Kommentar zur kommenden Technik-Revolution

Virtuelle Realität: "Ich hab richtig Bock drauf!"

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Die VR-Brille Oculus Rift im Einsatz.

Mittendrin statt nur dabei? Mit Hilfe der virtuellen Realität könnte der ehemalige Werbespruch des DSF bald näher an der Wahrheit dran sein, als je zuvor! Ein Kommentar von Michael Heymann

Chris Pratt rennt panisch durch den Dschungel. Der Schweiß läuft ihm von der Stirn, er wird gejagt! Wir bewegen uns gezwungenermaßen schnell hinter ihm her. Doch plötzlich: Der Schauspieler läuft weiter, das Bild dreht sich ohne unser zutun um 180° und wir sehen einen gigantischen T-Rex wütend und unaufhaltsam auf uns zulaufen. Keiner kann helfen, unsere Augen bleiben starr auf den Urzeitriesen gerichtet. Was sollen wir tun? Schreien? Uns unserem Schicksal ergeben? Oder setzen wir ganz einfach unsere VR-Brille ab?

Die Revolution des Erlebens

Die virtuelle Realität, kurz VR, ist ein Begriff, der in den vergangenen Jahren immer häufiger in den Medien kursiert. Egal ob bei Filmen, in Computerspielen oder für neuartige Erfindungen der Pornoindustrie: VR soll vieles revolutionieren, das "Mittendrin-Gefühl" authentischer als jemals zuvor darstellen.

Doch was ist VR eigentlich? Laut Wikipedia versteht man darunter "die Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung". 

Oder wie ich es gerne beschreibe: Man ist drin! Man erlebt eine panische Verfolgungsjagd wie im Film "Jurassic World" oder den Untergang der Titanic quasi live mit. Computerspieler, die sich schon dieses Jahr auf die ersten VR-Brillen freuen können, schweben bald durch den Weltraum oder gruseln sich in den ersten Horror-Games wie "Paranormal Activity VR".

Da ich selbst leider noch nie in den Genuss kam, eine VR-Brille auszuprobieren, habe ich jemanden gefragt, der inzwischen schon häufig in die "zweite Welt" abgedriftet ist. Andreas Szedlak ist Redaktionsleiter bei der Games Aktuell in Fürth und konnte ausgiebig Playstation VR und Oculus Rift testen. Sein Eindruck bestätigt die Hoffnungen vieler Fans: "Wer VR einmal ausprobiert hat, wird das Erlebnis so schnell nicht vergessen. Ob Spiele, Filme, Musikkonzerte oder Dokumentationen: Es gibt unzählige Bereiche, in denen VR den Zuschauer auf einzigartige Weise ins Geschehen hineinzieht."

Kinderkrankheiten

Seit klar ist, dass die virtuelle Realität bald für jeden eine große Rolle spielen könnte, erschienen natürlich aber nicht nur Befürworter sondern auch Kritiker auf der Bildfläche."Das ist doch nicht gut, wenn man Realität und Fiktion bald nicht mehr auseinanderhalten kann" oder "ihr haltet damit die Menschen auf, mehr am echten Leben teilzunehmen" sind die typischen Sätze, die Entwicklern Tag für Tag entgegengeschleudert werden. 

So richtig widersprechen kann man nicht - einige Menschen könnten sich tatsächlich irgendwann in der anderen Welt verlieren und so ähnlich wie Bruce Willis in der Zukunfts-Dystopie "Surrogates – Mein zweites Ich" ihr komplettes Leben in die Virtualität verfrachten. Doch bis es wirklich soweit ist, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern.

Denn: Die Grafik der VR-Brillen wie Oculus Rift oder HTC Vive können noch lange nicht ein Bild erreichen, das der normalen Wahrnehmung zum Verwechseln ähnlich sieht. Dadurch entsteht wiederum das Problem der "Bewegungsübelkeit" (motion sickness), die auftritt, wenn die tatsächlich empfundene von der virtuell gesehenen Beschleunigung abweicht oder ganz einfach der Körper merkt, dass das Gesehene nicht der Wirklichkeit entspricht. "VR verlangt dem Gehirn einiges ab. Die Virtuelle Realität ist also nicht für jedermann geeignet", meint auch Andreas Szedlak, der nach längeren Sessions erst einmal dringend eine Pause brauchte.

