Neues im Dopingskandal

Operacion Puerto: Blutproben müssen herausgegeben werden

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211 Blutbeutel wurden bei der Razzia 2006 sicher gestellt.

Madrid - Einer der größten Dopingskandale der Sportgeschichte wird womöglich doch noch aufgeklärt. Nach einer spektakuläre Wende in der "Operacion Puerto" müssen die Kunden des Dopingarztes Eufemiano Fuentes wieder die Aufdeckung ihrer Fälle fürchten.

Am Dienstag entschied ein Madrider Berufungsgericht, dass die in Barcelona eingelagerten Blutbeutel herausgegeben werden müssen. Damit steht der Weltsport, der durch Russland, Kenia und Co. derzeit ohnehin in Aufruhr ist, urplötzlich wieder vor einem weiteren Skandal ungeahnten Ausmaßes. Vor allem aber in Spanien dürfte das große Zittern beginnen.

Die 211 Proben dürfen laut Richter Alejandro Maria Benito nicht vernichtet werden, sie müssen vielmehr unter anderem dem spanischen Radverband, dem Radsportweltverband UCI, der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sowie dem Nationalen Olympischen Komitee Italiens (CONI) ausgehändigt werden. "Das erklärte Ziel ist, Doping zu bekämpfen", hieß es in der Urteilsbegründung, sonst gebe es "ein Risiko, dass andere Athleten vom Doping verführt werden könnten."

Die heiße Ware stammt von Spitzenathleten und wurde im Jahr 2006 beim spanischen Frauenarzt Fuentes sichergestellt. Fuentes soll eine Vielzahl von Top-Athleten mit leistungssteigernden Substanzen versorgt haben und wurde damals im Zuge von mehreren Razzien festgenommen.

"Das ist ein guter Tag für den Anti-Doping-Kampf", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer dem SID. Er ist zuversichtlich, dass nun trotz verbleibender juristischer Zweifel über die Verjährungsfristen eine Lawine ins Rolle kommt: "Wir interpretieren die Regel zur Zehn-Jahres-Verjährungsfrist im Welt-Anti-Doping-Code so, dass sie auch auf ältere Fälle angewendet werden kann. Insofern sind wir gespannt auf die Analysen der Blutbeutel durch die WADA."

Die WADA hatte im neuen Anti-Doping-Code 2015 auch mit Blick auf die "Operacion Puerto" die Verjährungsfrist von acht auf zehn Jahre verlängert. Umstritten ist, ob auf Fälle, die vor dem 1. Januar 2015 aktenkundig wurden, noch die Acht-Jahres-Regel anzuwenden ist.

So oder so ist die Entscheidung vor allem eine Genugtuung für alle, die um die Herausgabe gekämpft hatten. Denn die 2013 durch ein Gericht angeordnete Vernichtung hatte einen Sturm der Entrüstung nach sich gezogen, unter anderem hatten WADA und UCI Einspruch eingelegt.

Bis heute lagern die Beutel in einem Forschungspark in Barcelona in einem Kühlschrank des dortigen Anti-Doping-Labors. Darin schlummert, wie viele Experten annehmen, einer der größten Dopingeklats der Sportgeschichte. Vor allem auf den Aufschwung im spanischen Hochleistungssport, so vermuten Experten, könnte ein ganz anderes Licht fallen.

Die Fuentes-Affäre betraf zunächst nahezu ausschließlich den Radsport. Die Klarnamen von über 50 verdächtigen Profis - darunter auch der einzige deutsche Tour-Sieger Jan Ullrich - wurden einen Tag vor dem Start der Tour de France 2006 öffentlich. Doch auch Athleten aus anderen Sportarten, wie Fußball, Leichtathletik oder Tennis, tauchen angeblich in Fuentes' Kundendatei auf.

Ullrich erklärte im Zuge der Anschuldigungen am 26. Februar 2007 seinen Rücktritt. Wenige Monate danach bestätigte sein langjähriger Betreuer Rudy Pevenage Kontakt zu Fuentes. Erst im Februar 2012 räumte Ullrich erstmals selbst Kontakt zu Fuentes ein. Zuvor war er vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wegen seiner Verwicklung in die Affäre gesperrt worden.

Fuentes deutete schon kurz nach seiner Verhaftung im Mai 2006 an, dass sich die Affäre weit über den Radsport hinaus erstrecke. Im Prozess Anfang des Jahres 2013 hatte Fuentes bei einer Vernehmung davon gesprochen, auch Fußballer, Tennisspieler, Leichtathleten und Boxer behandelt zu haben und bot sogar die Herausgabe seiner Kundenliste an.

Richterin Julia Patricia Santamaria wollte davon aber nichts wissen. Sie verurteilte Fuentes am 30. April 2013 zu einem Jahr Haft auf Bewährung sowie zu vier Jahren Berufsverbot und 4500 Euro Geldstrafe. Auch diese Entscheidung wurde widerrufen und Fuentes am Dienstag freigesprochen. Das Blut, das er damals für Transfusionen benutzt habe, sei keine Medizin und der Fall damit nicht durch das betreffende Gesetz gedeckt.

Die weitgehende Zerstörung der Blutbeutel hatte Richterin Santamaria damals mit dem Schutz der Persönlichkeitsrechte der Sportler begründet. Der Fall sei mehr als ein Witz, schimpfte danach etwa der britische Tennis-Profi Andy Murray und vermutete Vertuschung. Auch WADA-Gründungspräsident Dick Pound hatte scharfe Kritik geübt. Es sei beschämend für Spanien, jeder wisse, "dass wir in der Lage sind, etwas mehr Doping aufzudecken, wenn die Proben herausgegeben werden."

