


Traunstein - Für Benedikt Haerlin, ein Pionier im Kampf gegen Gentechnik und „Aufsichtsratsmitglied“ des Welternährungsberichtes, ist es höchste Zeit zum Handeln.

© sts
Pionier kontra Gentechnik und anerkannter Visionär in Welternährungsfragen: Benedikt Haerlin.
In seinem Fachvortrag beim Forum Ökologie im großen Saal des Traunsteiner Rathauses sowie im anschließenden Gespräch mit der Lokalredaktion ließ er keine Zweifel offen: die Ergebnisse und Zahlen des Weltagrarberichts von 2008 sprechen eine deutliche Sprache. Eine Milliarde übergewichtiger fehlernährter Menschen in der industrialisierten Welt bei einer Milliarde massiv hungernder Menschen können mit noch so aggressiven (Lebensmittel-)Wachstumszielen auch in Zukunft nicht weniger werden, wenn nicht grundlegend die Agrarpolitik geändert werde.
Traunsteins Dritte Bürgermeisterin Waltraud Wiesholer-Niederlöhner, Beate Rutkowski vom miteinladenden Bund Naturschutz Traunstein als auch Anneliese Kiermaier vom veranstaltenden Forum Ökologie stellten ihn als Mann der deutlichen Worte vor, der wie kaum ein anderer in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied des Weltagrarberichts fundierten Einblick in Ursachen und Auswirkungen der Welternährungssituation habe. Bekannt geworden als Herausgeber der linkspolitischen Zeitung „radikal“ und später Journalist bei der „tageszeitung“ machte Haerlin bereits Mitte der 80er Jahre als einer der ersten Grünen-Abgeordneten im EU-Parlament von sich reden.
Und so verabschiedeten sich bald Chemie- und Gentechnik-Agrogiganten wie „Monsanto“ aus dem Autorenkreis. Letztlich weigerten sich auch die großen Weltmächte, wie die Vereinigten Staaten, das Werk anzuerkennen und zu unterzeichnen. Diese Brisanz des Berichtes erläuterte Haerlin an den sieben zentralen Botschaften darin. Zunächst ist das Werk klar nicht lösungsfixiert wie die Industrie, welche sich stets anhand ihrer Produkte überlege, welche Probleme man damit lösen könnte, sondern problemorientiert. Aus der Problemanalyse ergab sich, dass die Zukunft in einer multifunktionalen Landwirtschaft liege, welche stets nach dem Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Menschen und der Natur suche sowie auch die Spiritualität (Pacha Mama) im Wesen der Natur erkenne.
Dazu sei es unabdingbar, auf Kleinbauern in dezentralen Strukturen (heute haben 85 Prozent aller Landwirte weniger als zwei Hektar Fläche) zu setzen, statt auf die Konzentration weniger Agrarindustriemächte. Nur so könne auch nachhaltig der Hunger vor Ort überwunden werden. Um dort hin zu gelangen, bedarf es keiner kleinen Schritte, sondern einer regelrechten „agrarökologischen Revolution“, also eines fundamentalen Umdenkens in der Landwirtschaft. Besonders hilfreich wäre dabei die Neubewertung der Rolle der Frau vom zentralen Arbeitsmotor in den hungernden Ländern hin zum lenkenden Glied in der Versorgerkette. Statt bloßer Ernährungssicherung müsste man also in den armen Ländern auf Ernährungssouveränität setzen. Längst sei die Welternährungssituation kein Einzelproblem, sondern im Verbund mit der durch den Menschen in seiner historisch einmaligen steuernden Funktion (Haerlin sprach vom Anthropozän) verursachten weltweiten Schadenslage (zu der Klimawandel, Ozonloch oder Wasserverschmutzung zählen) zu sehen. Blickt man auf die Ursachen, warum eine Milliarden Menschen hungern, ebenso viele aber unter Übernährung und noch mal so viele an Fehlernährung leiden, so komme man schnell auf des „Pudels Kern“.
Aus den 2,3 Milliarden Tonnen Getreide, die letztes Jahr geerntet wurden, wurden nur 46 Prozent Lebensmittel. Ein Drittel wurden Tierfutter und ein Fünftel wurde mehr oder weniger verheizt (mit steigender Tendenz). Es wäre also genug zu essen vorhanden, nur dominiere der Fleischkonsum, was den Futtermittelverbrauch drastisch erhöhe und die Fettleibigkeit in den Industrienationen zum globalen Problem werden lässt.
Haerlin machte an dieser Stelle gleich zwei weitere Fehlentwicklungen aus: einerseits sei die Fokussierung auf Lebensmittel als den „Biosprit der Zukunft“ eine Sackgasse, wie die massiven Landaufkäufe in Afrika und Südamerika durch Spekulanten und Investoren in diese fragliche Zukunftsenergie zeigen. Andererseits sei es ein Irrglaube, den jährlich wachsenden Bedarf an Lebensmitteln mit Gentechnik decken zu wollen. Er forderte einen Paradigmenwechsel: „weg vom Produktivismus hin zur Genügsamkeit (nur das also zu produzieren, was auch wirklich benötigt werde), weg vom Mehrwert hin zum Nährwert“. Nicht mehr die Flächengröße solle das Maß von Subventionen sein, sondern der Bauer und seine Familie. Nur so könne auch Artenvielfalt wieder entstehen, wie er am Beispiel eines thailändischen Bauern zeigte. Und zu guter Letzt müsse auch der Verbraucher einsichtig sein und sein Konsumverhalten hinterfragen. Auf die Frage eins Zuhörers, ob Haerlin an einen solchen Sinneswandel glaube, entgegnete er: „Beim Kampf gegen die Gentechnik habe ich trotz vieler Skeptiker erleben dürfen, dass es letztlich mit Hilfe der Konsumenten gelang.“
sts



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.