber...

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Viel Blau, respektvoller Abstand: Merkel und Seehofer bei der Pressekonferenz nach der Unions-Klausur.

Potsdam - Das Fundament sei wieder intakt, sagt der eine. Von interessanten Debatten spricht die andere. Doch die Kanzlerin und der CSU-Chef haben weiter einen „langen und nicht immer einfachen Weg" vor sich.

Horst Seehofer hat jetzt eine perfekte Angela Merkel. Er hatte sie schon in zweifacher Ausfertigung, aber nun hat der CSU-Chef ein drittes Exemplar. Maßstabsgetreu, nicht mehr so überdimensional. Das gefällt dem bayerischen Ministerpräsidenten. Es geht um seine Modelleisenbahn-Anlage, in der Merkel als Figur eine tragende Rolle spielt.

Bei der Arbeitstagung der Unionsspitze in Potsdam - angesetzt als Blick nach vorn nach erbittertem Hickhack zwischen ihm und Merkel in der Flüchtlingspolitik - berichtet Seehofer über seine neue Errungenschaft. „Jetzt habe ich sogar eine dritte.“ Seine bisherige Merkel sei „größer als es dem Maßstab der Anlage entspricht“. Das solle so sein. Denn: „Sie ist die Chefin der Anlage.“

Aber inzwischen habe ein Bürger aus Bayern in einem Geschäft in einem anderen Bundesland quasi die richtige Kanzlerin gefunden. „Dieser Bürger hat mir eine maßstabsgetreue und perfekte Angela Merkel zugesandt. Die behalte ich auch.“ Die perfekte Merkel. Das wird die CDU-Vorsitzende für ihn im wirklichen Leben vermutlich nie sein.

Der Brexit erhöht den Druck auf Merkel

Die Kanzlerin wirkt an diesem heißen Samstag am schönen Templiner See in Brandenburg ernst und distanziert. Sie scherzt nicht, sie lacht nicht. Vermutlich hat das vor allem mit dem Austritt der Briten aus der Europäischen Union zu tun. Der Brexit erhöht den Druck auf sie noch einmal enorm. Es richten sich wieder alle Augen auf die Kanzlerin, die vor allem gemeinsam mit Frankreich für Stabilität und eine Weiterentwicklung der EU zu einer besseren Union sorgen soll.

Sollte sie je vorgehabt haben, bei der Bundestagswahl 2017 nicht wieder anzutreten - jetzt wäre ein Verzicht noch schwieriger. Müsste Seehofer nun nicht sagen, dass Merkel weitermachen muss, um Deutschland und die EU zu stabilisieren? Er sagt dazu nur dies: „Wir befinden uns über ein Jahr vor der Bundestagswahl.“ Deshalb könne er die Frage nicht beantworten. Er nimmt Anleihen beim Fußball: „Eine Europameisterschaft beginnt nicht mit dem Finale. Wir sind jetzt in der Gruppenphase und dann sehen wir weiter.“

"Wir müssen uns in der Alternativlosigkeit zusammenraufen“

Aus dem CSU-Führungszirkel verlautet dagegen: Alles andere als eine Kandidatur Merkels wäre eine Katastrophe. Es gebe niemanden, der auch nur annähernd das Format für eine Kanzlerschaft hätte wie sie. „Wir müssen uns in der Alternativlosigkeit zusammenraufen“, sagte einer, der Merkel und Seehofer für das ideale Paar an der Spitze der Schwesterparteien hält: Merkel als die besonnene Staatsfrau mit hoher internationaler Anerkennung und Seehofer als der Querdenker, der den Finger in die Wunde legt und viele Wähler bei der Stange hält.

Dafür müsse er so bleiben wie er ist: unberechenbar. Letztlich profitiere die CDU davon. In dem Moment, da Seehofer aufhörte, abweichende Positionen zu bringen, wäre er bundespolitisch uninteressant und damit so gut wie erledigt und die CSU gleich mit - was die CDU dramatisch schwächen würde.

Merkel sagt, die Unionsklausur zu den künftigen sechs Leitthemen Europa, Migration, Terrorbekämpfung, Digitalisierung, Umwelt und Zusammenhalt der Gesellschaft sei sehr ernsthaft, konstruktiv und wirklich interessant gewesen. Ihre Begeisterung scheint sich dafür trotzdem in Grenzen zu halten. Sie hat viele andere Sorgen.

Seehofer: „Die Politik hat sich verändert"

Seehofer tut kund: „Ich bin rundum zufrieden. Wir haben jetzt eine gute Basis. Wir wissen beide, (...) dass wir eine ganze Menge zu bewegen haben. Und normalerweise wird es schwieriger je konkreter Politik wird. Da sind wir uns beide bewusst, dass wir noch einen langen und nicht immer einfachen Weg zu gehen haben.“ So dürfte es noch so manches Mal Misstrauen, Verärgerung, vielleicht sogar wieder ein Zerwürfnis zwischen ihnen geben.

Aber Seehofer betont, das Fundament sei wieder intakt. Sie hätten auch „keinen Satz“ zum Flüchtlingsstreit gesagt. Ob der Zwist angesichts des Brexits nicht geradezu kleingeistig anmute, wird Seehofer noch gefragt. Nein, lautet seine Antwort. Er ärgert sich darüber, dass es immer heiße, an Merkel sei seine Kritik abgeperlt. „Die Politik hat sich verändert“, betont er. Es kämen weniger Flüchtlinge nach Deutschland und es bestehe nicht mehr der Eindruck, dass Deutschland alle Flüchtlinge haben wolle. Er betont es noch einmal: „Die Politik hat sich verändert. Das ist das Entscheidende.“

Merkel sagt nur „Tschüss“

Zum Schluss werden beide noch einmal zum Brexit gefragt. Merkel antwortet und sagt auf Wiedersehen, bevor Seehofer etwas sagen kann. Der mahnt: „Wenn Du noch kurz warten willst ....“ Die Situation ist nicht zu vergleichen mit seinem Affront gegen Merkel beim CSU-Parteitag im vorigen Jahr, als er die Kanzlerin eine Viertelstunde auf der Bühne stehen ließ, während er dozierte. Und man darf annehmen, dass Merkel nicht richtig mitbekommen hat, dass auch Seehofer nach seiner Meinung gefragt worden war. Aber man merkt, dass sie los will. Vermutlich ist sie in Gedanken in London, Brüssel, Paris, Berlin. Als dann auch Seehofer fertig ist, gibt sie ihm kurz die Hand und sagt nur „Tschüss“. Dann ist sie weg.

dpa

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