Sicherheitshalber abgebrochen

Sturz: Keine EM-Medaille für deutsche Turner

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Sofia - Das Finale am Reck hatte sich Fabian Hambüchen wahrscheinlich anderes vorgestellt. Er stürzte vom Reck und brach den Wettkampf ab. Der Sieg ging an die Niederlande.

Den Teamgefährten stockte der Atem, Champion Epke Zonderland tröstete seinen Kumpel umgehend: Das „volle Risiko“ im Kampf um Reck-Gold hat sich für Fabian Hambüchen bei den Turn-Europameisterschaften in Sofia nicht ausgezahlt. Beim gebückten Kovacs-Salto musste der Student aus Wetzlar das Königsgerät verlassen und fiel so unglücklich auf den Rücken, dass er den Wettkampf nicht beenden konnte.

„Alles okay, nichts kaputt“, gab Hambüchen wenige Minuten später mit traurigem Gesicht in der Mixed-Zone Entwarnung. „Natürlich schmerzen der Rücken und auch die Zehen, die ich so gestreckt hatte, dass sie sich beim Sturz in die Matte gegraben haben.“ Das Wichtigste sei, das kein Zeh gebrochen sei. „Jetzt geht es weiter: Bei der WM in China will ich wieder ins Finale“, sagte der Wetzlarer trotz des Missgeschicks angriffslustig. „Eigentlich wollte ich die Übung fortsetzen, aber es ging einfach nicht. Die Sicherheit war wichtiger.“

Olympiasieger Zonderland hatte vor seiner Übung sofort die Zeit gefunden, sich um den angeschlagenen Freund zu kümmern. Nach einer kurzen Behandlung durch Teamarzt und Physiotherapeut konnte Hambüchen schnell wieder aufstehen und das Ende des Wettkampfes beobachten. Der Oranje-Turner Zonderland setzte sich mit 15,833 Punkten souverän gegen die Briten Sam Oldham (14,866) und Kristian Thomas (14,808) durch.

Voller Angriffslust war Fabian Hambüchen in den Wettkampf gegangen. „Volle Lotte, volles Risiko“, hatte er angekündigt, als klar war, dass er als erster Turner im Finale an die Reck-Stange muss. „Es geht nicht darum, mit einer Sicherheits-Übung die Medaille abzusichern, sondern den 'fliegenden Holländer' unter Druck zu setzen“, sagte er vor dem Showdown in Sofia.

Dies misslang gründlich. Hollands viermaliger „Sportler des Jahres“ ließ sich vom Missgeschick des Freundes nicht schocken und demonstrierte nach EM-Bronze am Barren auch am Reck seine Klasse. Er zeigte bei Schwierigkeit 7,3 seine wichtigsten Flugkombinationen, musste aber nicht alles riskieren, um den Hattrick mit Siegen bei Olympia, WM und EM perfekt zu machen.

In den EM-Tagen zuvor hatte Hambüchen als einziger im Turn-Team Deutschland sein Leistungsvermögen abgerufen und war der wichtigste Pfeiler der Riege, die auf Rang vier die fünfte deutsche Team-Medaille der EM-Geschichte nur knapp verfehlte.

„Wir haben uns gegenseitig in den Arsch getreten, denn so wie im Vorkampf wollten wir uns nicht noch einmal präsentieren“, meinte Hambüchen schmunzelnd, der dem Team mit Topleistungen an seinen fünf Geräten überhaupt erst den Finaleinzug ermöglich hatte.

Es sei nur „schade, dass es nicht ganz zur Medaille gereicht“ habe. Gelassen hatte der Student der Sporthochschule Köln auch das leichte Erdbeben weggesteckt, das am Samstag die Hochhäuser in Sofia für einige Sekunden wackeln ließ. „Wir waren in der Einturnhalle und haben nicht viel mitbekommen“, meinte Hambüchen.

Den Titel holte sich zum fünften Male das Team Russlands vor Titelverteidiger Großbritannien und der Ukraine. Die Entscheidung im Medaillenkampf war vor gespenstisch leeren Rängen der Armee-Arena erst am letzten Gerät gefallen, als Sebastian Krimmer am Reck patzte. Eine Medaille hätte aber möglicherweise Schwachstellen im Team wieder zugedeckt. Daher konnte Cheftrainer Andreas Hirsch mit dem Resultat leben: „Platz vier ist zwar bitter. Aber er bietet auch Chancen.“

Erfolgreichster Turner der Titelkämpfe war der Russe Denis Abljasin mit insgesamt vier Titeln. Der 22-Jährige holte sich nach dem Sieg mit der russischen Riege auch die Titel am Boden, beim Sprung und an den Ringen. Sauer reagierten viele Turner und Trainer auf die beschämende Kulisse in der 12 000 Zuschauer fassenden Arena. „Das ist einer EM unwürdig“, sagte Cheftrainer Hirsch. Und Fabian Hambüchen fragte sich enttäuscht, „warum hier eine EM stattfindet, wenn keiner in die Halle kommt“.

dpa

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