Viele Gamer, die mit dem Kauf einer VR-Brille liebäugeln, sollten also vorher testen, ob sie unter den Symptomen leiden. Denn die Brillen werden aufgrund der Technik auch nicht zum Spottpreis verscherbelt. Die Oculus Rift kostet aktuell beispielsweise 699 Euro - die HTC Vive ist sogar noch 200 Euro teurer.

In Zukunft nur noch VR?

Dass das Interesse an den Brillen aber trotzdem groß ist, zeigen die ersten Verkaufszahlen. Innerhalb von zehn Minuten waren 15.000 Einheiten der HTC Vive verkauft. Die Rift wird aufgrund der Nachfrage sogar erst ab August wieder lieferbar sein. Und dabei reden wir von den Erstmodellen, die sich eindeutig nur an Enthusiasten richten, da der Preis sehr hoch, die Software-Unterstützung mager und die Auflösung noch nicht ideal ist.

Nicht umsonst sind große Firmen wie Samsung oder Sony auf den VR-Zug aufgesprungen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kaufte die Oculus Rift gar für 2,3 Milliarden Dollar komplett auf. Über die Möglichkeit, die Brillen für soziale Netzwerke zu nutzen, ist zwar noch nicht viel bekannt. Fakt ist aber: VR ist der nächste Schritt der Darstellung. Einen Schritt, den wir unaufhaltsam machen werden. 

Genießen, aber nicht verlieren!

Volontär Michael Heymann kann die kommende VR-Revolution kaum erwarten.

Ich für meinen Teil habe richtig Bock auf die Brillen und kann den Sprung in die virtuelle Realität kaum noch erwarten. Die Vorstellung, Spiele oder Filme in hochauflösender Grafik direkt zu erleben und quasi "dabei zu sein", löst in mir einfach nur Begeisterung aus. Zudem bin ich gespannt, welche raffinierten Zusatztechniken die Entwickler aus dem Hut zaubern. Bewegungssteuerung mit Controllern oder Eingabemöglichkeiten über bestimmte Gestiken lassen all das wahr werden, was ich vor Jahren in kaum vorstellbaren Science-Fiction-Filmen gesehen habe!

Aber ich verstehe auch die vielen Kritiker: VR kann für viele Menschen durchaus gefährlich werden, besonders dann, wenn man sich völlig in dieser "zweiten Welt" verliert. Ich spreche da besonders von Gamern, die schon abhängig von Games wie "World of Warcraft" (WoW) oder "League of Legends" geworden sind, obwohl diese nur auf einem gewöhnlichen PC-Monitor laufen. Hat man bei dieser Art von süchtig machenden Spielen noch die Möglichkeit, direkt in diese Welt einzutauchen, besteht in meinen Augen tatsächlich eine Gefahr, gar nicht mehr in die Wirklichkeit zurückkommen zu wollen. So sieht es auch der Games Aktuell Redakteur: "Das Erlebnis ist natürlich schon so einzigartig, dass man süchtig werden könnte. Auf der anderen Seite ist der Drang nach einer Pause bei VR deutlich größer, als wenn ich am Monitor WoW zocke. Aber vermutlich gibt es schon Menschen, die in der virtuellen Realität so aufgehen, dass sie ihr echtes Leben dadurch mehr und mehr in den Hintergrund rücken."

Der perfekte Mittelweg wäre also die beste Lösung. Fernsehen oder Zocken machen wir doch fast alle. Trotzdem schaffen wir es, ein vernünftiges Sozialleben zu führen. Die VR-Zukunft soll daran auch nichts ändern. Sie soll uns nur die Möglichkeit geben, bereits bekannte Aktivitäten, wie Filme schauen, neu zu erleben.

Ein Kommentar von Michael Heymann (Michael.heymann@ovb24.de)

Quelle: rosenheim24.de

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