


vor 2 Stunden|B20 bei Piding|0

026.02.1026.02.10|Traunstein|
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Chieming/Traunstein - Am zweiten Verhandlungstag des Entführungsprozesses gegen die "Chieminger Rentner-Gang" haben sich die Angeklagen gegenseitig schwer belastet.

© Kretzmer
Belastete den Hauptangeklagten gestern schwer: ein 80-jähriger Kaufmann aus Hamburg. Fotos kretzmer
"Die Ware ist jetzt da. Es hat alles geklappt". Das soll der Hauptangeklagte (74) im Geiselnahmeprozess am Landgericht Traunstein nach der "erfolgreichen" Entführung eines Amerikaners (57) im Juni 2009 seinem Komplizen aus Schliersee telefonisch mitgeteilt haben. Der 61-jähriger Mittäter belastete den 74-jährigen, einen früheren Bauunternehmer aus Chieming, gestern schwer im Sinn der Anklage.
Mit der Entführung wollten zwei Rentnerpaare aus Chieming (74 und 80 Jahre alt) und Schliersee (67 und 64 Jahre) ihr Opfer - früher zeitweise Finanzmakler in den USA und inzwischen Unternehmer in Speyer - laut Anklage zur Rückzahlung von mehreren Millionen Dollar aus betrügerischen Immobiliengeschäften in Florida zwingen. Der geständige 61-Jährige, früher in den Staaten für das Opfer tätig, wollte an von dem 57-Jährigen angeblich noch nicht gezahlte Provisionen gelangen.
Der 74-jährige mutmaßlicher Initiator der Geiselnahme, Verursacher der schweren Verletzungen des Opfers und Wortführer einer Art Tribunal gegen den Ex-Finanzmakler hatte am ersten Verhandlungstag rundweg jede Schuld bestritten und von einer "freundlichen Einladung zu ein paar Tagen an den Chiemsee" gesprochen. Der mitangeklagte 61-Jährige widerlegte ihn gestern.
Der gebürtige Hamburger Kaufmann hatte 1994 eine Amerikanerin geheiratet und war 1996 in die USA ausgewandert. Nach der Befreiung des Entführten durch die Polizei am 20. Juni 2009 in einer SEK-Aktion wurde der Vaters von sechs Kindern aus zwei Ehen verhaftet. Das brachte seine Firma in Florida in Schwierigkeiten. Mittlerweile lebt die hoch verschuldete Familie in den USA von Sozialhilfe, wie Rechtsanwalt Harald Baumgärtl aus Bernau ausführte.
Der 61-Jährige bestätigte gestern weitgehend den Ablauf der Entführung aus der Anklage - wie man das Opfer in Speyer bei der Heimkehr abgepasst, den Mann mit Klebeband gefesselt und geknebelt habe, das Einsperren in der Kiste, den Transport mit der Sackkarre die Treppe hinab zum Auto. Der 74-Jährige habe dem Amerikaner in der Wohnung einen "schnellen Handkantenschlag" versetzt, ihn nach dessen Befreiungsversuch im Wagen mit Fäusten geschlagen.
Der Verteidiger betonte, der 57-Jährige sei "nicht mit dem Tode bedroht worden". Man habe nur angedroht, die gesammelten Akten der amerikanischen Justiz zu übergeben. Weitere Ausführungen Baumgärtls galten den langwierigen Verhandlungen in Chieming mit dem Opfer über die Bedingungen für die Freilassung: unwiderrufliche Zahlungsanweisungen an Schweizer Banken zugunsten der Angeklagten.
Den 74-jährigen Hauptangeklagten umriss der 61-Jährige als richtungweisenden Wortführer, als "Macho", der gewohnt sei, dass man seine Anordnungen befolge. Dessen Frau sei eine "typische Hausfrau, die ihm dient". Seine 80-jährige Ehefrau äußerte sich gestern zur Sache nur über ihren Verteidiger, Frank Eckstein aus München. Der Tenor: Sie habe ihrem Ehemann immer vertraut, auch in allen finanziellen Angelegenheiten, die er allein geregelt habe. Sie habe bei dem 57-Jährigen mehr als zwei Millionen Dollar angelegt. Er habe ab 2008 die unterschiedlichsten Erklärungen für die ausbleibenden Zahlungen gehabt, etwa, durch die Wirtschaftskrise sei das Geld weg.
Ihr Mann habe das nicht geglaubt, betrügerische Absicht angenommen. Ein oder zwei Tage vor der Entführung habe ihr Mann gesagt, er würde gegebenenfalls den 57-Jährigen mitbringen. Sie sei damit nicht einverstanden gewesen. "Ich wollte ihn nicht im Haus haben" - so der Verteidiger für die 80-Jährige.
Auch mit der Entführung sei sie nicht einverstanden gewesen, habe aber "keine Chance gehabt, es zu verhindern". Sie habe versucht, sich aus der ganzen Sache heraus zu halten. Den Amerikaner habe sie mehrmals beschwichtigt, er könne bald gehen.
Die 80-Jährige wuchs in Buchloe auf, war in erster Ehe mit einem Fabrikanten für Parfumzerstäuber verheiratet. Nach dem Tod des Mannes lernte sie den Hauptangeklagten 1996 in Florida kennen, ein Jahr später folgte die Hochzeit. Beide hätten sie damals Häuser in Florida erworben. Heute habe sie kein Geldvermögen mehr, höchstens noch 20 000 Dollar auf einem Konto in den USA.
Der Prozess geht am 9. März weiter.
Monika Kretzmer (Oberbayerisches Volksblatt)
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