Weil Richter Alejandro Maria Benito den Fall am Dienstag ganz anders sah, erhält die WADA nun die Gelegenheit dazu.

Chronologie der "Operacion Puerto" und des Dopingfalles Fuentes

Die "Operacion Puerto" war Ausgangspunkt einer der umfassendsten Dopingermittlung der Sportgeschichte. Der SID dokumentiert den Fall mit der zentralen Figur Eufemiano Fuentes.

17. September 2005: Der Radprofi Roberto Heras wird bei der Spanien-Rundfahrt, die er gewann, positiv auf EPO getestet. Dieser Vorfall gilt als zentraler Ausgangspunkt der Ermittlungen der Guardia Civil.

23. Mai 2006: Im Zuge von Razzien werden in Madrid und Saragossa insgesamt fünf Personen, darunter der Frauenarzt Eufemiano Fuentes, festgenommen.

25. Mai 2006: Jan Ullrich gerät in Verdacht, Kunde von Fuentes gewesen zu sein. Sein T-Mobile-Team bestreitet dies.

30. Juni 2006: Am Tag des Startes der Tour de France wurden auf Druck des Veranstalters ASO insgesamt neun verdächtige Radsportler von der Frankreich-Rundfahrt ausgeschlossen. Vom Team T-Mobile sind Jan Ullrich und Oscar Sevilla betroffen.

4. Juli 2006: Fuentes sagt im Interview mit dem spanischen Radiosender Cadena Ser: "Auch Sportler anderer Sportarten wurden betreut, besonders Fußballer. Namen, die auftauchen müssten, wurden noch nicht genannt, ich weiß nicht, warum."

20. Juli 2006: "Die Bielefelder Rechtswissenschaftlerin und Kriminologin Britta Bannenberg erstattet Anzeige gegen Jan Ullrich wegen Betruges, der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke schließt sich kurz darauf an.

August 2006: Die Bonner Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.

9. Oktober 2006: Die Staatsanwaltschaft Madrid verfügt, dass kein Radsportverband belastendes Material aus der "Operacion Puerto" für eigene Verfahren benutzen darf. Das Verfahren müsse zunächst beendet werden.

24. November 2006: Spanische Medien berichten, dass in 8 von 90 in Fuentes' Wohnungen gefundenen Blutbeuteln EPO nachgewiesen wurde. Doping ist in Spanien kein krimineller Tatbestand. Fuentes droht jedoch eine Anklage wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.

8. Dezember 2006: Die französische Tageszeitung Le Monde interviewt Fuentes und schreibt dann über Verstrickungen mehrerer spanischer Fußball-Klubs, darunter Real Madrid und der FC Barcelona. Fuentes dementiert seine Aussagen öffentlich, bestätigt sie aber angeblich intern. Real und Barca verklagen Le Monde auf je drei Millionen Euro Schadenersatz, Le Monde muss schließlich je 15.000 Euro zahlen.

26. Februar 2007: Jan Ullrich kündigt während einer Pressekonferenz in Hamburg sein Karriereende an. Nach einem 43-minütigen Monolog ließ er keine Fragen zu. Erst in einem späteren Bild-Interview bestritt er erneut Doping: "Niemals. Ganz klipp und klar."

9. Juli 2007: Jan Ullrichs langjähriger Betreuer Rudy Pevenage bestätigt Kontakte zu Fuentes.

12. März 2007: Die spanische Justiz beendet die "Operacion Puerto". Gut ein Jahr später werden erneut Ermittlungen aufgenommen und im Oktober 2008 wieder abgebrochen.

14. April 2008: Die Staatsanwaltschaft Bonn stellt das Verfahren gegen Jan Ullrich gegen eine Zahlung in sechsstelliger Höhe an eine gemeinnützige Einrichtung und die Staatskasse ein. Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel stellte dennoch fest: "Unsere Ermittlungen über 21 Monate haben ergeben: Jan Ullrich hat gedopt." Ullrich erklärte: "Die Zahlung ist kein Schuldeingeständnis. Ein Geständnis konnte es auch deshalb nicht geben, weil es keinen Betrogenen gibt."

10. Januar 2011: Alberto Leon, ehemaliger Mountainbiker und Fuentes' mutmaßlicher Kurier, erhängt sich in seinem Haus.

15. März 2011: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Eufemiano Fuentes, dessen Schwester Yolanda, den ehemaligen Radsport-Manager Manolo Saiz und zwei weitere Fuentes-Komplizen wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.

28. Januar 2013: Erster Verhandlungstag.

30. April 2013: Fuentes wird zu einem Jahr Haft, die nach spanischem Recht auf Bewährung ausgesetzt wird, vier Jahren Berufsverbot und 4500 Euro Geldstrafe verurteilt. Vier Monate (auf Bewährung) und vier Monate Berufsverbot erhielt der Mitangeklagte Jose Ignacio Labarta. Freigesprochen wurden Fuentes' Schwester Yolanda sowie die früheren Teamchefs Manolo Saiz und Vicente Belda. Die Blutbeutel der rund 200 Spitzenathleten bleiben unter Verschluss und sollen vernichtet werden. Richterin Julia Patricia Santamaría argumentiert, eine Freigabe würde die Persönlichkeitsrechte der Sportler verletzen.

14. Juni 2016: Das Provinzgericht in Madrid widerruft die Entscheidung, die Blutbeutel zu vernichten. Sie sollen Einrichtungen wie der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und der Radsport-Weltverband UCI zur Verfügung gestellt werden.

sid

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